Rund um Carrara: Auf den Spuren Michelangelos

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Der Anblick irritiert: Ist das dort oben Schnee? Etwa eine Stunde südlich von Genua trägt das Küstengebirge selbst im Sommer weiß. Ein Abstecher klärt auf: Was aus der Ferne nach Gletscher aussieht, sind in Wirklichkeit die Marmorbrüche von Carrara.

Wer in den Sommermonaten die Westroute nach Italien nimmt, fährt fast zwangsweise über den Gotthard und durch das Tessin nach Mailand und von dort an die Küste. Auf dieser Route stößt der Autoreisende rund hundert Kilometer südlich von Genua auf ein überraschendes Phänomen: Wo eben noch dicht bewaldete Hügelketten die Strecke entlang der Riviera säumten, ragen plötzliche schneeweiße Gipfel am Horizont auf.

Nein, das sind nicht die Folgen von Wetterkapriolen, und auch das Navigationsgerät ist in Ordnung. Denn was da in niedriger Höhe als scheinbar vergletscherte Berge ins Bild rückt, sind die Marmorbrüche von Carrara, in denen schon die alten Römer und später weltberühmte Künstler wie Michelangelo Steine abgebaut haben. Und auch wenn sich die Methoden seitdem geändert haben – die Nachfrage nach dem edlen Stein ist unverändert hoch. So herrscht in den engen Tälern reichlich Betrieb, denn in mehr als 150 Steinbrüchen nagen fast 15.000 Menschen mit Baggern und Kettensägen an den Bergen und lassen die Gipfel aussehen wie frisch geputzte Zähne in einem grünen Meer.

Das Szenario ist schon von der Küstenstraße aus spektakulär. Doch wer etwas Zeit hat und die Monotonie der Autobahn abstreifen möchte, für den lohnt sich ein Abstecher ins Landesinnere. Denn schon nach 20 Kilometern fährt man durch eine andere Welt. Davor allerdings legt sich eine lästige Einfallstraße in den Weg, über die Carrara mit der Autobahn und der Küste verbunden ist.

Die Region lebt vom weißen Gold der Berge

Schon hier wird klar, wovon die Region lebt: Jede zweite Firma im scheinbar endlosen Industriegebiet ist entweder ein Baustoffhandel oder ein Steinmetzbetrieb; und die schwer beladenen Lastwagen zeugen davon, dass die Marmorvorräte noch lange nicht erschöpft sind.

In Carrara dann heißt es Ausschau halten nach den Schildern zur "Strada del Marmo", zur Marmorstraße also, die sich in die engen Seitentäler hinauf schlängelt. Durch Dutzende von Kurven und Kehren, grob in den Fels getriebene Schluchten und abenteuerlichen Tunnels führt sie in das verschlafene Bergarbeiterdorf Colonnata, verbindet die einzelnen, durchnummerierten Steinbrüche und offenbart nach jeder Biegung neue Perspektiven. Entweder schweift der Blick hinunter ins Flachland und hinaus aufs Meer, oder man schaut plötzlich tief in einen blütenweißen Krater. Alle Marmorbrüche zeigen das gleiche Muster: Messerscharfe Kanten, beinahe rechtwinkelige Stufen und glatte Flächen zeugen von den containergroßen Quadern, die aus den weißen Felsen geschnitten werden.

Ein Marmorbruch komplett unter Tage

Brauchten die Römer dafür pro Block noch bis zu sechs Monate, sind die gigantischen Legosteine heute binnen drei oder vier Tagen herausgelöst. Erst werden Löcher in den Fels gebohrt und Spalten hineingesägt, durch die dann mit Diamanten besetzte Stahltrossen rotieren und Scheibe für Scheibe abschneiden, als wäre der Berg ein Toastbrot. Mit Wasserdruck werden die oft haushohen Blöcke danach gestürzt und in kleinere Würfel zerlegt, von denen bisweilen zwei genügen, um einen Sattelschlepper zu überladen. Schließlich wiegt jeder Kubikmeter 2,8 Tonnen. Trotz der schweren Arbeit lohnt das Geschäft; für Steine der besten Qualität werden bis zu 2500 Euro pro Tonne gezahlt.

Das und vieles mehr lernt man bei den Führungen, mit denen einige Unternehmen ihre Kassen aufbessern. In ungefähr einer halben Stunde gibt es einen Abriss über mehr als 2000 Jahre Geschichte der Marmorbrüche sowie über die Bräuchen, Sitten und den Aberglauben der Bergarbeiter. Eine der eindrucksvollsten Besichtigungen kann man im Bruch Nummer 84 bei Fantiscritti erleben: Dieser Marmorabbau liegt als einziger komplett im Inneren eines Berges. Hier werden riesige Höhlen ins Gestein getrieben, um an die tiefen Marmorschichten zu gelangen. Dabei entstehen Säle, groß wie Kathedralen.

Die schmale Route ist meist eine Einbahnstraße

So gut sich die Steinbrüche auf Touristen eingestellt haben, darf der Schein nicht täuschen: In und um Carrara wird hart gearbeitet. Immer wieder zittert die Erde unter dem Lärm von Baggern und Sägen, und im Nu legt sich ein feiner weißer Staub über Auto und Passagiere. Außerdem muss man hinter jeder Kurve mit einem beladenen Laster im Kriechgang rechnen. Ans Überholen braucht man auf den schmalen Straßen ohnehin nicht zu denken. Weil der Weg durch die schmalen Tunnels und über die zierlichen Brücken der ehemaligen Trasse der alten Marmorbahn folgt, ist es oft schon für ein Fahrzeug ziemlich eng. Aus diesem Grund dürfen die meisten Strecken nur in eine Richtung befahren werden.

Ja nach Wissensdurst und Fahrweise endet die Rundfahrt entweder eine oder mehrere Stunden nach dem Start wieder in Carrara, wo der Marmor schon seit Jahrhunderten selbstverständlich als Baustoff dient. Bordsteine, Zebrastreifen, Türschwellen, Muster in den Pflastersteinen – alles glänzt im edlen Weiß. Natürlich könnte man das bei einem ausgedehnten Spaziergang erkunden. Doch uns zog es erst einmal ins Café. Denn Autowanderer auf den Spuren Michelangelos tut es doppelt gut, wenn der Marmorstaub endlich auch wieder aus der Kehle gespült wird.

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