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22. Oktober 2012, 17:21 Uhr

Schutzmaßnahmen an Autobahnen

Polizei fordert Krallen gegen Falschfahrer

Bei Unfällen durch Falschfahrer sind im Oktober mehrere Menschen ums Leben gekommen. Während die Polizei technische Hilfsmittel fordert, um solche Tragödien zu verhindern, stehen Unfallforscher immer noch vor einem Rätsel: Denn das klassische Profil des Falschfahrers gibt es nicht.

Berlin - Fünf Tote auf der A46 im Sauerland, vier Tote auf der A73 in Oberfranken: Die Zahl der Menschen, die in den vergangenen Wochen bei Unfällen durch Falschfahrer starben, ist erschreckend. Die Deutsche Polizeigewerkschaft NRW (DPolG) fordert nun Konsequenzen - und will unter anderem sogenannte Krallen einsetzen. Sie beschädigen die Reifen und hindern den Falschfahrer somit an der Weiterfahrt. Auch elektronische Warntafeln und Blinklichter, die sich bei falscher Einfahrt aktivieren, werden in Betracht gezogen.

Die Krallen sollen nach dem Willen des DPolG-Landesvorsitzenden Erich Rettinghaus an allen Autobahnabfahrten angebracht werden: "Dabei nehmen wir eher geplatzte Reifen als Tote und schwerverletzte Menschen auf der Autobahn in Kauf."

Trotz der Häufung tödlicher Geisterfahrten in diesem Oktober - statistisch gesehen ist diese Unfallart sehr selten. "11 von 22.000 von uns untersuchten Autounfällen mit Personenschäden fallen in die Kategorie Falschfahrten", sagt Verkehrsunfallforscher Henrik Liers von der TU Dresden. Seine Statistik umfasst einen Zeitraum von zehn Jahren. Zumindest der Anteil an den Unfällen sei repräsentativ, sagt er.

Sicher ist auch, dass es eine der Unfallarten mit der höchsten Lebensgefahr ist: "Bei jedem zweiten Unfall mit Falschfahrern gibt es mindestens ein Todesopfer." Allein im Oktober 2012 aber waren es bis zum Wochenende schon zwölf. Diese extrem drastische Häufung kann kein Fachmann erklären. Liers' Statistik gibt keinen Beweis dafür her, dass es an früher einsetzender Dunkelheit oder häufigeren Depressionen als im Frühjahr oder Sommer liegt.

"Schwarzer Oktober" auf den Straßen

Selbstmordabsicht, Mutprobe, Drogeneinfluss, Reizüberflutung: Die unterschiedlichen Anlässe für eine Falschfahrt auf der Autobahn machen die Vorbeugung extrem schwierig. Darüber ist sich die Verkehrsunfallforschung weitgehend einig. "Es handelt sich um junge wie alte Autofahrer, um Frauen wie Männer mit oder ohne Blackout", sagt Rainer Hillgärtner vom Autoklub ACE.

Trotz des sogenannten schwarzen Oktobers habe auch er "keine belastbaren Anzeichen für die Annahme, dass Geisterfahrer häufiger im Herbst unterwegs sind". Die schlechte Sicht führt nicht zwangsläufig zu erhöhten Unfällen: Auch die Zahl der Nebelunfälle sei in den vergangenen Jahren gesunken.

Entsprechend sind auch die Ratschläge auf Abhilfe eher spärlich. Im Gegensatz zur Polizeigewerkschaft halten andere Fachleute wenig von Krallen an den Autobahnauffahrten. Andreas Hölzel vom ADAC gibt zu bedenken, dass die Technik bei winterlichen Bedingungen noch Probleme aufwerfe, abgesehen davon, dass sie sehr aufwendig sei.

Sollte sich allerdings an bestimmten Straßenabschnitten herausstellen, dass sich Falschfahrten häufen, so müsse dem mit besonders auffälliger Beschilderung entgegengewirkt werden, fordern ACE, ADAC und DPolG einhellig. "Aber wenn einer sich mit einer Geisterfahrt umbringen will, hilft gar nichts", sagt Hölzel.

Tipps zum richtigen Verhalten

Pro Jahr gibt es laut Bundesverkehrsministerium etwa 1700 bis 2000 Falschfahrer-Meldungen bei Polizei und Verkehrsfunk. Darin enthalten sind auch alle glimpflich verlaufenen Zwischenfälle, Telefonscherze und Irrtümer. Aber wie soll man sich verhalten, wenn die Gefahr eines Geisterfahrers droht? Was soll man tun, wenn man selbst zum Falschfahrer geworden ist? Markus Niesczery, Pressesprecher der Autobahnpolizei Düsseldorf, gibt folgende Ratschläge:

cst/dapd

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