Projekt "Sartre": Hände weg vom Steuer!

Von Jürgen Pander

Projekt "Sartre": Heute fährt mein Auto selbst Fotos
Volvo

Der Mensch denkt, das Auto lenkt: Auf einer spanischen Autobahn hat eine Kolonne aus vier Fahrzeugen autonom eine Strecke von 200 Kilometern zurückgelegt. Die Fahrer lasen Zeitung, tranken Kaffee oder dösten vor sich hin. Das Beste: Die dafür nötige Technik steckt schon heute in den Fahrzeugen.

Dass jemand vor der roten Ampel in der Nase bohrt, den Stadtplan studiert oder SMS ins Handy tippt, kann man täglich beobachten. Würde sich ein Fahrer auf der Autobahn bei voller Fahrt so verhalten, käme einem das zumindest seltsam vor. Genau dieses Phänomen aber konnte man jüngst in Spanien beobachten.

In einem Lkw und drei Pkw, die dicht hintereinander in einer Kolonne etwa 200 Kilometer weit über die Autobahn fuhren, kümmerte sich keiner der hinterm Lenkrad Sitzenden ums Fahren. Sie taten alles mögliche - Zeitung lesen, Kaffee trinken, dösen und am Laptop arbeiten - nur Lenkrad, Bremse oder Gaspedal rührten sie nicht an. Während der Fahrt gab es nicht eine einzige brenzlige Situation.

"Wir sind hochzufrieden", sagte Linda Wahlström hinterher. "Die erfolgreiche Kolonnenfahrt auf einer öffentlichen Straße inmitten anderer Verkehrsteilnehmer ist ein Meilenstein in unserem Projekt." Das Projekt heißt "Sartre", die Abkürzung steht für "Safe Road Trains for the Environment".

Linda Wahlström arbeitet bei Volvo und ist beim schwedischen Hersteller verantwortlich für die "Sartre"-Aktivitäten. Neben Volvo sind sechs weitere Unternehmen und Institute aus Europa an dem Projekt beteiligt, das teilweise von der EU finanziert wird - ein anderer Pkw- oder Lkw-Hersteller ist jedoch nicht dabei.

Wer kann Kolonne fahren?

Seit drei Jahren gibt es die "Sartre"-Initiative, rund 10.000 Testkilometer wurden bislang zurückgelegt, allerdings noch kein Meter davon auf einer öffentlichen Straße. Das hat sich nun gewandelt, denn die Technik scheint ziemlich narrensicher zu sein. Hinter einem von einem Menschen gelenkten Führungsfahrzeug, in diesem Fall war es ein Volvo-Lkw, reihten sich die vier anderen Mobile ein und übergaben die Steuerung an die elektronischen Systeme. "Aus technischer Sicht kann jedes Fahrzeug das Führungsfahrzeug einer Kolonne sein. Der Fahrer jedoch braucht eine spezielle Ausbildung, denn schließlich ist er verantwortlich für alle Autos in der Kolonne, etwa so, wie es ein Busfahrer für seine Passagiere ist", sagt Wahlström.

Wer später einmal, falls diese Art von Kolonnen-Fahrerei Realität werden sollte, ein Führungsfahrzeug steuern darf und wie man sich dafür qualifiziert, das ist noch nicht geklärt. Der aktuelle Testkonvoi war mit einer Ausnahmegenehmigung unterwegs. Generell sind derartige Züge derzeit noch illegal in der EU, denn die Wiener Konvention schreibt vor, dass der Fahrer jederzeit die Kontrolle über sein Fahrzeug behalten müsse.

Wer irgendwo weiter hinten in einer autonom fahrenden Kolonne Zeitung liest oder ein Nickerchen hält, würde sich nach bisheriger Rechtslage strafbar machen. Da nutzt dann auch das beste Notbremssystem nichts, das selbstverständlich Teil der technischen Infrastruktur des Projekts ist.

Die Technik der am Test-Konvoi beteiligten Autos ist übrigens seit Jahren in ganz normalen Serienautos verfügbar. Fast alle Hersteller bieten Assistenzsysteme wie Tempomat oder Notbremsassistenten an, laserbasierte Abstandhalter, Radarkameras und andere Sensoren gehören längst zur Standardausstattung moderner Autos.

Neu und speziell entwickelt wurde lediglich die Software, mit der die Autos untereinander und mit dem Führungsfahrzeug kommunizieren. Sobald dieses System aktiviert ist, fährt das in die Kolonne eingeklinkte Fahrzeug vollautomatisch. Der autonome Konvoi rollte mit knapp 90 km/h über die rechte Spur, der Abstand zwischen den Autos betrug etwa sechs Meter.

