Renault 16 Schräge Type

Vor 40 Jahren debütierte mit dem Renault 16 ein Auto, das Kunden und Kenner verblüffte: Ein ausgewachsene Limousine mit Schrägheck, platzsparendem Frontantrieb und für damalige Verhältnisse höchst variablem Innenraum. Bis 1980 wurden insgesamt 1,8 Millionen Exemplare des "Raumwunders" gebaut.


Renault 16: Das Schrägheck verzückte die Autowelt

Renault 16: Das Schrägheck verzückte die Autowelt

"Der R 16 ist innen größer als außen", befand das deutsche Freizeit-Magazin "Hobby" und die Fachzeitschrift "Mot Auto-Kritik" empfand den Wagen als "Ohrfeige für die deutsche Automobiltechnik". Was war geschehen? Ganz einfach: Die französische Marke Renault hatte mit dem R 16 einen Pkw vorgestellt, der auf die Bedürfnisse der Babyboom-Jahre perfekt zugeschnitten war. Es gab Platz im Überfluss in diesem Wagen, und weil sich die Rücksitze in sieben unterschiedlichen Positionen anordnen ließen, konnte das Ladevolumen zwischen 346 und 1200 Litern variiert werden. Ein entscheidender Vorteil zu einer Zeit, in der die ersten Supermärkte an den Stadträndern entstanden und der Großeinkauf für die ganze Woche in Mode kam. Selbstverständlich wurde da ein Auto mit ordentlich Ladekapazität als Transportmittel gebraucht.

Der damalige Renault-Präsident Pierre Dreyfus hatte bereits im Sommer 1961 den Auftrag gegeben, ein komplett neues Familienauto zu entwickeln, das die Vorzüge von Limousine und Kombi vereinen sollte. Prompt zeichnete der zu dieser Zeit 31 Jahre alte Gaston Juchet eine Karosserie, die wegweisend werden sollte: Er zog eine Linie genau zwischen den Silhouetten von Limousine und Kombi - das Konzept Schrägheck war geboren.

Für die Produktion des R 16 baute Renault in Sandouville bei Le Havre ein komplett neues Werk, in dem am 2. Dezember 1964 das erste Vorserienmodell vom Band lief. Einen Monat später startete die Serienfertigung. Auch in Deutschland, wo Ludwig Erhard als Kanzler regierte, kam das moderne Mobil aus Frankreich an. Der Preis lag bei rund 7000 Mark - damit konnte der aufstrebende Mittelstand offenbar gut leben.

R 16 im Comic "Starter" von Jean de Mesmaekers: Sooo viel passt rein...

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Der R 16 wartete mit einigen Neuheiten auf. So konnten die Fondsitze umgeklappt oder ganz ausgebaut werden, es ließ sich aber zum Beispiel auch die Rücksitzlehne unter dem Dachhimmel verzurren und die Sitzbank nach vorne klappen. Weil bei beladenem Kofferraum der Renault hinten ziemlich wegsackte, erhielt er bereits serienmäßig eine Leuchtweitenregulierung, mit der das Scheinwerferlicht bei Bedarf wieder auf Straßenniveau abgesenkt werden konnte. Wer genau hinsah, konnte bei diesem Auto übrigens links und rechts zwei unterschiedliche Radstände erkennen (2,72 und 2,65 Meter). Das lag daran, dass die Techniker, um mehr Platz im Innenraum zu gewinnen, die Drehstäbe der Hinterradaufhängungen nicht übereinander, sondern hintereinander angeordnet hatten.

Dies sei "das am intelligentesten konstruierte Automobil", das er je gesehen habe, urteilte Rennfahrer Stirling Moss nach seiner Begegnung mit dem Renault 16. Der 16-malige Grand-Prix-Gewinner schlug den Ingenieuren seiner brititschen Heimat vor, "sich ein Exemplar zuzulegen, allein um zu sehen, wie es zusammengebaut ist". Auch in den USA, wohin der R 16 ab 1969 exportiert wurde, waren die Fachleute erstaunt über die Modernität des Autos. Das Magazin "Road Test" regte an, "alle in Detroit arbeitenden Designer zwei Wochen ans Lenkrad dieses Autos zu setzen, in der Hoffnung, dass ihre eingeschläferte Phantasie wieder aufgeweckt wird."

Modell R 16 TS: Gelbe Scheinwerfer, typische französisch

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Durchaus munter agierte auch der Motor des R 16 - das erste komplett aus Aluminium gefertigte Triebwerk von Renault. Anfangs lockte es auch mit 1470 Kubikzentimeter Hubraum eine Leistung von 55 PS heraus. Im Topmodell, dem 1973 vorgestellten TX, hatte der Vierzylinder bereits 1647 Kubik und 93 PS zu bieten. Die Maschine diente übrigens auch als Basismotor für echte Sportwagen. Colin Chapman steckte eine getunte Variante in den Lotus Europe und auch in den Renault Alpine Flitzern werkelten die Leichtmetallmotoren, die in der Wettbewerbsversion stattliche 172 PS auf die Kurbelwelle schickten.

Der große Erfolg des Renault 16 lag vermutlich in seiner schlauen Mischung aus einem anregend-neuen Design und dem dadurch gewonnenen praktischen Zusatznutzen. Francois Zanotti, der Verkaufsdirektor der französischen Marke in den sechziger Jahren, formulierte einst einen drastischen Vergleich, um den Zuspruch der Kunden zu erklären: "Man heiratet eine Frau ja auch nicht nur, weil sie hübsch oder gut im Bett ist, sondern weil sie Kaffee kochen kann."

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