Elektroauto im Alltagstest, Teil 6 Preiskrampf an der Ladesäule

Jetzt wird es ernst: Unser E-Autor hat seinen Chip vergessen, der das Stromtanken einfacher macht. Die Alternative über SMS und Handyfreischaltung ist erst mal keine - sie offenbart aber das Preiswirrwarr der Anbieter.

Christian Frahm

Von Christian Frahm


Worum geht's?

Versuchen kann man's ja mal: Christian Frahm lebt in einem Wohngebiet im Osten Hamburgs und möchte herausfinden, wie praktisch ein Elektroauto für ihn ist. Ein Test unter verschärften Bedingungen - denn er hat keine Garage und kann sein E-Mobil nur an öffentlichen Ladesäulen mit Strom befüllen. Auf SPIEGEL ONLINE berichtet er über seine Erfahrungen.

Was bisher geschah

Von den Fahrten mit dem E-Mobil bin ich begeistert, und gratis parken kann ich mit meinem Renault Zoe auch. Selbst der Ausflug an die Ostsee klappte problemlos. Nur das Laden bleibt abenteuerlich.

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Elektroauto im Alltagstest, Teil 6: Die volle Ladung Intransparenz

Beispiel gefällig?

Dass ich meinen RFID-Chip im Büro vergessen habe, merke ich leider erst, als ich den Wagen an einer Ladesäule mit Strom betanken will. Den Chip benötige ich, um die Säule freizuschalten. Aber kein Problem: Der Strom lässt sich ja auch im sogenanntem Direct-Pay-Verfahren per SMS bezahlen. Eigentlich.

Wie das Prinzip funktioniert, steht glücklicherweise auf der Ladesäule. Ich schicke also eine SMS mit der Nummer des Ladepunkts an die angegebene Servicenummer. Ich warte. "Vorgang derzeit nicht möglich", steht in der Antwort-SMS, außerdem auf dem Display der Ladesäule. Ich werde um Verständnis gebeten. Kein Problem. Ich versuche es noch einmal. Wieder vergeblich.

Ich rufe bei der Service-Hotline des Ladesäulenbetreibers an. "Das könnte an ihrem Mobilfunkvertrag liegen", erklärt mir ein Mitarbeiter. "Sie müssen bei Ihrem Vertragspartner anrufen und der Abbuchung eines Drittanbieters über ihre Handyrechnung zustimmen, sonst funktioniert die Abbuchung nicht, und sie bekommen keinen Strom." Ich rufe also bei meinem Mobilfunkbetreiber an und lande in der Warteschleife. Voraussichtliche Wartezeit: 15 Minuten. Ich lege genervt auf. Aus dem Akkuladen wird heute nichts. Gut, dass ich noch genügend Kilometer Restreichweite habe.

Willkommen im Tarifdschungel!

Nach kurzer Recherche wird deutlich, dass die SMS-Funktion nicht nur kompliziert ist, sondern auch zusätzliche Kosten verursacht. Im Falle der von mir angesteuerten Ladesäule zum Beispiel wären erst einmal 1,73 Euro Servicegebühr pro Vorgang fällig gewesen. Hinzu kommen die Stromkosten, in diesem Fall 27 Cent pro Kilowattstunde. Auf diese Summe werden aber noch weitere 12,5 Prozent "Transaktionskosten" aufgeschlagen.

Ich erinnere mich an die Worte von Ralph Kampwirth, Mitarbeiter beim Stromanbieter Lichtblick: "Versuchen Sie mal herauszufinden, wie Sie wo und zu welchem Preis in Deutschland Strom tanken können. Da haben Sie keine Chance." Das hatte er mir gesagt, als ich meinen RFID-Chip bei ihm abholte.

Der Grund für das Preis-Chaos

Die Ladesäulen werden je nach Region von unterschiedlichen Stromkonzernen betrieben. In Hamburg beispielsweise vom Betreiber Stromnetz Hamburg, in Baden-Württemberg von EnBW, in Nordrhein-Westfalen von RWE. Abhängig von den Tarifen der Betreiber fallen somit auch die Strompreise an den Ladesäulen unterschiedlich aus. Mal sind es 27 Cent, an der Ladesäule einen Kilometer weiter können es 30 Cent sein, an einer anderen sogar 56 Cent pro Kilowattstunde.