Bessere Straßenauslastung und mehr Sicherheit

Die Idee dahinter ist ebenso schlicht wie genial: Automatisierter Kolonnenverkehr soll in Zukunft dazu beitragen, die Verkehrsleistung von Straßen zu verbessern, das Unfallrisiko drastisch zu senken, den Spritverbrauch und damit den CO2-Ausstoß zu reduzieren und zugleich die Nerven der Autofahrer zu schonen. Denn die können, statt hoch konzentriert (oder eben übermüdet und häufig abgelenkt) ihren Wagen zu bewegen, nun ganz andere Dinge tun.

Sobald sich jedoch der Konvoi dem angestrebten Ziel nähert, kann man sich aus der Kolonne ausklinken und hat den Wagen wieder selbst in der Hand, um zum endgültigen Zielort zu fahren. Schert ein Auto aus der Kolonne aus, rücken alle anderen entsprechend auf.

"Die Leute denken, autonomes Fahren in einer Kolonne sei Science-Fiction, doch die technischen Voraussetzungen sind längst geschaffen", sagt Linda Wahlström. Als nächstes wollen die "Sartre"-Experten ermitteln, wie groß die Spriteinsparungen durch ein solches System sein könnten. Die Erwartungen sind groß, die technischen Hürden praktisch überwunden. Was jedoch noch völlig offen ist, sind die rechtlichen Fragen. Projektleiterin Wahlström ist dennoch optimistisch: "Der automatisierte Kolonnenverkehr wird bald Realität sein."

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insgesamt 37 Beiträge
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1. ja,..aber...
miezemaus 13.06.2012
..ich möchte doch gerne mit 200 km/h über die Autobahn brausen und auch gerne in engen Baustellen viel zu schnell links überholen können...Wie soll das denn dann gehen??
2.
think_tank 13.06.2012
---Zitat--- Generell sind derartige Züge derzeit noch illegal in der EU, denn die Wiener Konvention schreibt vor, dass der Fahrer jederzeit die Kontrolle über sein Fahrzeug behalten müsse. ---Zitatende--- Schon heute kann man telefonieren und Autofahren gleichzeitig, dadurch wird ja nicht das Telefonieren oder das Fahren ansich illegal, nur beides zusammen ist egal. Von daher steht die Wiener Konvention diesen Kolonnen doch eigentlich nicht im Wege. Ein Problem ist eher der Kolonnenführer - ich denke, das funktioniert nur solange man sich kennt und weiß wieviel Erfahrung er hat, und regelmäßig Kontakt hält um zu prüfen ob er müde wird. Es werden wohl auch die wenigsten ohne Bezahlung die Verantwortung für fremde Menschen übernehmen. Grundsätzlich ist das System klasse, es spart CO2 aufgrund gleichmäßigerer Fahrweise und Ausnutzung von Windschatten und führt zu weniger Staus. Für mich persönlich wäre es aber nichts - ich werde auch als Beifahrer seekrank und brauche das Gefühl die Kontrolle über den Wagen zu haben.
3. Wie lässt sich das denn...
sappelkopp 13.06.2012
...mit der deutschen Auto-Fan-Boys und -Girls eigenen Denke "Freie Fahrt für freie Bürger" vereinbaren? Nur hinter dem Steuer bin ich doch wirklich frei und überholen darf ich dann auch nicht. LOL, bin gespannt.
4. Nur für südländische....
mauimeyer 13.06.2012
...oder US Autobahnen. Ewig lange und langweilige Strecken bieten sich an. Das Führungsfahrzeug sollte immer ein träger LKW sein. Windschatten fahren bedeutet kurze Abstände. Genau dies ist der Knackpunkt. Der fahrer des Führungsfahrzeugs muß viel Kompetenz haben - bis hin zum "Weckalarm" für alle Folgenden. Der Ansatz sollte weiter erforscht werden, denn er beruht auf der Freiwilligkeit der "Geführten". Kauri
5.
OliverSch 13.06.2012
Da ja jeder Hersteller sein eigenes Süppchen kocht wird es wohl kaum etwas werden. Ich kann mir beim besten willen nicht vorstellen das ein BMW die Steuerung einen Lada-LKW überläßt nur weil dieser greade Kolonnenführer ist. Wie reagieren unterschedliche Systeme wenn z.B. der Kolonnenführer einen Unfall baut? Gehen dann alle vollautomatisch in die Eisen bei 6m Abstand oder sind die in Reieh geschaltet und es macht dann einfach Patsch, Patsch, Ptasch?
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