Renault-Alpine-Studie: Plattfisch ist zurück

Von Jürgen Pander

Comeback der "blauen Flunder": Zum Auftakt des Grand-Prix-Wochenendes in Monaco enthüllte Renault dort die fulminante Sportwagen-Studie Alpine A110-50. Der blaue Karbon-Renner tritt ein schweres Erbe an.

Renault-Alpine-Studie: Der rasende Plattfisch Fotos
Renault

In der Formel 1 mischt Renault ganz vorne mit, die Serienautos der französischen Marke gelten jedoch als weitgehend unrasant und durchschnittlich. Vielleicht ändert sich das in Zukunft, denn vor dem Formel-1-Spektakel in Monaco an diesem Wochenende stellte Renault einen Prototypen vor, der alles hat, was man von einem Klasse-Sportwagen erwartet: satten Wumms, fortschrittliche Technik und Sexappeal.

Eine beeindruckende Rennhistorie kommt noch obendrauf. Denn Renault lanciert die Studie unter dem Namen Alpine A110-50 und stellt das Auto damit in die Ahnenreihe des spektakulären Rallye-Renners aus Dieppe, der ab 1962 für mehr als ein Jahrzehnt die Vollgas-Szene in Europa aufmischte.

So weit gehen die Pläne mit dem neuen Modell noch nicht. Technisch basiert der Wagen auf dem Renault-Wettbewerbsfahrzeug Mégane Trophy (Rennserie: Formel Renault 3.5). Das bedeutet: Gitterrohrrahmen, Mittelmotor-Konzept, 3,5-Liter-V6 mit 400 PS und ein sequenzielles Sechsgang-Getriebe. Darüber wölbt sich in rassigen Rundungen eine Karosserie aus Karbon, die mit allen Tricks der Aerodynamik spielt - unter anderem dank eines verstellbaren Heckspoilers. Insgesamt wiegt der Zweisitzer 880 Kilogramm, was in Kombination mit den 400 PS höchst erfrischende Fahrleistungen ergeben dürfte.

Ob der Wagen lediglich ein PR-Gag zum Alpine-Jubiläum ist oder tatsächlich der Vorbote eines Supersportwagens von Renault, ist aktuell offenbar noch nicht ganz klar. Immerhin deutete bereits vor zwei Jahren die Elektro-Sportwagen-Studie Dézir darauf hin, dass die französische Marke ernsthaft über ein Auto abseits der Großserien-Modellreihen nachdenkt.

Ein Verdienst, das der Studie Alpine A110-50 allerdings schon jetzt gebührt, ist die Auffrischung des Andenkens an einen außergewöhnlichen Sportwagen, nämlich den "A110 Berlinette Tour de France" - wie das Auto bei seinem Debüt 1962 mit vollem Namen hieß.

Jean Rédélé, Ex-Rallyefahrer und Renault-Händler aus Dieppe, entwickelte und baute seit 1955 Rennwagen auf Renault-Basis; der Alpine A100 wurde sein Meisterstück. Das Auto mit Zentralrohrrahmen und Kunststoffkarosserie wog nur 575 Kilogramm, im Heck ballerte der 956-Kubik-Vierzylinder-Motor aus dem Renault 8, von Rédélé auf eine Leistung von 52 PS getunt, was den blauen Renner mit dem Spitznamen "le turbot" (der Plattfisch) 170 km/h schnell machte.

Der österreichische Journalist Herbert Völker schrieb über das Alpine-Konzept: "Eines Tages kam man in Frankreich auf die Idee, zwei liegende Männer mit Kunststoff zu überziehen und auf Räder zu stellen." Genau so war es. Puristischer als der A110 konnte ein Sportwagen kaum sein. Es gab nur vier Extras für das Auto, nämlich Nebelscheinwerfer, eine beheizbare Windschutzscheibe, ein Sportlenkrad und Liegesitze. Der Rest war Vollgas pur.

Der blaue Pistenschreck aus Dieppe

Hunderte von Rennsiegen fuhren Alpine-Piloten ein. Die größten davon: 1971 gewann der A110 die Internationale Markenmeisterschaft, 1973 die damals erstmals ausgetragene Rallye-Weltmeisterschaft; und in beiden Jahren, 1971 und 1973, gelang A110-Teams jeweils ein Dreifachsieg bei der Rallye Monte Carlo. Mit den Jahren wurden die Motoren immer größer und stärker. Die Aufrüstung gipfelte 1972 im Einsatz eines Turbomotors mit 240 PS. Der so befeuerte A110 fuhr gleich im ersten Rennen zum Sieg - es war der erste Triumph eines Turbofahrzeugs im europäischen Motorsport.

