Segway Human Transporter Skifahren auf Rädern

In den USA ist der Segway ein Kultobjekt. In Deutschland aber darf der Hightech-Roller bislang nicht auf öffentlichem Gelände fahren. Doch nachdem er sich im Test bei Ordnungshütern im Saarland bewährt hat, könnte es bald grünes Licht für den "Human Transporter" geben.


"Keine Angst, es so einfach, als würden Sie auf eine Treppenstufe steigen", sagt Volker Schenk. Dumm nur, dass diese Treppenstufe zwei große Räder hat und ziemlich allein in der Landschaft steht. Denn hier geht es nicht um Aufstieg, sondern um Vortrieb. Zur Testfahrt bereit steht der Segway "Human Transporter", jener Hightech-Roller mit Elektroantrieb, der sich selbst ausbalanciert und von vielen Trendscouts bereits zum urbanen Fortbewegungsmittel der Zukunft erklärt wurde.

Doch erst einmal flößt einem der Roller Respekt ein. Da mag Instruktor Schenk noch so aufmunternd lächeln. Gab es da nicht peinliche Paparazzi-Fotos von US-Präsident Bush, der bei einer Probefahrt prompt auf die Nase fiel? Und sollte man nicht vielleicht doch lieber die Knie- und Ellenbogen-Schützer aus der Kiste mit den Inline-Skates herauskramen? "Keine Sorge", sagt Schenk, "aufsteigen, gerade stehen und einfach der Technik vertrauen - dann geht's los."



So wackelig es sich in den ersten Sekunden auch anfühlt: Kaum hat man sich aufgerichtet, die Lenkstange in die Hand genommen und die Knie gelockert, steht man völlig stabil. So wie der Einradfahrer mit den Pedalen die Balance hält, so tarieren die von einem Gyroskop gesteuerten Elektromotoren den Segway aus. Doch ist der Roller nicht zum Stehen, sondern zum Fahren gemacht. Also folgt man weiter den Anweisungen des Instruktors, beugt sich leicht nach vorne und nimmt plötzlich Fahrt auf.

Wird es zu schnell, lehnt man sich zurück und bremst den Roller auf diese Weise wieder ab. Gesteuert wird die Fahrt, die je nach elektronischem Zündschlüssel auf 8, 12 oder 20 km/h limitiert ist, mit einem kleinen Griff an der höhenverstellbaren Lenkstange: Dreht man nach links, tut das der Segway auch, dreht man nach rechts, folgt der Roller diesem Kommando.

Weil die Drehung wie bei einem Kettenfahrzeug mit den gegenläufigen Rädern erzeugt wird, kann der Segway quasi auf dem Punkt drehen und ist damit viel wendiger als jedes andere Gefährt auf Straße oder Gehsteig. Natürlich nimmt man von solchen Experimenten bei der ersten Testfahrt Abstand und überlässt den Slalomparcours den Profis. Doch wer sich nur ein bisschen locker macht, kann schon nach ein paar Minuten sicher um die Ecken flitzen, auf volle Batterien für bis zu 40 Kilometer Fahrspaß hoffen und sich dabei fühlen, als würde er auf Skiern über den Bordstein schwingen.

Schade nur, dass dieses Vergnügen bislang auf Privatwege beschränkt ist. Denn noch ist in den deutschen Zulassungsgesetzen kein Platz für den Segway. Doch eine Lösung ist in Sicht. Für eine Studie im Auftrag der Bundesanstalt für Straßenwesen haben bis vor kurzem elf Polizisten in Saarbrücken und Beamte beim Ordnungsamt Neukirchen die Roller unter wissenschaftlicher Beobachtung getestet. Die Erfahrungen waren rundum positiv. Weil das Fahren mit dem Segway schnell und intuitiv erlernt werden und der Roller aufgrund seiner hohen Beweglichkeit problemlos mit anderen Verkehrsteilnehmern interagieren könne, empfehlen die Wissenschaftler nun die Zulassung.

Noch fehlen Beleuchtung, Klingel und Kennzeichen

Der Segway solle in die neu zu schaffende Kategorie "Elektronische Mobilitätshilfe" eingeordnet und für Fahrer über 15 Jahren ohne Führerschein auf Radwegen sowie mit Schrittgeschwindigkeit auch auf "Fußverkehrsflächen" erlaubt werden, raten die Experten. Allerdings mahnen sie eine Beleuchtung, Klingel oder Hupe und ein Versicherungskennzeichen an, ehe es mit der Zulassung etwas werden dürfe.

