Von Michael Kröger
Berlin - Unkontrollierte Beschleunigung, defekte Bremspedale, Probleme mit der Servolenkung - die Liste der Mängel, die den japanischen Autobauer Toyota in den vergangenen 15 Monaten zwangen, mit groß angelegten Rückrufaktionen an die Öffentlichkeit zu gehen, wird immer länger.
Angesichts der Vielzahl der Rückrufe stellt sich schon fast eine gewisse Routine ein. Pannenmeldungen bei Toyota? Ach so. Und trotzdem dürfte die Hoffnung der Konzernstrategen vergebens sein, dass die Öffentlichkeit diesmal vielleicht weniger aufmerksam reagiert. Denn der Grund des erneuten Rückrufs ist ein Mangel, den Experten als riskant im eigentlichen Sinne einstufen.
Im Einzelnen handelt es sich um die Familienkutschen Avensis mit 2,0-Liter- oder 2,4-Liter-Benzin-Direkteinspritzung, die zwischen Juli 2000 und September 2008 hergestellt wurden, und um sportive Lexus IS 250, die zwischen dem 31. August 2007 und dem 2. September 2009 vom Band liefen. Beim Avensis besteht die Gefahr, dass im Sprit enthaltenes Chlor einen Dichtring sowie die Hochdruck-Kraftstoffleitung porös werden lässt. Beim Lexus IS 250 wiederum besteht die Gefahr, dass der Drucksensor an der Leitung der Einspritzung nicht richtig festgeschraubt ist.
Der weitaus größte Teil der Rückrufe entfällt auf Japan, wo rund 1,3 Millionen Autos betroffen sind. In Deutschland gehe es um rund 24.000 Toyotas und 660 Lexus, sagte ein Toyota-Sprecher in Köln. Bisher ist zwar noch keiner der beschriebenen Fehler in Europa bekannt geworden. Trotzdem warnt der Sprecher davor, dass sowohl beim Avensis als auch beim IS 250 Kraftstoff austreten und sich im Motorraum verbreiten kann, was zu Benzingeruch im Inneren des Fahrzeugs führt. Brandgefahr bestehe aber keine, sekundierte ein Sprecher der der Toyota-Tochter Lexus.
Benzindampf und Luft sind ein gefährliches Gemisch
Ähnlich unbekümmert geht auch Helmut Bauer vom ADAC-Technikzentrum in Landsberg am Lech mit dem Problem um: "Beim Toyota Avensis würde das Benzin an der hinteren Seite des Motors ablaufen und mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht mit wirklich heißen Motorteilen in Berührung kommen. Für die mögliche Undichtigkeit an der Kraftstoffanlage des Lexus IS gilt dasselbe", erklärt er. Damit sich Benzin entzündet, seien Temperaturen von etwa 450 bis 500 Grad Celsius nötig - so heiß aber wird es an den Stellen, mit denen der Sprit der vom Rückruf betroffenen Fahrzeuge in Berührung kommt, aller Voraussicht nach nicht.
Indes spricht jedoch einiges dafür, das Problem erheblich ernster zu nehmen. Immerhin stehen die Kraftstoffleitungen der betroffenen Avensis- und Lexus-Modelle mit rund 130 Bar unter Druck. Das entspricht 1300 Metern Tiefe im Ozean. Aus einem Leck würde das Benzin daher nicht einfach heraustropfen und anschließend ein Rinnsal bilden. Es bildet sich vielmehr eine feine Fontäne, die feinste Benzinpartikel in den Raum pustet - ganz wie dies im Brennraum eines Motors geschieht. Hochgefährlich wird es, wenn das zerstäubte Benzin eine bestimmte Konzentration in der Luft des Motorraums erreicht hat: Ab 0,6 Volumenprozent entsteht ein hochexplosives Gas, bei dem ein kleiner Funke genügt.
Auch die Begründung, dass ein variierender Chloranteil im Benzin die möglichen Dichtigkeitsprobleme verursacht, wirft Fragen auf. Ein unterschiedlicher Chloranteil im Sprit sei nichts Neues, hieß es. Hohe Chloranteile gebe es ohnehin eher im asiatischen Raum. Eher handle es sich wohl um Materialermüdung, die dem hohen Druck in der Kraftstoffleitung geschuldet sei und den permanenten Vibrationen und Temperaturschwankungen. Bei dieser Beanspruchung könnten bereits kleinste Materialfehler oder zu geringe Materialstärken auf Dauer zu Undichtigkeiten führen.
Seit Ende 2009 schon fast 16 Millionen zurückgerufene Autos
Durch die neuen Rückrufe steigt die Zahl der Autos, die Toyota seit Ende 2009 in die Werkstätten zurückbeordert hat, auf nahezu 16 Millionen. Seitdem kämpft der Konzern um seinen Ruf als Qualitätshersteller. Weltweit wurde das Frühwarnsystem verbessert und wurden neue Qualitätsmanager eingestellt. Als Folge sollen nun mögliche technische Mängel schon gemeldet werden, wenn sie nur vereinzelt auftreten. Dabei nimmt Toyota Rückrufe ausdrücklich in Kauf. "Wenn nur irgendein Zweifel besteht, schrecken wir davor nicht zurück", betonte der Sprecher.
Womöglich tritt das Problem ja auch in diesem Fall seltener auf, als der groß angelegte Rückruf auf den ersten Blick vermuten lässt. Sollte es jedoch zu einer Undichtigkeit kommen, dann dürfte die Gefahr erheblich größer sein, als die Toyota-Leute glauben machen wollen.
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