Raststätten-Revolution Zwischen Schnitzel und Feng Shui

Ein Feng-Shui-Restaurant soll Autofahrer mit positiver Energie beflügeln, ein Lounge über der Fahrbahn als Großraumbüro dienen - deutsche Raststätten bieten mittlerweile mehr als überfüllte Parkplätze und überteuerte Pommes.

Von Philip Wesselhöft


Während der Verkehr jahrein, jahraus übers graue Asphaltband fließt, hat sich am Straßenrand eine kleine Revolution abgespielt. Stück für Stück haben sich die deutschen Autobahnraststätten vom freudlosen WC-Stopp mit angeschlossenem Currywurst-Imbiss zur echten Erlebnis-Gastronomie gewandelt. Mittlerweile bekommt man weitaus mehr als schlechten Kaffee und graues Großküchen-Allerlei in Plastik- und Furnierambiente serviert. Immer mehr Raststättenpächter legen neben umfangreich bestückter Salatbar und frischen Wok-Gerichten vor allem auch Wert auf ungewöhnliche Architektur und Ausstattung.

Bestes Beispiel ist die vor rund drei Jahren neu eröffnete Raststätte Gruibingen Süd an der A8, Europas erste Feng-Shui-Rastanlage. Pächter Erich Kaul setzt auf die asiatische Lehre der Harmonie und des Wohlbefindens, um seine Gäste möglichst gut erholt wieder auf die Straße zu entlassen. Das ganze Gebäude wurde ohne Ecken und Kanten konzipiert, um "den Fluss der Energie nicht zu stören", wie Kaul erklärt. So hat das Dach die Form einer geschwungenen Welle, die sich genau der hügeligen Landschaft der schwäbischen Alb anpasst. Der Grundriss liegt in einem vom eigens beauftragten Feng-Shui-Berater exakt berechnetem Winkel schräg zur Fahrbahn, "damit der Energiestrom ins Gebäude hineingeführt wird und die Gäste energetisch gestärkt ihre Reise fortsetzen können", sagt Erich Kaul.

Das Rezept hat Erfolg, die Besucher zeigen sich "begeistert", so der Raststätten-Pächter. Eine kürzlich erst durchgeführte schriftliche Kundenbefragung habe bewiesen, dass sich gerade auch ältere Reisende in dem dezent esoterisch angehauchten Autobahnrestaurant wohlfühlen - wohl auch, weil es neben den täglich wechselnden Wok-Gerichten auch weiterhin Schnitzel und Bratwurst gibt, die noch immer die am häufigsten bestellten Gerichte in Gruibingen Süd sind. Nur mit einem zeigen sich die Gäste etwas unzufrieden: Die Grünpflanzen sind künstlich, was aber laut Kaul, der auch sein Privathaus nach asiatischem Vorbild gebaut hat, nicht im Widerspruch zur Harmonie-Lehre stehe: "Plastikpflanzen sind im Business-Feng-Shui kein Problem." Eine echte, aber vertrocknete Palme zum Beispiel wäre nicht gut: "Tote Pflanzen haben keine positive Energie", weiß Feng-Shui-Experte Kaul.


Zwischen Geschmacksverirrung und Kunst

Doch nicht nur mit positiver Energie lassen sich Autofahrer zum Abfahren auf eine der 720 Raststätten und Tankstellen an deutschen Autobahnen bewegen. Das zeigt nun schon seit acht Jahren die Raststätte Illertal-Ost, die manche für eine grobe Geschmacksverirrung, andere für Kunst halten. Auf jeden Fall stoppen Reisende besonders gerne auf der Rastanlage zwischen Ulm und Kempten, die vom griechischen Tempel über ein chinesisches Pagodendach bis zum altdeutschen Fachwerk nahezu alle architektonischen Stilmittel seit Errichtung der Pyramiden in sich vereint.

Auf den Toiletten ertönt Vogelgezwitscher, gekachelt wurden die Sanitäranlagen anscheinend von einem Fliesenleger auf LSD, und draußen erheben sich drei aberwitzig-kitschige Türme in den Himmel über der A7, die der österreichische Künstler und Raststätten-Architekt Herbert Maierhofer als Symbol "für die drei Weltreligionen" sieht: "Das multikulturelle Leben, das sich auf der Autobahn abspielt, findet in der Raststätte seinen Ausdruck", so der Künstler. Jedenfalls gibt es in der Anlage genügend Möglichkeiten für Begegnungen: Im ersten Stock stehen Billard-Tische zur Verfügung, und sollten sich in dem ungewöhnlichen Bau zwei Reisende ineinander verlieben, können sie später im Hochzeitssaal an der Autobahn heiraten - was tatsächlich schon vorgekommen ist.

Zu Begegnungen wird es im Sommer auch auf der Raststätte Resser Mark an der A2 kommen. Nur wenige Kilometer von der Arena auf Schalke und dem Dortmunder Westfalenstadion entfernt, soll hier zur Fußball-WM ein Studio errichtet werden, in dem mit Leinwand und Beamer die Spiele der WM gezeigt werden. Passend zum jeweiligen Gruppenspiel will der Küchenchef landestypische Gerichte servieren.


Großraumbüro über der Fahrbahn



Der Klassiker unter den Autobahnraststätten aber dürfte immer noch die Anlage Dammer Berge sein, wo sich eins von deutschlandweit nur zwei Brückenrestaurants über die Autobahn streckt. Bekannt auch als "das Ding an der A1" oder "das Tor zum Norden", wird das spektakuläre Bauwerk über der Fahrbahn nicht nur von Urlaubern, sondern vor allem auch von Handelsreisenden besucht. "Viele nutzen uns als Großraumbüro", sagt Pächter Jan Werner mit einem Augenzwinkern. "Weil man uns von beiden Autobahnseiten gleich gut erreichen kann, treffen sich viele Geschäftsreisende quasi in der Mitte auf der Brücke." Dafür stehen in einer Business-Lounge alle technischen Voraussetzungen von Internet über Fax bis zur Espressobar bereit, um ein erfolgreiches Geschäft abzuschließen.

Und auch urlaubende Familien kommen in den Genuss eines besonderen Services: Zur Ferienzeit betreuen Erzieher die Kinder, während sich die Eltern vom eventuellen Rückbank-Gequengel der letzten hundert Kilometer erholen können. Schon deshalb gibt es viele, die Pächter Jan Werner mittlerweile zu seinen Stammgästen zählt und die das vertraute Ambiente der rund 30 Jahre alten Raststätte schätzen. Allerdings waren auch die perplex, als sich neulich ein Raststätten-Mitarbeiter in der Mitte des Restaurants aufbaute und rief: "So, alle sitzen bleiben, bitte. Wir drehen jetzt die Brücke." Nach kurzer Stille und einem Verweis auf die karnevalistische Narrenzeit konnten einige aufgeregte Gäste beruhigt werden. Und die Brücke blieb fest natürlich verankert.



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