Obwohl das Nachfolgemodell, der A310 mit futuristischer Keilform und extravaganter Scheinwerferbatterie bereits 1971 auf den Markt kam, blieb der A110 das Maß der Dinge und der Bestseller der kleinen Marke aus Dieppe. Erst im Juli 1977 kam das Aus für die legendäre Flunder, nach 7489 gebauten Exemplaren. Das letzte Auto übrigens wurde nicht im typischen Alpine-Blau lackiert, sondern in grün. Grün wie Hoffnung - vielleicht ist das ein gutes Omen für den neuen Renner.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Toll !
Jonny_C 25.05.2012
Zitat von sysopComeback der "blauen Flunder": Zum Auftakt des Grand-Prix-Wochenendes in Monaco enthüllte Renault dort die fulminante Sportwagen-Studie Alpine A110-50. Der blaue Karbon-Renner tritt ein schweres Erbe an. Renault Alpine A110-50: Remake des Rallye-Renners mit Karbonkarosserie - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,835203,00.html)
Ich hatte 1979 einen gebrauchen A110. Absolut tolles Fahrzeug, und der hatte weniger Macken als viele andere meiner späteren Neuwagen. Abwohl der Renault Spider, auch seinen Reiz hatte, an den A110 kam der nicht heran, vor allem wegen der fehlenden Alltagstauglichkeit. Gut, der R5 Turbo war auch klasse, aber meiner Frau zu brutal *seufz*. Jetzt als "alter Sack" könnte ich mir durchaus nochmal vorstellen mir einen A110-50 als Zweitwagen in die Garage zu stellen........
2. Och Joh!
Dr. Fuzzi 25.05.2012
Ich bedaure außerordentlich, das die vermeintlichen Sesselpfurzer der Renaultführung, sich dazu genötigt sahen, ein derart überflüssiges Auto in angeblicher "Fortsetzung" von Alpine zu bauen. In bester Kenntnis des Originals und Besitzer des unmittelbaren Mitbewerbers "Lotus Elan", kann ich diesem Machwerk rein gar nichts abgewinnen. 400 PS aus einer 3,5 L V6 Maschine, bei lediglich 880 kg Leergewicht, was müssen da für famose elektronische Helferlein permanent am Werk sein, um so etwas überhaupt beherrschen zu können - das hat rein gar nichts mit dem Original zu tun! Auch Renault hat mal wieder übersehen, das es sich bei diesen Fahrzeugen nicht um die Optimierung der maximalen Autobahngeschwindigkeit dreht, sondern der individuelle Fahrspass sich auf einer deutlich überlegenden Landstraßenfahrt einstellt. Dazu bedarf es z.B. nicht dieses unsäglich dümmlichen Dorfdiskospoilers am Heck!
3. Meckerei
cor 25.05.2012
Zitat von Dr. Fuzzi...ein derart überflüssiges Auto in angeblicher "Fortsetzung" von Alpine zu bauen.
Wieso "zu bauen"? Wissen Sie, was das Wort "Studie" bedeutet? Klassiker. Erst mal meckern ohne das Ding noch nicht mal in Echt gesehen zu haben. Weiter so. Die selben Adjektive könnte man auch bei Ihrer unkonstruktiven Meckerei verwenden. So und jetzt bewundere ich nochmal kurz diese geile Karre auf den Bildern und gehe ohne Meckern in ein schönes Wochenende.
4. Gute Erinnerungen
Nubari 25.05.2012
an das Go-Kart-Fahrgefühl im A 310 V6 und wirklich sportliche Fahrleistungen trotz des Bauernmotors lassen auf ein neues Spaßfahrzeug hoffen. Solche sind vielleicht unvernünftig, aber das sind auch alle anderen Autos mit mehr als 1400cc.
5.
mawegda 25.05.2012
Schönes Auto, sieht prima aus. Aber schon der Megane RS macht mit seinen 265 PS einen Heidenspaß, insbesondere auf einer Rennstrecke wie der Nordschleife. Gibt ein paar schöne Videos wie da Porsches gejagt werden.
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