Röm Motor Festival Sause auf Sand

Ein historisches Autorennen direkt am Meer? Für Motorsportfans ein Traum. Am vergangenen Wochenende trafen sich mehr als 10.000 Oldtimerliebhaber am Strand von Röm - und begegneten dort einem grünen Monster.

Tom Grünweg

Soeren trägt den Bart bis zu seinem gewaltigen Bauch, der große Kopf bringt den viel zu kleinen Helm fast zum Bersten. Er blickt hochkonzentriert und alles andere als freundlich. Nervös spielt er mit dem Handgas seiner rostigen Indian, einem legendären Motorrad aus den USA.

Als die Frau im weißen Overall endlich die Startflagge schwingt, lässt er die Kupplung schnalzen. Der Motor der Maschine röhrt, der Auspuff qualmt, der Sand spritzt meterweit. Soeren starrt nur noch auf die Ziellinie, eine Achtelmeile weiter den Strand von Röm runter, die er vor seinem Gegner neben ihm erreichen muss.

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Was nach bitterem Ernst aussieht, ist eigentlich ein großer Spaß. Soeren ist einer von über 100 Petrolheads, die sich am vergangenen Wochenende zum Röm Motor Festival am breiten Strand der dänischen Nordseeinsel getroffen haben. Vor über 10.000 Zuschauen haben dort Motorsportinteressierte noch einmal die Tradition des Beach Racings aufleben lassen, die vor 99 Jahren auf der Nachbarinsel Fanö begonnen hat. "Dort haben sich die schnellsten Menschen der Welt getroffen", erinnert sich Steffan Skov, den sie hier alle nur "Staf" rufen. Zusammen mit einem halben Dutzend Kumpel hat er das Fest jetzt schon zum dritten Mal organisiert.

Der Sand sei härter und fester gewesen als jede Schotterpiste

Lange bevor die Privatiers, Draufgänger und professionellen Rennfahrer in den USA am Strand von Daytona oder auf den Salzseen von Bonneville um die Wette gefahren sind, waren sie ab 1919 mit ihren Autos an der dänischen Küste auf Rekordjagd. Asphaltierte Rennstrecken gab es damals noch nicht. Der Sand sei härter und fester gewesen als jede Schotterpiste, sagt Staf. Weit über 200 km/h haben die Rennfahrer schon damals geschafft. Der Spaß endete im Jahr 1924. Der damalige Weltrekordhalter Malcolm Campbell verlor bei über 200 km/h ein Rad seines legendären Bluebird. Ein Zuschauer verunglückte tödlich. Das war für die Behörden der Moment, dem wilden Treiben ein Ende zu bereiten.

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Röm Motor Festival: Strandparty für Nostalgiker

94 Jahre später und 20 Kilometer weiter im Süden sind sie jetzt wieder unterwegs. Dort, wo sonst Strandsegler und Kitesurfer über den Sand toben, brüllen die V8-Motoren, es riecht nach heißem Öl, Ruß und schlecht verbranntem Sprit. Fehlzündungen schrecken mit lautem Knallen die Zuschauer auf. "Anders als damals fahren wir allerdings viel langsamer, es geht vor allem um die Show und den Spaß ", sagt Staf. Die Rennstrecke, der sogenannte Dragstrip, ist schließlich nur eine Achtelmeile lang. Und egal wie stark die Harleys und Indians, die Fords, Buicks und Chevrolets auch sind - viel mehr als 70, 80, im besten Fall mal 100 km/h schafft hier keiner.

Auf den Parkplätzen stehen noch mehr Heckflossen und Hotrods als in der Boxengasse, und wer in den inneren Bereich des Renngeländes will, der muss ein zeitgemäßes Kostüm tragen. So wird das Festival zu einer gigantischen Zeitmaschine, das 10.000 Besucher mehrere Jahrzehnte zurückbeamt in die Welt von Hillbilly, Rock'n'Roll und Pettycoat.

Wie ein Flugzeug braucht er viel Anlauf

Dass die Skandinavier so auf Hot Rods stehen, hat einen einfachen Grund: Das Ford Model A, so etwas wie die Mutter aller Hot Rods, wurde nach dem Model T ab 1927 in Kopenhagen gebaut und war für die allermeisten Dänen, Schweden und Norweger das erste Auto, das sie gesehen haben, erklärt Staf: "Da ist der Grundstein für eine Liebe zu amerikanischen Autos gelegt worden, die bis heute anhält."

Die Regeln für die Teilnehmer, die auf die Dragrennstrecke wollen, sind streng. Die Autos und Motorräder müssen vor dem Krieg gebaut worden sein und alle Tuning-Teile 1947 oder früher, erklärt Staf. Dann fahren immer zwei Kandidaten gegeneinander, und sie treten an, so oft sie wollen. Über den ganzen Tag wird ihre Durchschnittsgeschwindigkeit ermittelt und am Abend je ein Sieger für Motorrad- und Auto gekürt.

