Reifen aus nachwachsenden Rohstoffen: Grünzeug auf der Felge

Von Christian Frahm

Bio-Autoreifen: Die Kräutermischung macht's Fotos
Bridgestone

Die Reifenindustrie ist abhängig - und sucht nach Ersatzstoffen für Rohöl, aus dem heutige Autoreifen zum Großteil bestehen. Die Ersatzdrogen sind Sojaöl, Löwenzahnwurzeln und Saft aus Wüstensträuchern. Klingt irre? Erste Tests machen Hoffnungen auf den baldigen Einsatz von Bio-Pneus.

Mit kaum einer anderen Maßnahme lässt sich beim Auto auf einen Schlag so viel beim Verbrauch einsparen wie bei der Wahl des richtigen Gummis. Bis zu fünf Prozent weniger Spritkonsum lässt sich durch den Einsatz sogenannter Leichtlaufreifen erzielen. Kein Wunder, dass die Hersteller gerne zu den Pneus greifen, um ihre CO2-Ziele zu erreichen.

Die Reifenhersteller jedoch arbeiten selbst daran, die Pneus umweltfreundlicher und nachhaltiger herzustellen. Ihr Ziel: Den Rohölverbrauch bei der Pneuproduktion drastisch zu reduzieren - und zugleich einen Ersatz für den knappen Rohstoff Naturkautschuk zu finden.

Naturkautschuk stammt derzeit fast immer vom mittelamerikanischen Kautschukbaum, dessen Rinde angeritzt wird. Der dann hervortretende, weißliche Saft wird aufgefangen und später zu Gummi verarbeitet. Das Problem: Die Bäume wachsen langsam, frühestens im Alter von fünf Jahren dürfen sie zum ersten Mal angeritzt werden und ihr Bestand lässt sich nicht wie benötigt vergrößern.

Auf Bio-Reifen ins post-petrochemische Zeitalter

Die Folge: Inzwischen wird ein großer Teil des weltweiten nachgefragten Kautschuks synthetisch hergestellt - und dazu braucht es Rohöl. Die Reifenindustrie ist damit stark abhängig vom Rohölpreis, denn Öl macht rund 65 Prozent der Bestandteile eines normalen Pkw-Pneus aus.

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Altreifenverwertung: Schutz mit alten Gummis
Das soll sich radikal ändern. Der Reifenhersteller Bridgestone hat kürzlich einen Reifen präsentiert, der komplett aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt ist. Der synthetische Kautschuk und der Ruß für die Gummimischung wurden nicht mehr aus fossilen Rohstoffen, sondern aus Biomasse gewonnen. Der in dem Prototypen verwendete Naturkautschuk beispielsweise stammt von der Guayule-Pflanze, einem Zwergstrauch aus den Wüstengegenden Mexikos und dem Südwesten der USA. Der Ruß wiederum wurde aus pflanzlichem Öl gewonnen und die Gewebeschichten, die normalerweise aus Synthetik-Fasern bestehen, fertigte Bridgestone aus Zellulosefasern.

Rohöl wird für diesen Reifen nicht mehr gebraucht. Mit solchen Pneus könnte die Branche deswegen in die post-Petrochemische Ära rollen. Zumal die ersten Praxisversuche laut Herstellerangaben verheißungsvoll verliefen. Der Naturreifen sei in seinen Eigenschaften vergleichbar mit den derzeit auf dem Markt befindlichen Reifen. Rollwiderstand, Bremseigenschaften und Straßenhaftung sind demnach genauso gut wie bei herkömmlichen Gummis. Bridgestone kündigt daher an, der Pneu solle ab 2020 auf den Markt kommen.

Löwenzahnsaft und Sojaöl im Autoreifen der Zukunft

Auch andere Hersteller haben die Notwendigkeit von alternativen Materialien erkannt. Continental beispielsweise forscht an der Herstellung von Kautschuk aus den Wurzeln des sibirischen Löwenzahns. Wann ein derartiger Reifen mit Gummi aus Blümchenextrakt auf den Markt kommt, steht aber noch nicht fest. "Wir sind der Meinung, dass man einen Prototypen erst dann präsentieren sollte, wenn dieser nahezu marktreif ist. Die Verfahren an denen wir arbeiten sind derzeit aber noch nicht reif für die Industrialisierung", sagt Continental-Sprecher Klaus Engelhart.

Der amerikanische Konzern Goodyear wiederum arbeitet zusammen mit der Firma DuPont Industrial Bioscienses an der Entwicklung biologischer Isoprene, aus denen ebenfalls ohne Verwendung von Erdöl Kautschuk hergestellt werden kann. Darüber hinaus fanden die Goodyear-Entwickler heraus, dass sich die Verwendung von Sojaöl positiv auf die Eigenschaften von Autoreifen auswirkt.

