Recycling von Altautos Die Abwrack-Tasche

Aus alten Autos lässt sich mehr machen als Weißblechdosen. Zum Beispiel modische Taschen, wie sie eine kleine Designfirma aus Toronto herstellt. Das Rohmaterial dazu stammt vom Schrottplatz - oder von Autobesitzern mit Trennungsschmerz.

Mariclaro

Von Markus Bruhn


Einen schwarzen Plastikmüllsack und ein Teppichmesser hat Sven Schlegel immer dabei, wenn er über den Schrottplatz streift. Dort hält er Ausschau nach ausrangierten Autos unterschiedlichster Marken und Baujahre, deren Inneneinrichtung noch einigermaßen erhalten und möglichst originell und farbenfroh ist. Lederbezüge, Sitzpolster, Sicherheitsgurte und Gurtschlösser sind die Dinge, die Schlegel auf der Pirsch den rostigen Wracks entnimmt. Das Zeug landet dann in dem schwarzen Müllsack. Und wenn der voll ist, hat sich die Fledderei mal wieder gelohnt.

"Some call it junk, we call it potential", lautet das Motto der Designfirma Mariclaro des aus Zwickau stammenden Schlegel, der in Toronto lebt. Aus den scheinbar wertlosen Innereien von Autowracks, die er und andere Kollegen auf den Schrottplätzen aufgabeln, entstehen nämlich später exquisite Laptop-Mappen, Umhängetaschen oder Sportbags.

Die Idee dazu verdankt Schlegel dem Wahlkampf in Mexiko - was bizarr klingt, sich aber überraschend einfach erklärt: Im Rahmen seiner Geografiediplomarbeit verschlug es Schlegel im Jahr 2005 von der Uni Dresden ins mexikanische Campeche, wo er bei einem Projekt der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit mitwirkte. "In Mexiko wird jegliche Reklame auf Plastik gedruckt. So kam uns der Einfall, als Recyclingprojekt alte Wahlplakate in Taschen umzuwandeln", sagt Schlegel.

Im vergangenen Jahr entschloss sich der 32-Jährige, sein Hobby zum Beruf zu machen. Mit der Kollegin Willa Murray eröffnete er ein Designstudio, in dem nun statt Vinylplakaten Sitzbezüge, Sicherheitsgurte und Gurtschlösser verarbeitet werden. Monatlich nähen, stanzen und kleben Schlegel und Murray zusammen mit zwei Mitarbeitern etwa 150 Taschen-Unikate aus Pkw-Resten zusammen.

Schatzsuche auf dem Autofriedhof

Auf den Touren über die Autofriedhöfe wird Schlegel regelrecht zum Schatzsucher. Es sind besondere Momente, wenn er mal wieder ein seltenes Stück Stoff findet - und dafür scheint Ontario das richtige Pflaster: "Ich komme ursprünglich aus Zwickau und das einzige Auto, das man dort früher sah, war der Trabant. Jetzt schneide ich aus einem Knight-Rider- oder Colt-Seavers-Auto die Materialen heraus."

Die neuste Idee des Recycling-Studios richtet nicht so sehr an Taschen-, sondern an Autoliebhaber. Dazu wurde das Wort Abwrackprämie ein wenig uminterpretiert. "Immortalized cars" nennt sich das Angebot, etwa: Verewige dein Auto! Und es funktioniert so: Bevor Autobesitzer ihr ausrangiertes Gefährt in die Schrottpresse geben, werden Gurte, Sitzbezüge, Gurtschlösser und andere brauchbare Teile entfernt. "Wir schneidern daraus dann ganz nach Wunsch ein sehr persönliches Andenken an den Wagen", erklärt Schlegel. "Das Produkt ist dann um eine persönliche Geschichte reicher."

Noch ist das Angebot auf Nordamerika begrenzt, doch sollte das Konzept einschlagen, stünde einer Ausdehnung auf den deutschen Markt nichts im Wege. Wer weiß, vielleicht trägt bald auch hierzulande manch einer den Laptop in einer Tasche umher, die aus dem Dach des geliebten Cabrios geschneidert wurde - oder den Einkauf in einer großen Tasche aus dem Bezug der Rücksitzbank eines verschrotteten Vans.

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