Ross Lovegrove entwarf einst den Walkman für Sony, arbeitete für Apple, Airbus, Philips und gilt als "Mister Organic" der internationalen Kreativszene. An der Ringstraße in Wien zum Beispiel stehen von ihm entworfene, solarbetriebene Straßenlaternen, die aussehen wie abstrakte Bäume. Lovegroves jüngstes Projekt ist ein Renault-Kleinwagen, der leuchtet wie eine Weihnachtsdeko fürs Designautohaus.
Das Elektrofahrzeug Twin'Z wurde jetzt zum Auftakt der Möbelmesse in Mailand enthüllt. Es ist das fünfte von insgesamt sechs Konzeptfahrzeugen, mit denen Renault-Designchef Laurens van den Acker die Formensprache der Marke neu definieren möchte.
Nach den Studien Dezir, Captur, R-Space und Frendzy folgt der Twin'Z, ein Auto "für Menschen konzipiert, die in der Lebensmitte stehen und ihre Zeit aktiv und dynamisch gestalten" - mehr oder weniger für alle also. Die Grundform des Autos legte Renault fest, dann durften Ross Lovegrove und die Mitarbeiter seiner Londoner Firma Studio X loslegen. "Das Renault-Design muss immer offen für Einflüsse von außen sein", sagt van den Acker. "Es gibt zahlreiche Verbindungen zwischen der Arbeit von Ross Lovegrove, die sich stark an der Natur orientiert, und unserer Designstrategie, die auf sinnlichen, organischen Formen basiert."
Karges Interieur mit Hightech-Charakter
Rundlich-amorphe Karosserien sind an sich nichts Neues, doch oft genug wirken solche Autos plump und überzeichnet - also genau so, wie ein Fahrzeug eher nicht aussehen sollte, wenn Funktion und Gestalt einigermaßen übereinstimmen. In diese Bio-Blubber-Blasen-Falle tappt Lovegrove nicht. Der kleine, knallblaue Wagen, mit 3,62 Meter Länge ungefähr so groß wie ein aktueller Renault Twingo, sieht aus wie ein ernsthaftes Auto: kompakt, kraftvoll, ausgewogen.
Das Interessante an dem Fahrzeug sind die Details. Die grünen Felgen zum Beispiel, die wie ein Gestrüpp von Ästen von der Nabe bis zu den Reifen zu wachsen scheinen. Oder das durchgehende LED-Band, das vom Renault-Rhombus in der Mitte der Frontpartie über die Flanke und Dachwölbung des Autos bis ins Heck läuft. Oder der minimalistisch eingerichtete Innenraum mit den transparenten Sitzbezügen, die das organisch geformte Skelett der Sitze sichtbar machen.
Weil es bei dieser Studie vor allem auf den Innenraum ankommt, gibt es ein Glasdach mit integrierten LED, um Sternenhimmel- und Feuerwerkslichteffekte erzeugen zu können. Und es gibt gegenläufig angeschlagene Türen sowie keine B-Säule, damit das Interieur vollständig zu sehen ist. Einziges Bedienelement ist - neben dem Lenkrad und den Pedalen - ein anstelle des Cockpits angebrachter Touchscreen im Stil eines Tablet-Computers. Wer in der Natur nach einem Vorbild für diese karge Interieur-Landschaft sucht, würde sie wohl in einer Wüstengegend finden.
Renault nutzt die Studie Twin'Z auch, um das Publikum in Mailand auf die hauseigenen Elektromodelle aufmerksam zu machen, denn auch das Designmobil trägt Lithium-Ionen-Akkus im doppelten Fahrzeugboden und wird ausschließlich von einem 68-PS-E-Motor angetrieben - wie beispielsweise auch der Elektrokleinwagen Zoe.
Welche Bedeutung hat der Twin'Z sonst noch? Vermutlich auch, die Marke Renault zurückzubringen in eine eher avantgardistische Spur, wo sie ehemals mit Autos wie dem Vel Satis oder dem Avantime und dem Slogan "Createur d'Automobiles" schon einmal war - allerdings mit durchwachsenem Erfolg. Es geht vor allem um das Image. Konkrete Details aus dem Twin'Z werden wohl allenfalls in sehr kleinen Dosen in spätere Serienmodelle von Renault eingehen.
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