Rolls-Royce Wraith: Spukschloss mit 630 PS

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Autogramm Rolls-Royce Wraith: Sportwagen im Smoking Fotos
Rolls-Royce

Rolls Royce möchte, dass sich die Kunden am Wraith die Hände schmutzig machen. Das Coupé ist das erste Auto des Herstellers, in dem das Fahren ohne Chauffeur tatsächlich Spaß macht.

Der erste Eindruck: Autsch, seit wann zwicken in einem Rolls-Royce die Sitze? Im neuen Modell Wraith jedenfalls ist das Thron-Gefühl dahin, es gibt plötzlich so etwas wie Halt auf dem Fahrersitz. Das liegt an den ungewöhnlich hohen Seitenwangen der Lederfauteuils sowie an der gesamten Sitzposition. Schon beim Einsteigen muss man sich etwas ducken, und dann ist auch noch der Lenkradkranz dicker als in anderen Rolls-Royce-Modellen. Noch ehe der Motor läuft, signalisiert das Coupé, dass es nicht nur bewegt, sondern wirklich gefahren werden will.

Das sagt der Hersteller: Als "ultimativen Gran Turismo" bezeichnet Produktmanager Phil Harnett den Wraith und preist ihn als den dynamischsten Rolls-Royce, der bisher gebaut wurde. Kein Serienauto der Briten ist stärker motorisiert. "Das hier ist unser erstes echtes 'Drivers Car'", sagt Harnett. Einen Chauffeur brauchen Wraith-Eigner allenfalls noch zur Wagenpflege. Trotzdem ist es im Fond immer noch mindestens so bequem wie in einem BMW 7er oder einer Mercedes S-Klasse.

Das Auto soll einerseits das Image der Marke verjüngen - und die Kundschaft gleich mit dazu. Der Käufer eines Phantoms sei im Schnitt 55 Jahre alt, sagt Firmenchef Torsten Müller-Ötvös. Beim Ghost liege das Mittel bei 50 Jahren, und beim Wraith - der Name ist ein altes, englisches Wort für "Gespenst" - rechnet Rolls-Royce mit einem Durchschnittsalter der Kunden von 45 Jahren.

Das ist uns aufgefallen: wie leicht sich der 2,5 Tonnen schwere Wraith anfühlt. Der Brocken beschleunigt so mühelos, wie es sich für einen Rolls-Royce geziemt. "Waftability" lautet die Vokabel, mit der die Briten den Zustand der leichtfüßigen Eiligkeit beschreiben. Im Falle des Wraith erlauben die Entwickler dem Auto sogar Windgeräusche bei höherem Tempo sowie ein verhaltenes Motorgrummeln. Und wer es darauf anlegt, bringt sogar die ESP-Leuchte zum Aufflackern - der Wagen lässt sich also tatsächlich aus der Contenance bringen.

Leicht macht sich der Wraith nicht nur am Gaspedal, sondern auch am Lenkrad. Es ist faszinierend, mit wie wenig Kraft und wie viel Feingefühl man an dem großen Kranz drehen kann und trotzdem stets Herr der Lage ist. Die Sportlichkeit kommt bei diesem Auto mit Schlips und Kragen daher, wohlerzogen und mit besten Manieren.

Das muss man wissen: Technisch basiert der Wraith auf der vor drei Jahren eingeführten Limousine Ghost, die mittlerweile drei Viertel der Verkäufe bei Rolls-Royce ausmacht. Einziges identisches Bauteil beider Varianten ist jedoch die Motorhaube. Der Kühlergrill hingegen wurde nochmal imposanter, der Radstand um 18 Zentimeter gekürzt, das Dach flacher und im Stil eines Fastbacks bis in den Kofferraum gezogen. Selbst die Kühlerfigur Spirit of Ecstasy neigt sich ein paar Grad steiler in den Wind.

Außen ist der Wraith nur spärlich dekoriert. "Genau drei Linien reichen, um den Wagen zu zeichnen", sagt Designer Giles Taylor, der sich mit seinem Team zur Formenfindung für ein paar Tage in ein Kloster auf der Fraueninsel im Chiemsee zurück gezogen hatte. Die scharfe Brüstungslinie, die Dachlinie und der Halbkreis, der sich wie ein gestauchtes C in Fahrtrichtung um das vordere Seitenfenster und die gegenläufig angeschlagene Tür legt.

Auch die Ingenieure legten Hand an den Wraith. Zum spürbar strafferen Luftfeder-Fahrwerk, das jetzt auf Wolke sieben auch mal ein bisschen Gewitterstimmung aufkommen lässt, gibt es einen überarbeiteten Motor. Der 6,6 Liter große Zwölfzylinder leistet jetzt 632 PS statt 570 PS und wird so zum stärksten Aggregat in der Firmengeschichte. Und während früher das Beschleunigungsvermögen oder das Spitzentempo maniriert mit "ausreichend" angegeben wurde, rühmt sich Rolls-Royce beim Wraith eines Sprintwerts von 4,6 Sekunden. Auch bei Tempo 250 sei der Vortrieb noch gewaltig, prahlen die Briten, dennoch wird der Vorwärtsdrang auf diesen Wert begrenzt.