Die allermeisten Autos sind kleine Fords mit hochgezüchteten V8-Motoren, skurrile Eigenbauten und Rennzigarren. Doch die imposanteste Maschine kommt aus Deutschland und war mal ein amerikanisches Feuerwehrauto. Auf dessen Rahmen hat der Besitzer einen Flugzeugmotor mit 27 Liter Hubraum geschraubt, der schon beim ersten Gasstoß den Strand beben lässt. Zwar ist die Fahrt dieses silbernen Bombers beeindruckend, doch eine Chance auf den Sieg hat er nicht. Denn genau wie ein Flugzeug braucht er viel Anlauf, bis er auf Speed ist. Auf der alten Rennstrecke auf Fanø wäre er vielleicht unschlagbar, aber auf der Achtelmeile von Röm reicht es nur für die Show und nicht für den Sieg.

Das 260-PS-Auto ist nicht fahrbereit

Selbst bei der Show muss sich der Wagen geschlagen geben. Der Star des Festivals ist das "Grüne Monster" von Opel - der Original-Rennwagen mit einem 12,3 Liter großen Vierzylinder, auf dem Werksfahrer Carl Jörns 1922 auf Fanø mit 228 km/h einen neuen Rekord aufstellte. Allerdings ist das 260-PS-Auto nicht fahrbereit, beim Training in den Tagen davor hat der größte je bei Opel gegossene Motor so viel Sand geschluckt, dass Werksmechaniker Jens Cooper ihn partout nicht mehr zum Laufen bringen konnte.

Anmerkung der Redaktion: Im Text hieß es ursprünglich, 1924 sei der damalige Weltrekordhalter Malcolm Campbell bei einem Unfall tödlich verunglückt. Tatsächlich verunglückte ein Zuschauer tödlich. Wir haben die Stelle entsprechend geändert.



insgesamt 3 Beiträge
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Wolfvon Drebnitz 04.09.2018
1. Überflüssig und umweltschädlich
So ein Event ist in der heutigen Zeit einfach überflüssig. Was fasziniert Männer an der Macht über ein Gaspedal? Diese röhrende Maschine zu beherrschen - ist es das? Klar, das kann kein E-Motor liefern - der ist still im Stand und surrt maximal wie eine Straßenbahn im Betrieb. Solche Abgasfeste kommen mir vor wie Gladiatorenkämpfe im alten Rom - schädlich und maximal überholt. Aber es wird noch ein Weile dauern bis es auch der Letzte merkt.
meandmycat 04.09.2018
2. Genau so ist es,
nur geht es nicht ausschließlich um das Gaspedal, sondern um (alte) FahrzeugTechnik die selbst instandgesetzt, gewartet und am Laufen gehalten wird. Für diese Menschen wäre ein Elektrovehikel ungefähr so interessant, wie Straßenbahn fahren. Das sie diese Technikenthusiasten und ihre Hobby für überflüssig halten und unter dem vorgeschobenen Argument des Umweltschutzes und fragwürdigen Vergleichen versuchen zu diskreditieren, sagt mehr über ihre Gesinnung aus, als über das Umweltbewusstsein dieser Menschen.
ripley99 04.09.2018
3. Peinlich. Nein, nicht die Veranstaltung...
Zitat von Wolfvon DrebnitzSo ein Event ist in der heutigen Zeit einfach überflüssig. Was fasziniert Männer an der Macht über ein Gaspedal? Diese röhrende Maschine zu beherrschen - ist es das? Klar, das kann kein E-Motor liefern - der ist still im Stand und surrt maximal wie eine Straßenbahn im Betrieb. Solche Abgasfeste kommen mir vor wie Gladiatorenkämpfe im alten Rom - schädlich und maximal überholt. Aber es wird noch ein Weile dauern bis es auch der Letzte merkt.
Ihnen ist wohl entgangen, daß Motorsport längst fast ausgestorben ist, jedenfalls unterhalb der durchkommerzialisierten Veranstaltungen à la Formel 1 und Dakar. Und nicht zu vergessen die Miet-Vollgaspiste Nürburgring Nordschleife. Ich erinnere mich noch in meiner Region an die jährlichen Bergrennen im Südschwarzwald (Schauinsland, Eggberg, Kalter Wangen - mag noch weitere gegeben haben), das durchs Industriegebiet von Singen am Hohentwiel. Da hätten Sie sich mit Recht aufregen dürfen. Ist jedoch alles um 1990 herum verboten bzw. nicht mehr genehmigt worden, u. a. wegen Umweltschutz. Sich über die paar Sachen heute aufzuregen, die zudem mit Oldtimern mehr auf Spaß als harten Wettbewerb getrimmt sind, das ist doch albern. Sage ich als jemand, der bestimmt kein Benzin im Blut hat.
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