Und falls man per SMS-Verfahren und über die Mobilfunkrechnung Strom beziehen möchte, dann fallen auch noch jeweils unterschiedliche Servicegebühren und Transaktionskosten an.

Manche Anbieter rechnen nach Strommenge ab, andere nach Zeit

Ein Beispiel: An der Ladesäule in der Hansastraße 27 in München zahlt man eine einmalige Aktivierungsgebühr von 36 Cent und zusätzlich 14 Cent für jede Minute, in der das Auto an die Ladesäule angeschlossen ist. Wollte ich den komplett leeren Akku meines Renault Zoe einmal füllen, würde das rund 23 Euro kosten. An meiner Ladesäule in der Hamburger Innenstadt zahle ich nur die Hälfte dieses Preises: Dort wird nach Kilowattstunde abgerechnet. Eine kWh kostet 27 Cent, macht für eine volle Akkuladung 11 Euro.

An manchen Säulen wird nach Minuten abgerechnet - dann wird's richtig teuer.
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An manchen Säulen wird nach Minuten abgerechnet - dann wird's richtig teuer.

Das Fazit nach den ersten Tagen mit dem Elektroauto

Ohne Lademöglichkeit zu Hause oder am Arbeitsplatz kann die Strombeschaffung mühsam sein und erfordert ein gewisses Engagement vom Kunden. Die Tarife an den Ladesäulen sind undurchsichtig - hier muss man sich erst mal ein Grundwissen aneignen. Kunden von Ökostromanbietern können sich zudem nicht sicher sein, ob Kohle- oder Atomstrom in den Akku fließt. Das größte Problem habe ich mir aber selber eingebrockt - dadurch, dass ich den RFID-Chip vergessen habe.

Trotzdem: Viele meiner anfänglichen Sorgen über Reichweite und Lademöglichkeiten sind inzwischen verflogen. Eine freie Stromsäule habe ich bisher auch jedes Mal gefunden. Außerdem reicht eine Akkuladung für meine Trips in der Innenstadt mehrere Tage. Restreichweite im Akku zu haben, ist für mich dennoch zur goldenen Regel geworden.


Lesen Sie in der nächsten Folge: Wie mich Zoe zu einem anderen Menschen gemacht hat (Na ja, immerhin zu einem anderen Autofahrer)

Teil 1: Mein Leben als Ladesäulen-Nomade

Teil 2: Warum Ladesäulen den Dienst verweigern

Teil 3: So zäh fließt der Strom ins E-Mobil

Teil 4: Parkplatz gratis, Ärger umsonst

Teil 5: Langsam läuft’s

Wie gut kennen Sie sich mit Elektroautos aus? Testen Sie ihr Wissen in unserem Quiz.

insgesamt 188 Beiträge
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Seite 1
brotherandrew 07.06.2017
1. Der ...
... Autor sollte wissen, dass er über das Z.E. genannte System bei fast jedem Renault-Händler seinen Akku aufladen kann.
noalk 07.06.2017
2. Schusseligkeit
Das ursprüngliche Problem des Autors steht in keiner Weise in Zusammenhang mit den e-Auto. Warum hngt der RFID-Chip nicht am "Autoschlüssel"? Und warum soll es beim mob-Strom keine Preisunterschiede geben? Gibt's beim Benzin ja auch. Bertha Benz holte sich dunnemals ihren Sprit sogar aus der Apotheke.
lindenbast 07.06.2017
3.
E-Auto? Vielleicht in 20 Jahren. Wenn die Reichweite akzeptabel, das 'Tanken' problemlos und die Preise konkurrenzfähig sind.
pluuto 07.06.2017
4. So wird das nie was
Damit das Elektroauto hierzulande akzeptiert wird, hätte die Regierung lieber technische Standards festlegen sollen, anstatt eine Kaufprämie auszugeben.
dergenervte 07.06.2017
5. Schöne neue Welt
Warum so kompliziert? In Potsdam stehen Ladesäulen die mit dem Einwurf von Geld funktionieren. Altmodisch aber simpel. Kein aufwändiges anmelden oder SMS verschicken. Geld einwerfen und es läuft.
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