Rennfahrerin und "Top Gear"-Moderatorin Sabine Schmitz Chefin im Ring

Schon ihr Schulweg führte durch die "Grüne Hölle": Sabine Schmitz ist am Nürburgring aufgewachsen und hat die Nordschleife Tausende Male umkurvt. Jetzt moderiert sie die berühmteste Autosendung der Welt.

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NILS VOM LANDE

Die Geschichte von Sabine Schmitz erzählt von der Kunst, Träume zu verwirklichen. Und dass die Kunst darin besteht, die Träume, wenn nötig, 30.000-mal im Kreis zu verfolgen.

Der Traum von Schmitz war es, Rennfahrerin zu werden, die Voraussetzungen dafür ideal: Sie ist direkt am Nürburgring aufgewachsen. Jede Sportart hat ihre Kultstätte. Fußball hat Wembley. Tennis hat Wimbledon. Der Motorsport hat den Nürburgring.

Der berühmteste Abschnitt dieser Rennstrecke ist die Nordschleife. Alle Hersteller von Sportwagen testen hier ihre Autos. Die Rundenzeit auf der 20,8 Kilometer langen Strecke hat deshalb den Status einer Maßeinheit: Für Besitzer von Autos jenseits der 300-PS-Grenze ist die Nordschleifenzeit wichtiger als die Beschleunigungsdauer von null auf Tempo 100. Der ehemalige Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart nannte die Strecke "Grüne Hölle", weil sie von Wäldern gesäumt wird, viele Piloten verunglückten hier tödlich. Niki Lauda verbrannte auf der Nordschleife fast.

Für Schmitz war die "Grüne Hölle" der Schulweg. "Als Kind bin ich dort jeden Morgen um 7 Uhr mit dem Rennrad langgeflitzt", sagt sie.

Wenn man das Verlangen hat, Rennfahrer zu werden und direkt an einer der berühmtesten Rennstrecken der Welt aufwächst, ist das ein Standortvorteil. Doch so einfach war das bei Schmitz nicht.

Bella, Berta, Henriette und Adolf

Besuch bei Sabine Schmitz in der Eifel: Die 46-Jährige wohnt in einem Örtchen namens Barweiler. Wenige Kilometer entfernt wurde der Nürburgring in die Einöde asphaltiert. Die Rennstrecke liegt zwischen hügeligen Wäldern, so, als ob man sie dort verstecken wollte. "Hier wachsen nicht mal Kartoffeln", sagt Schmitz über ihre Heimat.

Das Treffen findet auf der Eifelranch von Sabine Schmitz statt. Zu dem Anwesen gehört ein weißes Betonhaus, das in der gutbürgerlichen Nachbarschaft der umliegenden Gebäude nicht weiter auffällt - würde nicht dieser orangefarbene Pick-up-Truck im Carport parken. Hinter dem Gebäude steht ein einstöckiges Blockhaus, an dem ein großes "Saloon"-Schild über dem Eingang hängt. Ein bisschen Wilder Westen in Barweiler, Schmitz vermietet die Holzburg für Veranstaltungen. Daneben grasen Rösser auf einer Pferdekoppel.

Schmitz kommt aus dem Betonhaus, sie trägt Jeans und eine schwarze Lederjacke, ihre blonden Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Hinter ihr trottet ihr Hund Bella. Schmitz sagt "Schmitz, guten Tag", zur Begrüßung. Dann kümmert sie sich erst einmal um ihr Wildschwein: Berta. "Ein Geschenk von der Schlagersängerin Andrea Berg". Nach dem Wildschein von Andrea Berg füttert Schmitz die Hühner und den Hahn. Alle Hühner heißen Henriette, der Hahn heißt Adolf.

Schmitz spricht Dialekt, sie sagt nicht "das" und "manchmal", sondern "dat" und "manschmal" und zieht die Stimme an den Satzenden nach oben. Man möchte sofort Kölsch mit ihr trinken. Im Saloon von Schmitz hängen Büffelhörner über der Bar, daran baumelt rote Spitzenunterwäsche. "Ich bekomme viele Anfragen für Hochzeiten, aber weiße Tischdecken und Kerzengedöns kommen mir hier nicht rein", sagt sie.

