Geschwindigkeitskontrollen Niedersachsen testet Strecken-Radar

Vor dem Blitzer wird auf die Bremse getreten, danach geht die Raserei weiter. Genau das soll das "Strecken-Radar" verhindern. Niedersachsen testet die Technologie jetzt als erstes Bundesland.

Strecken-Radar in Österreich: Niedersachsen startet Pilotversuch
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Strecken-Radar in Österreich: Niedersachsen startet Pilotversuch


Hamburg/Hannover - Niedersachsen testet als erstes Bundesland ein Strecken-Radar, bei dem die Geschwindigkeit von Autofahrern über einen längeren Abschnitt kontrolliert wird. Dabei wird jedes Fahrzeug am Beginn des Abschnitts von hinten fotografiert und die Daten verschlüsselt zwischengespeichert. Am Streckenende wird es erneut erfasst. Mittels Weg-Zeit-Berechnung wird dann die durchschnittliche Geschwindigkeit ermittelt. Ist der Fahrer zu schnell gewesen, wird das Fahrzeug auch von vorne - mit Fahrer und amtlichem Kennzeichen - geblitzt und die Daten in eine Verstoßdatei überführt.

In dem Pilotversuch werden die strengen Vorgaben des deutschen Datenschutzes eingehalten, sagte Innenminister Boris Pistorius (SPD) am Montag in Hannover. Der 18-monatige Test werde im Frühjahr 2015 beginnen.

Bereits 2009 hatte sich der Deutsche Verkehrsgerichtstag (VGT) mehrheitlich für einen Modellversuch in einem Bundesland ausgesprochen und vier Bedingungen formuliert:

  • Das Streckenradar soll nur auf Strecken mit Unfallhäufung zulässig sein.
  • Die erhobenen Daten dürfen ausschließlich für die Geschwindigkeitsüberwachung verwendet werden; eine Verknüpfung mit anderen Registern und Daten ist unzulässig.
  • Sofern kein Tempoverstoß vorliegt, müssen die Fahrzeugdaten sofort automatisch und spurlos gelöscht werden. Zugriffe auf die Daten während der Messung sind auszuschließen.
  • Ein gut sichtbares Hinweisschild soll den überwachten Streckenabschnitt ankündigen.

Eigenen Angaben zufolge ist Niedersachen zu dem Schluss gekommen, dass "der gegenwärtige technische Stand der Entwicklung der Überwachungsanlagen" ein Pilotprojekt nach dem geltenden Recht und Bedingungen der VGT zulasse.

"Recht auf zu schnelles Fahren gibt es nicht"

Auf deutschen Straßen sterben wieder mehr Menschen im Straßenverkehr - etwa jeder dritte Tote wegen zu hoher Geschwindigkeit. Aus diesem Grund haben die Bundesländer auch für den 18. September einen erneuten bundesweiten Blitzmarathon angekündigt.

Darüber hinaus kündigte Niedersachsen seinen Pilotversuch für das Strecken-Radar, im Fachjargong "section-control" genannt, an. "Bisher steht uns nur eine Technik zur Verfügung, die lediglich eine punktuelle Überwachung der Geschwindigkeiten ermöglicht", so Innenminister Pistorius. Das sei beim Strecken-Radar anders: "Unter anderem gibt es nicht die Möglichkeit, kurz vor dem Blitzer zu bremsen und direkt danach wieder Vollgas zu geben."

In Österreich und den Niederlanden gibt es das Strecken-Radar bereits seit Jahren. Die Erfahrungen in den Nachbarländern seien positiv, der Verkehrsfluss harmonisiere sich, und die Sicherheit werde auch etwa in Baustellen oder Tunnelstrecken nachweislich erhöht, so Pistorius.

"Das Recht auf zu schnelles Fahren gibt es nicht", unterstrich Pistorius. Niedersachsen befinde sich gegenwärtig in der Abstimmung der Pilotstrecke. Der unfallträchtige Bundes- oder Landstraßenabschnitt soll eine Länge von drei bis acht Kilometern haben und bis Ende September bekannt gegeben werden.


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smh/dpa



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insgesamt 206 Beiträge
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jj2005 01.09.2014
1. Ueberfaellig
Gibt's auf Italiens Autobahnen schon seit Ewigkeiten. Von den vier "Bedingungen" verstehe ich allerdings nur 2+3: Warum nur bei ueberdurchschnittlich vielen Gesetzesverstoessen? Und warum muessen die Raser ausdruecklich gewarnt werden à la "Hier gilt nicht nur das Gesetz, hier wird sogar kontrolliert"???
Toleranz&Meinungsfreiheit 01.09.2014
2. .
Dabei gilt auch hier, dass jeder ein Raser ist, der 1 km/h oder mehr schneller fährt als erlaubt - auch beim Überholen eines Traktors (oder einer Frau^^) darf nicht über die erlaubte Höchstgeschwindigkeit hinaus beschleunigt werden... Ergo: Alles Raser auf deutschen Straßen!
Mindrock 01.09.2014
3. Es geht immer weiter
...mit der Überwachung und dem gängelndem Polizeistaat, angeblich werden die Daten sofort wieder gelöscht, für wie doof halten die eigentlich die Bürger? Unter dem Deckmäntelchen der Verkehrssicherheit auch noch die letzten weißen Stellen ausradieren. Nur eine Frage der Zeit bis auch die letzte Privatsphäre den Bach runter gehen wird.
adorfer 01.09.2014
4. Strecken-RADAR? Stimmt doch gar nicht!
Ich könnte schwören, dass da keine Radar-Technik zum Einsatz kommt. Warum nicht bei dem etablierten Begriff "Section Control" bleiben? Das umschreibt, was da passiert. Ob da jetzt mit Induktionsschleifen, Gummischläuchen oder meinetwegen auch Radar gemessen wird ist schlichtweg egal.
Bonanza 01.09.2014
5. Alles geht technisch ...
"Das Recht auf zu schnelles Fahren gibt es nicht" Mag sein, einen Anspruch nicht unter Verfolgungswahn zu leiden, gibt es demgegenüber auf jeden Fall. Man kann jeden praktisch lückenlos überwachen. Smartphonepflicht, Chipimplantat nach der Geburt, Onlineüberwachung von Autos. Alles geht technisch. Hoffentlich ist noch genug Bundesverfassungsgericht übrig, um beizeiten festzustellen, dass so in das Wesen der Freiheit eingegriffen wird. Wenn sich die Politik um alles so nett kümmern würde, wie um die Gängelung der Autofahrer gäbe es längst keine bösen Menschen mehr.
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