Dazu erhält der Wraith noch ein ziemlich gespenstisches Extra. Die Elektronik der Achtgang-Automatik ist mit dem Navigationssystem verknüpft und passt die Schaltvorgänge dem Streckenverlauf an. Würde eine Luxuslimousine für weniger Geräusch und mehr Komfort normalerweise sofort hochschalten, wenn man den Gasfuß ein wenig lupft, lässt der Wraith den Gang in solchen Fällen vor Kurven oder Autobahnausfahrten einfach stehen oder schaltet sogar automatisch herunter, damit man danach schneller wieder beschleunigen kann.

Bewusst nimmt man das kaum wahr, aber unterschwellig wirkt der Wagen dadurch williger. "Das ist wie bei einem guten Butler", sagt Produktmanager Harnett: "Noch bevor man überhaupt an ihn denkt, hat er seine Arbeit schon erledigt. Und zwar ohne dass man ihn zu Gesicht bekommt."

Der Grundpreis des Wraith liegt bei 279.531 Euro, das sind rund 14.000 Euro Aufpreis gegenüber dem Ghost. Doch es ist nur eine Frage von wenigen Kreuzchen auf der Liste mit den Extras, um die Summe steil nach oben zu treiben. Einstiegsleisten aus poliertem Edelstahl, Lammfell-Teppichbeläge oder ein Sternenhimmel aus tausend LED-Punkten - schon stehen auf dem Datenblatt des Testwagens 341.100 Euro. Und da war das "Bespoke"-Team mit seinen Ideen für eine Individualisierung noch gar nicht aktiv. Dem Erfolg tut das offenbar keinen Abbruch. "Unser Orderbuch ist bis in den Mai gefüllt", sagt Müller-Ötvös.

Das werden wir nicht vergessen: dass der Wraith nicht nur im Großen beeindruckt, weil er ein riesiges Auto mit einem gewaltigen Motor ist, sondern dass es vor allem die vielen Kleinigkeiten sind, die den Wagen auch in der Luxusliga zu etwas Besonderem machen.

Obwohl im Kern ein ziemlich aufgebrezelter BMW 7er, erblickt man kein einziges Gleichteil aus dem BMW-Regal, sondern verchromte Schalter im Lenkrad, einen iDrive-Controller wie vom Juwelier, völlig neue Instrumente und sogar eine neue Typografie für Navi-Karte und Head-up-Display. Dazu gibt's riesige Türtafeln aus offenporigem Edelholz, Klimaregler wie Orgelzüge sowie ein Pfund von einem Autoschlüssel.

Selbst der Soundtrack im Wraith ist gediegener als in anderen Autos: Als Gurtwarner ertönt kein nerviges Fiepen, sondern ein Harfen-Laut. Und der Blinker knackt nicht einfach, sondern tickt wie die Kaminuhr in einem leeren Salon kurz vor Mitternacht. Und alle warten auf die Geisterstunde.

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insgesamt 87 Beiträge
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    Seite 1    
1. Aha
mat76 15.09.2013
Zitat von sysopRolls Royce möchte, dass sich die Kunden am Wraith die Hände schmutzig machen. Das Coupé ist das erste Auto des Herstellers, in dem das Fahren ohne Chauffeur tatsächlich Spaß macht. Rolls-Royce Wraith: Auto mit dem stärksten Motor der Firmengeschichte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/rolls-royce-wraith-auto-mit-dem-staerksten-motor-der-firmengeschichte-a-922095.html)
Nur schade, dass Bild 4 nicht den Wraith zeigt, sondern den Ghost...
2. CO2-Ausstoß: 327 g/km
GSYBE 15.09.2013
Hurrah!
3. Direkt ins Museum, bitte!
jj2005 15.09.2013
Im Artikel steckt erstaunlich viel Poesie fuer ein Teil, das schnurstracks ins Technikmuseum geschickt werden sollte, Abteiung "Als die Menschheit noch nicht wusste, dass die Oelvorraete begrenzt sind". BMW kann wirklich stolz auf dieses Ungetuem sein. Es hat diese unwiderstehliche Ausstrahlung, die da sagt "Ihr dummen Gruen- und Gutmenschen, wir sind so reich, wir sch**ssen auf Eure Aengste - nach uns die Sintflut, mit Schmackes!"
4. Schizophren
antispon 15.09.2013
SPON wettert ständig gegen gut verdienende Leistungsträger der Gesellschaft und macht "reich" zu einem Schimpfwort. Wer viel verdient, soll demnach bestraft werden. Und auf der anderen Seite werden voller Begeisterung Luxuskarossen mit Preisen von über 340 000 Euro vorgestellt. Das nenne ich schizophren. Wer soll die denn kaufen, wenn die vereinigte Linke am Ruder ist und ihre Steuererhöhungsorgie durchzieht? Vermutlich nur noch Gysis, Augsteins oder Ähnliche! In der DDR fuhren die Parteibonzen ja auch nur den großen Volvo.
5.
cochon 15.09.2013
"Während früher das Beschleunigungsvermögen "manieriert" mit ausreichend angegeben wurde....." Das ist das genaue Gegenteil von manieriert, das ist britisches Understatement.
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Fahrzeugschein
Hersteller: Rolls-Royce
Typ: Wraith
Karosserie: Sportwagen/Coupé
Motor: V12-Benzin-Direkteinspritzer
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Heck
Hubraum: 6.592 ccm
Leistung: 632 PS (465 kW)
Drehmoment: 800 Nm
Von 0 auf 100: 4,6 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 14,0 Liter
CO2-Ausstoß: 327 g/km
Kofferraum: 470 Liter
Gewicht: 2.360 kg
Maße: 5269 / 1947 / 1507
Preis: 279.531 EUR


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