Sie mag es unkompliziert. Sie selbst ist unkompliziert. Schmitz passt in den rustikalen Saloon, sie ist erstaunlich unprätentiös für jemanden, der bald eine der berühmtesten TV-Shows der Welt moderiert. Aber dazu später mehr.

Wildschein Berta bekommt Mozzarellakäse
NILS VOM LANDE

Wildschein Berta bekommt Mozzarellakäse

Schmitz erzählt, wie sie das erste Mal in einem Auto über die Nordschleife fuhr. Sie saß auf dem Rücksitz im Ford Granada ihres Vaters: "Ich heulte Rotz und Wasser vor Angst, weil er so schnell war." Ihre Mutter betreibt damals wie heute ein Hotel am Rande der Nordschleife. "Ayrton Senna, Alain Prost und Nigel Mansell haben bei uns gewohnt, und natürlich viele Testfahrer. Vor dem Haus standen ständig Sportwagen-Prototypen", sagt sie. "Wir hatten einen Gast, der regelmäßig mit seinem BMW 2002ti über den Ring fuhr. Bei dem durfte ich als Beifahrerin mit. Irgendwann dachte ich: 'Boah, is dat geil hier!'." Diese Fahrten haben dafür gesorgt, dass sie Rennpilotin werden wollte.

Hotel am Nürburgring, Senna und Prost zu Gast, Gratisrunden im BMW 2002i: Der Standortvorteil. Das Problem: "Als meine Mutter und meine Großmutter hörten, dass ich Rennfahrerin werden will, waren sie entsetzt. Die wollten, dass ich im Familienhotel die Betten mache und das Geschirr spüle."

Schmitz spülte dann auch das Geschirr in der Gaststätte. Aber gleichzeitig spulte sie auch Runden auf dem Ring. Sie machte eine Ausbildung zur Hotelfachfrau, und an den Wochenenden sammelte sie Rennerfahrung bei Zeitfahrten und Markenpokalen. Die Nordschleife war wieder ihr Schulweg. Es war die Zeit, als sie ihren Traum die ersten 10.000 Runden im Kreis verfolgte.

Wie erinnert sich ihre Mutter an diese Zeit? Am besten, man fährt mit Schmitz direkt mal zu ihr. Also raus aus dem Saloon in Barweiler, mit dem Auto geht es nach Nürburg, zum "Hotel zum Tiergarten" von Ursula Schmitz.

An der Rezeption heißt es, die Chefin mache ein Mittagsschläfchen, doch dann kommt sie plötzlich die Treppe runter. Die Dame des Hauses trägt einen Anhänger in Form der Nordschleife um den Hals. Susanne, die ältere Schwester von Sabine Schmitz, kommt hinzu. Das Stichwort: Traum von der Rennfahrerei.

Ursula Schmitz: "Das war schon okay mit der Rennkarriere von Sabine."

An der Rezeption sind Pokale aufgereiht, daneben hängen Poster von Sabine Schmitz.

Sabine Schmitz: "Damals klang das aber anders."

Statt jetzt die Karte mit den Muttersorgen zu spielen, erzählt Ursula Schmitz von anderen Nachteilen, wenn die Töchter Rennen fahren.

Ursula Schmitz: "Früher ließ sich mein BMW manchmal so komisch bewegen. Da hattet ihr mal wieder vergessen, die Slicks runterzunehmen."

Sabine, Susanne und Ursula Schmitz reden jetzt durcheinander, sie lachen. Man möchte "Kölsch für alle!" rufen.

Susanne Schmitz: "Da waren wir mit deinem Auto auf der Nordschleife, sind danach feiern und mussten direkt wieder die Frühstückstische im Hotel eindecken. Da blieb keine Zeit mehr für einen Reifenwechsel."

Sabine Schmitz (zu ihrer Mutter): "Halb so schlimm, du bist mit dem Auto ja höchstens mal zum Friseur gefahren."

Jetzt nicht aufhören, Familie Schmitz. Wie war das früher, als Senna im Haus wohnte?

Susanne Schmitz: "Den hab ich mal nicht zur Tür reingelassen. Unsere Wirtschaft war proppevoll und ich sag zu ihm, 'Sorry, kein Platz mehr!' Der war da ja noch nicht so bekannt."

