Rallye-Legende Rauno Aaltonen: "Finnen sind Einzelkämpfer"

Rauno Aaltonen kommt auf fast jedem Untergrund rasend schnell um die Kurve. Im Benzingespräch erzählt er von seinen ersten Fahrversuchen als Sechsjähriger in einem Buick. Außerdem kennt er den Zusammenhang zwischen den Russen und der Rallye-Begeisterung der Finnen.

SPIEGEL ONLINE: Mika Häkkinen, Kimi Räikkönen, Marcus Grönholm und Rauno Aaltonen – Finnland hat lediglich fünf Millionen Einwohner, aber ziemlich viele berühmte Motorsportler. Woran liegt das?

Rauno Aaltonen: Es liegt in den Genen. Die Geschichte hat uns zu Einzelkämpfern gemacht. Erst waren Finnen die Soldaten des schwedischen Königs, und dann wurden wir in 300 Jahren mehrere Male von den Russen überfallen. Noch in meiner Generation kann jeder Finne mit Pistole, Gewehr und Messer umgehen. Wir sind ein friedliches Volk, aber eines das kämpfen kann. Heute eben im Sport. Finnen sind miserable Mannschaftssportler, aber stark in Einzeldisziplinen: Auf der Piste, in der Loipe – oder eben auf der Straße.

SPIEGEL ONLINE: Und warum sind ausgerechnet die finnischen Rallyefahrer so gut?

Rauno Aaltonen: Der Altmeister des Driftwinkels gilt auch als "Rallye-Professor", weil so kompetent über diesen Sport parlieren kann.

Rauno Aaltonen: Der Altmeister des Driftwinkels gilt auch als "Rallye-Professor", weil so kompetent über diesen Sport parlieren kann.

Aaltonen: In Finnland gibt es strenge Tempolimits, und Bußgelder orientieren sich am Einkommen. Wer also Spaß haben will, weicht auf Waldwege aus. So wird man zum Rallye-Fahrer. Außerdem wurde uns in der Fahrschule das Driften beigebracht und es gab einen Pflicht-Schleuderkurs für Fahranfänger.

SPIEGEL ONLINE: Sind in Finnland Rallyefahrer Volkshelden?

Aaltonen: Absolut, denn Rallyefahren ist unser Volkssport. Ich habe das am eigenen Leib erlebt: Bei einer Wahl des bekanntesten Finnen in den siebziger Jahren wurde ich Erster – vor dem damaligen Präsidenten.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben sie mit dem Autofahrern angefangen?

Aaltonen: Eigentlich darf ich das nicht sagen – mit sechs. Mein Vater hatte ein Autohaus und ich durfte in einem 38er Buick herumkurven. Ich brauchte zwar einige Kissen, um übers Lenkrad zu schauen, aber es hat funktioniert. Und ich war sehr vorsichtig. Mein Vater hat mich immer gewarnt: 'Wenn was passiert, bekomme ich Ärger, und du nie den Führerschein'.

SPIEGEL ONLINE: Später waren Sie doch eher der Draufgänger?

Aaltonen: Nur auf der Rallye-Piste. Im Alltag hatte ich noch nie einen ernstzunehmenden Unfall, doch bei den Rennen hat es oft gekracht. Ich habe mich mit 21 Autos überschlagen, mit einem Mini sogar sechsmal.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich dabei verletzt?

Aaltonen: Nein, wir haben unsere Sachen eingesammelt, den Schnee aus dem Auto geholt und sind sogar noch Zweiter geworden?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben schon auf der ganzen Welt Autos über Stock und Stein geprügelt, mit welchem Untergrund kommen Sie am Besten zurecht?

Aaltonen: Ich bin in fast 130 Ländern Auto gefahren. Im Prinzip war jeder denkbare Untergrund dabei. Am liebsten ist mir fester Sand ohne Steine, weil man da bedenkenlos driften kann. Schnee mag ich nicht so sehr.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem fegen Sie auch in beachtlichem Tempo über Schneepisten.

Aaltonen: Nun, ich bin auch leidenschaftlicher Skifahrer. Und Skifahren und Autofahren haben viel gemeinsam. Beides ist vor allem Gefühlssache, es kommt auf die richtige Blickrichtung an, und so wie der Skifahrer seine Kanten einsetzt, nutze ich den Drift des Autos: Anbremsen, Einlenken, Gasgeben – so schwingt man wie auf Skiern um die Kurve.

SPIEGEL ONLINE: Kann man für den Alltag auf öffentlichen Straßen etwas von Ihnen und Ihrem Fahrstil lernen?

Aaltonen: Sehr viel, deshalb habe ich gemeinsam mit BMW vor mehr als dreißig Jahren das Fahrertraining entwickelt und stehe heute noch oft genug auf dem Übungsplatz.

SPIEGEL ONLINE: Gibt so etwas wie goldene Regeln fürs Autofahren?

Aaltonen: Die richtige Sitzposition, genügen Abstand zum Vorausfahrenden und die richtige Einstellung. Ein Fahrertraining ist vor allem eine automobilistische Psychotherapie. Es geht darum, Emotionen zu beherrschen, nicht immer auf sein Recht zu pochen und mit Fehlern der anderen zu rechnen. Wer das beherzigt und dann noch driften lernt, der kommt auch gut durch den Winter.

SPIEGEL ONLINE: Welches Auto fahren Sie gerade?

Aaltonen: Zuletzt war es ein BMW 320i. Ich hätte den Wagen gern als Kombi gehabt, aber meine Frau wollte kein so großes Fahrzeug, also nahmen wir die Limousine. Aber wir haben das Auto verkauft, es wurde zu wenig gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Autofahren aufgegeben?

Aaltonen: Keineswegs. Aber ich bin so viel unterwegs und habe immer fremde Fahrzeuge, dass sich ein eigenes Auto für mich überhaupt nicht lohnt.

SPIEGEL ONLINE: Falls Sie doch mal privat unterwegs sind, wer sitzt dann am Steuer?

Aaltonen: Meistens ich.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein schlechter Beifahrer?

Aaltonen: Nein, überhaupt nicht. Ich würde mich liebend gerne von meiner Frau chauffieren lassen. Aber sie mag nicht, wenn ich ihren Fahrstil kommentiere. Und ich kann einfach nicht den Mund halten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Aaltonen, Sie haben große Teile Ihres Lebens im Auto verbracht. Denken Sie mit mittlerweile 71 Jahren auch manchmal ans Aufhören?

Aaltonen: Nein, nicht im Geringsten. Die Arbeit beim Fahrertraining macht mir Spaß, weil ich den Menschen etwas beibringen und ihnen helfen kann. Und was gibt es schöneres als Briefe ehemaliger Teilnehmer, die gerade einen schweren Unfall verhindert haben. 'Herr Aaltonen, vielen Dank, Sie haben mir das Leben gerettet.'

Das Gespräch führte Tom Grünweg

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