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28. April 2014, 06:28 Uhr

Virtuelle Auto-Klassiker

Wir brauchen eine klare Linie

Von Jürgen Pander

Von allem zu viel - so empfindet David Obendorfer das aktuelle Autodesign. Beruflich gestaltet er Luxusyachten, privat entwirft er Autoklassiker in modernem Gewand und sorgt damit im Internet für Aufsehen.

David Obendorfer nennt seine Autoentwürfe "Design-Workout", denn im normalen Berufsleben kümmert sich der 40-jährige Ungar als Mitarbeiter der Officina Italiana Design in Bergamo um das Styling von Booten der Marke Riva und San Lorenzo. In seiner Freizeit jedoch kreiert er am liebsten Neo-Klassiker: er verpasst Modellen wie BMW 2000 CS, Renault 4 oder Fiat 127 erstaunlich stilsichere Karosserien. Obendorfer sagt es so: "Ich übersetze Klassiker in eine zeitgenössische Designsprache."

Außer einem halbjährigen Praktikum bei Alfa Romeo, das Obendorfer nach seinem Abschluss an der Universität für Kunst und Design in Budapest absolvierte, hatte er bislang keinen Kontakt zur Autoindustrie. "Ich bin auch nicht so blauäugig, dass ich aufgrund meiner Entwürfe jetzt auf irgendeine Anfrage hoffe", sagt er. Die teils enthusiastischen Reaktionen auf seine Designideen im Internet seien Anerkennung genug.

Warum er den Retro-Ansatz wählt? "Moderne Autos sind oft über-entworfen", sagt Obendorfer. "Mir aber gefallen die sauberen Volumen und einfachen Oberflächen vieler früherer Modelle. Die Schwierigkeit besteht darin, die richtige stilistische Balance zu finden." Was fehlt denn den heutigen Autos aus seiner Sicht? "Gar nichts, im Gegenteil, das Problem ist ein Zuviel an Linien, Formen und grafischen Elementen im aktuellen Autodesign."

Ein Gesicht für alle

Dazu komme die in den vergangenen zwanzig Jahren horrend angewachsene Zahl an unterschiedlichen Modellen. Dadurch werde es immer schwieriger, neuen Autos einen unverwechselbaren Charakter zu geben. Worauf Autohersteller heute umso stärker achteten, sei ein prägnantes Markendesign.

Doch dabei bleibt der Charakter einzelner Modelle auf der Strecke. Obendorfer: "Je stärker ein Autohersteller auf ein stringentes Familiendesign setzt, desto austauschbarer werden die einzelnen Modelle." Deshalb seien echte Auto-Persönlichkeiten heute so selten.

Das Gute daran: Die Vorhersehbarkeit vieler Autodesigns animiert Leute wie David Obendorfer immer wieder, Vorschläge zu machen, wie es auch anders gehen könnte.

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