Folgt die Politik dem Vorschlag, erwartet Reinhold Eder, der Geschäftsführer des deutschen Vertriebspartners im bayerischen Deggendorf, bald ein Heer von Rollern in der Republik. Kritik am hohen Preis der Segways, der zwischen 4500 und 7200 Euro kostet, ficht ihn nicht an. "Wenn man vor 15 Jahren nach der Zukunft des Mobiltelefons gefragt hätte, dann hätte angesichts der aberwitzigen Preise kaum jemand auf eine große Stückzahl gewettet. Und heute hat beinahe jeder ein Handy in der Tasche", kontert der Segway-Manager und baut darauf, dass mit der Stückzahl auch die Preise sinken. Außerdem mache Segway-Fahren nicht nur Spaß, sondern schone auch Umwelt und Geldbeutel, sagt Eder. Der Roller sei quasi geräuschlos, stoße keinerlei Abgas aus und könne mit Strom für einen Euro 200 Kilometer weit fahren.

Eine trendige Mobilitätshilfe für Gebrechliche

Dabei denkt er aber nicht nur an faule Fußgänger, Hausmeister mit erweitertem Aktionsradius oder Ritter des Zeitgeistes, die Skateboard, Kickboard und Vespa in die Ecke stellen, weil plötzlich der Segway "in" ist. Eder hat noch eine andere Zielgruppe vor Augen: "Der 'Human Transporter' ist auch ein ideales Fortbewegungsmittel für Menschen mit einem körperlichen Handicap", sagt er und entwirft das Szenario vom lädierten Rentner, der seine rüstige Frau gerne mal wieder bei einem Spaziergang begleiten möchte, sich aber im Rollstuhl nicht aus dem Haus traut. "Mit einem Rollstuhl oder einer Gehhilfe stehen sie immer am Rand und werden mitleidig angesehen. Auf dem Segway dagegen ist man mittendrin statt nur dabei - und jeder schaut neidvoll hin."

Darüber hinaus gebe es zahlreiche gewerbliche Einsatzzwecke für den Roller, sagt Eder und denkt dabei etwa an die italienische Polizei, die für die Überwachung in Bahnhöfen gerade 75 Roller bestellt hat, oder an die Disney-Studios, die ihre Mitarbeiter in den USA auf dem Segway durch die Vergnügungsparks schicken. Und wer als Tourist nach Kapstadt kommt, und keine Lust mehr hat zu laufen, der kann im Hafen zur geführten Stadtrundfahrt ebenfalls auf einen Segway steigen. "Selbst in großen Menschenmassen ist man mit dem Roller schnell unterwegs und viel wendiger als etwa mit einem Fahrrad", so der Vertriebsmann. "Außerdem steht man 20 Zentimeter über den Dingen und bewahrt so den Überblick."

Nun müssen die Verkehrsminister entscheiden

Zwar hat Eder in Deutschland bereits "mehrere hundert" Roller verkauft, die nun zu Werbezwecken durch Messehallen rollen, Golfer an den Abschlag bringen oder Sicherheitsdienste bei Großveranstaltungen mobilisieren. Doch Privatkunden muss der Bayer bislang meist eine Absage erteilen. "Denn auch wenn wir seit der Studie aus dem Saarland viel Rückenwind spüren - noch ist der Segway im öffentlichen Verkehrsraum verboten." Nach Eders Angaben werden sich die zuständigen Landesminister wohl noch vor dem Sommer über den Roller unterhalten. Und mit etwas Glück nimmt der "Human Transporter" in diesem Jahr auch noch die Hürden im Bundestag und Bundesrat.

Dabei blickt nicht nur Eder gespannt auf die Mühlen der öffentlichen Verwaltung. Auch aus dem europäischen Ausland schielt man immer wieder nach Berlin. "Zwar gibt es zum Beispiel in Österreich, in Griechenland oder Portugal längst eine Regelung, doch wichtige Märkte wie Großbritannien, Schweiz und Belgien warten die Entscheidung aus Deutschland ab", sagt Eder. "Die wissen halt genau, wie gründlich hier geprüft wird, und sagen sich wahrscheinlich: Wenn es in Deutschland grünes Licht gibt, dann können wir den Segway auch bei uns auf die Straße lassen."



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