Rolls-Royce 100 EX Die Jubel-Yacht

"Das Auto", sagt Chefdesigner Ian Cameron, "erinnert an die glorreichen Tage von Design und Maschinenbau." Die liegen für Rolls-Royce weit zurück. Im Mai wird die englische Marke, die seit 1998 zu BMW gehört, 100 Jahre alt. Zum Jubelfest gibt es einen außergewöhnlichen Prototypen.

Von Jürgen Pander


Rolls-Royce 100EX: "Ein Fahrzeug von heute, das aus der Zukunft kommt"

Rolls-Royce 100EX: "Ein Fahrzeug von heute, das aus der Zukunft kommt"

Tony Gott, der Chef des Nobelunternehmens, war sichtlich gerührt, als zum Auftakt des Genfer Autosalons zwei Hostessen die faltige Abdeckplane von einem riesigen Cabriolet zerrten. Dann stand der Rolls-Royce 100 EX für Minuten ins Blitzlichtbombardement der Fotografen. Seit 46 Jahren gab es kein Experimentalfahrzeug mehr von Rolls-Royce. Das bislang letzte dieser Modelle war der 45 EX von 1958. Nun aber passte die Gelegenheit: Zu den Feierlichkeiten des 100. Geburtstags der piekfeinen Automarke sollte ein Hingucker geschaffen werden - und das ist vollauf gelungen.

"Dieses Automobil fängt den Zeitgeist der abenteuerlustigen dreißiger Jahre ein", sagt Karosseriedesigner Marek Djordjevic. Der extreme Wagen ist 5,67 Meter lang, 1,99 Meter breit und ragt an seiner höchsten Stelle 1,56 Meter auf. Alles an diesem Auto ist außerordentlich und aristokratisch. Das fängt bei der Kühlerfigur "Spirit of Ecstacy" aus massivem Silber an und endet bei der horizontal geteilten Kofferraumklappe, deren unterer Teil innen mit Teakholz ausgekleidet ist, damit er beim Picknick eine standesgemäße Tischplatte abgibt.

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Rolls-Royce 100 EX: Die Jubel-Yacht

Designer Djordjevic sagt, der Wagen sei ein sehr "soziales Auto", weil der Lenker seine Fahrerlebnisse teile. Erstens mit den anderen Insassen, denn für vier Herrschaften ist reichlich Platz, und zweitens mit den Menschen am Wegesrand, denn wofür hat man schließlich ein Cabrio. Das Textilverdeck, in das zur besseren Stabilität Stahlfäden mit eingewebt sind und das innen mit einem Kaschmirwollgewebe gepolstert ist, verschwindet im Handumdrehen unter einer Abdeckung aus gebleichtem Teakholz. So wird der Blick frei auf den holzvertäfelten Fußraum, die Mahagonifurniere und die verschwenderische Lederauskleidung im Farbton "Dark Cruzon".

In dieser Couleur ist auch die Karosserie lackiert, mit Ausnahme des traditionellen Pantheon-Kühlergrills, der aus dem Vollen gefertigten Aluminium-Motorhaube und dem Frontscheibenrahmen mit den dreieckigen A-Säulen, ebenfalls aus massivem und blankpoliertem Aluminium. "Es soll der Eindruck einer eleganten und schnellen Motoryacht entstehen", beschreibt Stylist Djordjevic die ästhetische Zielsetzung.

Sein Chef, Mister Gott, spricht gerne von der "obsession", wenn es um das Image und die Ausstrahlung von Rolls-Royce geht. Die Techniker sprechen dauernd von "waftability" und meinen damit die sanfte, zugleich aber höchst druckvolle Beschleunigung der weit mehr als zwei Tonnen schweren, luftgefederten Fuhre auf ihre Höchstgeschwindigkeit. Beim 100 EX ist dafür ein 16-Zylinder-Saugmotor mit neun Liter Hubraum und 64 Ventilen zuständig, dessen Drehmoment von einer Sechsgangautomatik verwaltet wird. Über Fahrleistungen schweigen die Verantwortlichen von Rolls-Royce, wie stets.

Die sind ja auch gar nicht so wichtig, denn der Wagen soll vor allem repräsentieren. Wenn die Geburtstagsfeierlichkeiten in Goodwood anstehen zum Beispiel oder bei den diversen Edel-Auto-Treffen wie etwa dem im kalifornischen Pebble Beach. In Serie gehen wird das Cabrio so, wie es jetzt enthüllt wurde, niemals. Aber, so Tony Gott bei der Weltpremiere, es sei schon vorstellbar, dass in Zukunft ein Rolls-Royce mit Merkmalen des 100 EX auf die Straße rollen werde. Denn schließlich spreche man ganz bewusst nicht von einem Konzeptauto, weil stattdessen der Begriff Experimentalfahrzeug darauf hinweisen solle, dass der Wagen tatsächlich als Testplattform für neue Baugruppen und Ausstattungen diene. Insofern ergibt der zunächst kryptisch anmutende Satz von Marek Djordjevic durchaus einen Sinn. "Ein Fahrzeug von heute, das aus der Zukunft kommt."



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