Renault 4 CV: Cremeschnittchen zum Sechzigsten

Von Jürgen Pander

Im Herbst 1947 liefert der damalige französische Staatskonzern Renault die ersten Modelle des Typs 4 CV aus. In den folgenden 14 Jahren werden mehr als 1,1 Millionen Exemplare des Kleinwagens gefertigt, der die Massenmotorisierung Frankreichs einleitete.

"La Motte de Beurre" (kleiner Butterklumpen) juxen die Franzosen, als Renault 1946 auf dem Automobilsalon in Paris ein Auto vorstellt, das in einem undefinierbaren gelb-ocker-beigen Farbton lackiert ist. Die eigenartig blasse Farbe des Wagens ist Kalkül - und zugleich ein Recycling der besonderen Art. Kalkül, weil das Auto aus dem schwarzen Einerlei der damaligen Pkw herausstechen soll; Recycling, weil Renault, wo während der NS-Besatzungszeit Lastwagen für das deutsche Afrikakorps gebaut wurden, noch fässerweise Lack in den Tarnfarben der Wüstenstreitkräfte besitzt. Zusammengemixt ergibt das jene buttrige Tönung, die dem Auto in Deutschland flugs den Namen "Cremeschnittchen" einbringt.

Ein Jahr nach dem Debüt auf dem Autosalon ist es soweit: Der Renault 4 CV - so heißt der Wagen offiziell und ganz nüchtern, denn die Bezeichnung bezieht sich auf vier Steuer-PS - tritt ein ins Autoleben. Lange stand das Schicksal dieses Autos auf der Kippe. Der erste Prototyp war bereits 1942 entstanden, doch seit 1944 der französische Staat das Unternehmen übernommen hatte, sollten dort eigentlich keine Pkw, sondern nur noch Lkw gebaut werden. Vorstandschef Pierre Lefaucheux jedoch blieb hartnäckig bei seinem Plan, ein Auto für breite Bevölkerungsschichten auf die Räder zu stellen. Und er setzte sich durch.

Der 4 CV war ein Kleinwagen der besonderen Art. 3,61 Meter lang, aber serienmäßig mit vier Türen ausgestattet und mit einem recht geräumigen Kofferraum unter der Fronthaube. Im Heck saß der wassergekühlte Vierzylindermotor mit 760 ccm und 17 PS, der seine Kraft über ein Dreigang-Getriebe an die Hinterräder leitete. 90 km/h waren maximal möglich - und auf den vielen unbefestigten Straßen in der Provinz durchaus ausreichend. Der Durchschnittsverbrauch lag bei sechs Liter Benzin je 100 Kilometer.

Massenmotorisierung in Frankreich

Was für Deutschland der VW Käfer, war für Frankreich der Renault 4 CV. Bereits 1949 wurden pro Tag 300 Fahrzeuge gebaut, und die Lieferfrist betrug schon mehr als ein Jahr. Gebaut wurde das Auto zunächst im Renault-Stammwerk in Billancourt, dann im Flins und später auch im britischen Acton, im belgischen Haren und im spanischen Valladolid. Selbst in Japan fertigte der Nutzfahrzeughersteller Hino Diesel den Wagen ab 1953 in Lizenz. Das Rechtslenker-Auto wurde in Fernost vor allem als Taxi eingesetzt.

Beflügelt vom Erfolg legte Renault diverse Varianten des 4 CV auf. Das Modell "Luxe" fuhr mit verchromten Motorhaubenscharnieren und Ausstellfenstern vor; die Version "Décapotable" mit Faltdach; die Variante "Grand Luxe" mit Velours-Sitzbezügen und einer Motorleistung von 21 PS; der Typ "Commerciale" mit verblechtem Fond und ohne Rücksitze; außerdem gab es noch ein billiges Einstiegsmodell namens "Affaires" ohne jeglichen Komfort.

Neben der Ausstattungsvielfalt soll auch das Marketing den Absatz weiter ankurbeln. Renault erfindet dazu den "4 CV Sparkredit", eine frühe Form des Leasings. Die Kunden können ihr Auto in 25 Monatsraten abbezahlen, aber bereits vom neunten Monat an das Auto in Besitz nehmen. Um für diese Art der Finanzierung zu werben, lässt das Unternehmen ein Auto per Stahlseil an einem Hubschrauber befestigen und über Paris fliegen.

Klassensieg in Le Mans und bei der Mille Miglia

Selbst als Sportgerät macht der 4 CV Furore, denn der Heckmotor sorgt für eine erstklassige Traktion. Das Auto erzielt bei der Rallye Monte Carlo, in Le Mans und bei der Mille Miglia Klassensiege. Einer der erfolgreichen Rennfahrer ist Jean Rédélé, ein Renault-Händler aus Dieppe, der auf Basis des 4 CV mit Doppelvergaser und 32 PS eigene Sportwagen unter dem Namen "Alpine" fertigt. Die zur besseren Kühlung der Renn-Renaults stets halb geöffnete Motorhaube kommt übrigens auch bei Normalfahreren in Mode. So sehr, dass Renault in Presseanzeigen darüber aufklärt, dass die Kühlung der Serienfahrzeuge auch mit geschlossener Haube gewährleistet sei.

Nach zehn Jahren Bauzeit überarbeitet Renault den 4 CV, der nun einen auf 747 Kubikzentimeter Hubraum reduzierten Motor erhält. Die verkleinerte Maschine leistet allerdings 21 PS und liefert damit genug Kraft, um die 100-km/h-Marke zu knacken. Außerdem sinkt auch der Durchschnittsverbrauch auf nun 5,7 Liter Benzin. Doch es ist absehbar, dass sich die Ära des Cremeschnittchens dem Ende zuneigt. Die Franzosen fahren die Produktion allmählich herunter, und mit Beginn der Werksferien am 6. Juli 1961 rollt der letzte 4 CV vom Montageband. Einen Monat später beginnt die Fertigung des Nachfolgers Renault 4.

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