Sabine Schmitz: "Dann haben ein paar Typen gemeint 'Seid ihr bescheuert, ihr habt gerade Ayrton Senna weggeschickt'."

Susanne Schmitz: "Ich also raus, Senna geholt, ihn in die Wirtschaft gesteckt und Türe abgeschlossen."

Resümee von Ursula Schmitz: "Früher waren die Rennfahrer anders unterwegs. Die haben richtig gefeiert, mit viel Bier. Heute dürfen sie nur noch Mineralwasser trinken."

Im Video: Im Blindflug durch die Nordschleife

Was die gegensätzlichen Ansichten von Mutter und Tochter zur richtigen Berufswahl betrifft, haben sich die beiden gleichermaßen durchgesetzt. Sabine Schmitz holte 1996 und 1997 den Gesamtsieg beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring und krönte damit ihre Motorsportkarriere. Gleichzeitig führte sie immer eigene Gastronomiebetriebe.

Über die Jahre kamen zu den ersten 10.000 Runden in der "Grünen Hölle" schätzungsweise 20.000 weitere dazu. "Wahrscheinlich ist niemand die Nordschleife öfter gefahren als ich", sagt Schmitz. "Außer vielleicht auf der Playstation."

Die meisten Kilometer hat sie am Steuer eines BMW M5 zurückgelegt: Viele Jahre war sie offizielle Fahrerin des sogenannten Ringtaxis. Für ein paar hundert Euro konnte man sich von ihr eine Runde über die Nordschleife chauffieren lassen.

"Es gab Zeiten", sagt Schmitz, "da habe ich bis nachts im Hotel gearbeitet, bin morgens ins Ringtaxi gesprungen, habe 20 Runden gedreht und abends dann im Hotel weitermalocht. Als ich eine eigene Kneipe hatte, habe ich die Scheiben des M5 manchmal mit dem Wasser aus einem Sektkübel geschrubbt."

Ihr schlimmster Beifahrer

Nicht jeder Passagier war Schmitz' Fahrstil gewachsen. Die 46-Jährige erinnert sich an ihr schlimmstes Erlebnis im Ringtaxi: Ein Beifahrer weigerte sich, nach der Runde auszusteigen. "Mir wurde dann auch klar, warum", sagt Schmitz. "Der Mann hatte sich in die Hosen geschissen. Es stank fürchterlich. Irgendwann kam seine Frau und hat ihn quasi aus dem Auto gezerrt."

Es gab aber auch angenehmere Gäste. Jeremy Clarkson zum Beispiel. Der Moderator der britischen Autosendung "Top Gear" war von Sabine Schmitz so begeistert, dass er sie in die Show einlud. Die Folge ist bereits zehn Jahre alt, aber man findet sie immer noch auf Youtube: Schmitz legt darin auf der Nordschleife eine Rundenzeit von knapp zehn Minuten hin - in einem Lieferwagen mit 130 PS. "Seit diesem Auftritt", sagt Schmitz, "werden unsere Hotels von Engländern regelrecht überfallen".

Schmitz arbeitete anschließend bei einigen Live-Shows von "Top Gear" mit. Und nachdem die Verträge von Clarkson und seinen beiden Kollegen James May und Richard Hammond nicht verlängert worden sind, tritt sie bald nicht nur als Gast, sondern auch als Co-Moderatorin bei "Top Gear" auf.

"Eigentlich", sagt sie, "habe ich dafür keine Zeit. Aber ich wäre blöd, wenn ich nicht mitmachen würde." Über die Dreharbeiten darf Schmitz vor dem offiziellen Start der Show nichts verraten. "Aber da haben sich Türen geöffnet, die sonst verschlossen bleiben". Und wie hilfreich die Sendung als kostenlose Werbung für sie war, hat sie auch nicht vergessen.

"Ich habe bei 'Top Gear' nur unter der Bedingung zugesagt, dass ich frei Schnauze reden darf", sagt Schmitz. "Wenn ich zum Beispiel ein Auto schlecht finde, will ich das auch so sagen." Geht es um ihre Ansichten zu "Top Gear" selbst, wägt sie ihre Worte jedoch eher vorsichtig ab.

