Von Tom Grünweg
"Äcker statt Autos", lautet das Motto, nach dem der Millionär aus Motown die Stadt wieder auf Vordermann bringen will. Weil die Immobilienpreise in Detroit ins Bodenlose stürzen und sich keine neue Industrie in der siechen Autometropole ansiedeln lässt, plant Hantz gigantische Farmen. Detroit soll zur Mutterstadt der "urban agriculture" werden.
Der Visionär argumentiert ganz praktisch. Die agrarischen Grünflächen würden nicht nur das Stadtbild schmücken, sondern auch die Gemüsetheken der Supermärkte füllen. Das Entscheidende aber sei: "Wir machen aus der toten Industrielandschaft eine lebendige, schöne und nachhaltige Gegend. Das bringt Steuereinnahmen und schafft Arbeitsplätze."
Dass etwas geschehen muss mit Detroit, wissen alle. Schon vor der akuten Autokrise war die Innenstadt beinahe entvölkert, die Einwohnerzahl ist von ehemals zwei Millionen auf derzeit 900.000 gesunken. "Zwischen 10.000 und 20.000 Hektar des Stadtgebiets liegen mittlerweile brach", sagt Hantz.
"Was wir brauchen, ist ein großer Umbruch"
Die Kriminalitätsrate Detroits zählt zu den höchsten im ganzen Land. Auch die Arbeitslosigkeit erreicht Rekordwerte, immer mehr Industrieunternehmen verlassen die Region, und in den kommenden Wochen räumt General Motors auch noch die silbernen Türme des Renaissance-Centers, das als Wahrzeichen der Stadt bislang wie ein Leuchtturm über dem Chaos strahlte.
"Jeder weiß, was hier im Argen liegt", sagt Hantz, "und für jedes einzelne Problem gibt es bestimmt mehrere Lösungsansätze". Doch für Experimente und Einzelaktionen sei es allmählich zu spät. "Was wir brauchen, ist ein großer Umbruch. Wir dürfen keine Steine mehr in den See werfen, sondern müssen einen Felsbrocken versenken."
Das Ackern in Detroit soll bereits in den nächsten Wochen beginnen. Aus eigener Kasse finanziert hat Hantz ein Pilotprojekt gestartet, das zunächst 30 Hektar umfasst und immerhin ein Dutzend Jobs sichert. "Das ist nur der Anfang", sagt er. Sobald weitere Geldgeber in das Projekt einsteigen, könnte Detroit tatsächlich wieder aufblühen und sich von einer grauen, leblosen Stadt in eine grüne Gartenlandschaft verwandeln.
Im Prinzip könnten schon morgen die Traktoren heranrollen
Technische Hürden gibt es offenbar kaum. "Die Böden sind weniger belastet als angenommen", zitiert Hantz aus den Gutachten, die dem Projekt vorangingen. Welche Nutzpflanzen hier am besten gedeihen, wird gerade von der University of Michigan und der Kellogg-Stiftung untersucht. Leerstehende Fabrikhallen sollen übrigens nicht abgerissen, sondern in Gewächshäuser umgewandelt werden.
Fragt man den Visionär Hantz, wie Detroit ist 20 Jahren aussehen wird, malt er die Utopie einer blühenden Stadt, die sauber und sicher ist, ihren Bürgern nicht nur Arbeit, sondern auch Nahrung gibt und die Welthauptstadt der urbanen Landwirtschaft ist. "Das könnte durchaus Vorbildcharakter für andere Städte haben", sagt Hantz. "Denn an vielen Orten der Welt stehen Stadtverwaltungen vor ähnlichen Herausforderungen." Womöglich also wird Detroit ein zweites Mal - nach der industriellen Revolution im Autobau - zum Motor des Fortschritts; diesmal mit Äckern statt mit Autos.
Ganz neu sind Rettungspläne für Detroit freilich nicht. Immer wieder melden sich mehr oder minder visionäre Stadtplaner und Gesellschaftswissenschaftler zu Wort, die Motown auf Vordermann bringen wollen. Eines der letzten Projekte galt der Filmindustrie, der die Stadtväter die leeren Hallen von Autoherstellern und Zulieferern als Studiogebäude schmackhaft machen wollten. Zwar kamen tatsächlich ein paar Regisseure, Kameraleute und Schauspieler, doch so richtig in Schwung kam der Plan nie. Es fehlt bis heute ein Happy Ending.
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