Sojaöl erhöht nämlich die Laufleistung und damit die Lebensdauer der Pneus - und ist zudem ein Beitrag, um den Rohölanteil im Reifen zu reduzieren. Derzeit werden die Soja-Reifen auf einem Versuchsgelände in Texas getestet. Falls die Tests die positiven Erwartungen bestätigen, könnte der Pneu ganz schnell ins Rollen kommen. Goodyear rechnet mit einer Markteinführung im Jahr 2015.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
franneck 14.11.2012
Zitat von sysopBridgestoneDie Reifenindustrie ist abhängig - und sucht nach Ersatzstoffen für Rohöl, aus dem heutige Autoreifen zum Großteil bestehen. Die Ersatzdrogen sind Sojaöl, Löwenzahnwurzeln und Saft aus Wüstensträuchern. Klingt irre? Erste Tests machen Hoffnungen auf den baldigen Einsatz von Bio-Pneus. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/reifen-rohstoffe-hersteller-experimentieren-mit-loewenzahn-und-sojaoel-a-865811.html
Und wo werden diese Pflanzen dann angebaut? Ich schätze mal nicht auf dem Mond... Ich finde es nebenbei deutlich besser, Rohöl für die Reifenherstellung zu verwenden, als es einfach so zu verbrennen.
2. biologisch nachhaltige Reifen, jawoll!
ehf 14.11.2012
Schönes Beispiel für eine leicht schizophrene Haltung: um jeden Preis Auto fahren wollen, aber wenisgtens "Bio". Es hat ja nun schon bei dem sogenannten Bio-Sprit nicht funktioniert, aber egal. Man sieht förmlich schon die gepanzerten Dienstlimousinen der grünen CDU damit durch die Landen rollen.
3. Lungenfreundlicher Ruß?
oldharold 14.11.2012
Zitat von sysopBridgestoneDie Reifenindustrie ist abhängig - und sucht nach Ersatzstoffen für Rohöl, aus dem heutige Autoreifen zum Großteil bestehen. Die Ersatzdrogen sind Sojaöl, Löwenzahnwurzeln und Saft aus Wüstensträuchern. Klingt irre? Erste Tests machen Hoffnungen auf den baldigen Einsatz von Bio-Pneus. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/reifen-rohstoffe-hersteller-experimentieren-mit-loewenzahn-und-sojaoel-a-865811.html
Wenn man den Abrieb jedes einzelnen Reifen auf unseren Straßen hochrechnet und was davon über die Lüftung trotz Filter in unsere Lungen gewirbelt wird, freut man sich über jeden Ansatz, der eine Ursache von Lungenkrebs verhindern hilft.
4. Size matters.
juri. 14.11.2012
Wie wäre es mal wieder mit kleineren Reifen? Heute ist ja schon ein Polo optional auf 18" unterwegs. Aus dem Satz könnte man locker zwei Satz 14" herstellen, ohne wirkliche Abstriche an Sicherheit, aber mit Gewinn an Komfort. Ausserdem schleppt man weniger (ungefederte) Masse mit sich - weniger Verbrauch, mehr Komfort, oder noch leichteres Fahrzeug, weil Aufhängung, Lager und Dämpfer kleiner ausfallen können. Und wenn man vernünftige Leistungen, sagen wir mal max. 150 PS für PKW einführen würde, bräuchte man nicht soviel Bremsscheibe, kleinere Latschen oben erwähnte Vorteile inklusive. Das ganze dann noch aus einem nicht downgesiztem Motor, und Verbräuche sinken bei steigenden Haltbarkeiten und generell weniger Materialeinsatz. Und leiser wird es auch auf den Strassen, zumindest denen über 50 km/h. Ist jetzt ein paar mal doppelt gemoppelt, aber vllt. beugt das ja Nasen vor, die wieder kommen mit "passiver Sicherheit", denn 1.) fahren die anscheinend nur bei bestem Wetter, immer nur geradeaus, haben keine Spurrilllen in der Strasse und kaufen nur die besten 200 € -Pneus; für 50 € mehr bekommt man allerdings schon sehr gute Markenware im 14"-Bereich, aber 4 Stück :).
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Technik erklärt
Reifenaufbau
Den Aufbau eines Reifens kann man grundsätzlich in fünf Bestandteile untergliedern.

1. Lauffläche
Dieser Teil des Reifens sorgt zum großen Teil für die Haftung auf der Fahrbahn.

2. Gürtel

Unter der Lauffläche befindet sich der Gürtel. Er besteht aus mehreren Lagen und sorgt unter anderem für die Formstabilität und nimmt die Seitenführungskräfte während einer Kurvenfahrt auf.

3. Karkasse
Dieser Teil bildet das tragende Grundgerüst und schützt den Pneu vor Verschleiß.

4. Wulst
Der Wulst bildet die Anbindung des Reifens an die Felge und sorgt für die Luftabdichtung.

5. Seitenwand
Dieser Bereich dient zum Schutz vor Verschleiß des Reifens. Außerdem beeinflusst die Seitenwand den Fahrkomfort, weil sie für die Dämpfung des Reifens verantwortlich ist.


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