Das liegt vor allem daran, dass die Presse in Großbritannien seit Monaten den neuen "Top Gear"-Moderator Chris Evans zerpflückt. Galt Jeremy Clarkson als nicht gerade zimperlich, was den Umgang mit seinen Mitarbeitern angeht - eine Prügelei mit einem Produzenten sorgte für seine endgültige Demission - wird Evans von den Tabloids als noch größerer Tyrann am Set dargestellt. Nachdem sich die Berichte über dessen angebliche Gereiztheit häuften, sah sich sein Arbeitgeber BBC sogar dazu genötigt, ihn öffentlich zu verteidigen: Evans sei "ein Teamplayer", hieß es in einem Statement, über das mehrere Medien berichteten.

Schmitz sagt über Evans so viel: "Er ist fokussiert und man kann mit ihm alles vernünftig besprechen."

Ein bisschen hat sie aber auch selbst zu den Zweifeln an ihm beigetragen: Schließlich saß Schmitz am Steuer, als sich Evans nach einer Runde als Beifahrer in einem Audi R8 V10 auf der Rennstrecke von Monterey übergeben musste. Anschließend tauchten Fotos der Brechattacke in der Yellow Press auf. In diesem Fall reagierte Evans allerdings souverän. Er produzierte zusammen mit Schmitz ein kurzes Video, in dem er sich über sich selbst lustig macht.

"Mir war wurscht, was die Zeitungen da schreiben", sagt Sabine Schmitz.

London ist weit weg von Barweiler, die Querelen um die Show scheinen sie wirklich kalt zu lassen. Sie leitet unter der Woche eine Ranch, fährt an den Wochenenden Autorennen in einem Porsche GT3 R, krault Wildschweine und moderiert zwischendurch "Top Gear". Vor ihrem Haus parkt ein riesiger Pick-up-Truck, den sie "mein Alltagsfahrzeug" nennt. Jeder "Playboy"-Leser träumt von so einem Leben.

Sabine Schmitz ist 30.000-mal durch die "Grüne Hölle" gefahren und dreht weiter ihre Runden. Angekommen ist sie schon längst.


Die erste Folge der neuen "Top Gear"-Staffel wird am 29. Mai auf BBC Two ausgestrahlt.



insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
gerd.leineune 09.05.2016
1.
Wenn sie entsprechend kompetent ist, hat auch niemand ein Problem damit. Tausendmal besser als wenn irgendein moderator, der selber schon nicht kompetent ist, seine Frau/ Schwester/ Schwiegermama oder Freundin vor die Kamera nepotisiert.
indepen 09.05.2016
2. Ziemlich seltenes Fahrzeug...
...so ein BMW 2002i. Wenn ich mich nicht irre gibt es davon genau null Exemplare. Was fuhr sie also? Den 2002, den 2002ti oder den Einspritzer mit der Bezeichnung 2002tii?
bronck 09.05.2016
3. Ob das gut geht?
Nach dem Dreamteam kann die neue Top-Gear-Mannschaft eigentlich nur versagen. Die Fans stinkig, die Presse schon jetzt miserabel und Clarkson und Co feilen schon am Konkurrenzprodukt. Ich fürchte hier kann die sehr sympathische Frau Schmitz nur verlieren.
luehrs 09.05.2016
4.
Zitat von bronckNach dem Dreamteam kann die neue Top-Gear-Mannschaft eigentlich nur versagen. Die Fans stinkig, die Presse schon jetzt miserabel und Clarkson und Co feilen schon am Konkurrenzprodukt. Ich fürchte hier kann die sehr sympathische Frau Schmitz nur verlieren.
Das sehe ich auch so, die BBC sollte Clakson und Co. den Rachen mit Geld vollstecken und hofen das sie zurück kommen.
PropellerHead 09.05.2016
5. 2002i?
Herr Stockburger, als Redakteur des Auto-Ressorts muss man sicher nicht jedes Auto, welches diesen Planeten befuhr, kennen... aber ein "2002i" sollte doch im Auge brennen, wie ein "Porsche 910". Frau Schmitz fuhr demnach damals entweder in einem 2002TI oder 2002Tii mit.
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