Auto der Zukunft Sag zum Abschied leise Servo

Ihr Wagen wird ab sofort die Steuerung übernehmen: Die Entwicklung selbstfahrender Autos geht rasant voran. Laut einer Umfrage unter Experten wird damit bald einiges überflüssig, zum Beispiel das Lenkrad. Was noch?

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Autolenkrad: Bald soll das Fahrzeug selbst steuern
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Autolenkrad: Bald soll das Fahrzeug selbst steuern


"In den nächsten zehn Jahren wird sich das Auto stärker verändern als in den letzten fünf Jahrzehnten," glaubt Johann Jungwirth. Der Leiter der Mercedes-Forschung im Silicon Valley ist mit dieser Vorhersage eines radikalen Wandels nicht allein. Denn laut einer Umfrage des Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) wird vor allem das automatisierte Fahren die Automobilbranche umwälzen.

Der 400.000 Mitglieder starke Weltverband der Ingenieure hat rund 200 Forscher, Wissenschaftler, Studenten, Politiker und Entwickler über die Perspektiven des selbstständigen Fahrzeugs befragt.

Die Experten haben dabei nicht nur ihre Einschätzung dazu gegeben, wann der Mensch im Auto das Steuer aus der Hand geben wird und welche Hürden vorher noch zu nehmen sind. Sie haben auch aufgelistet, was im Auto der Zukunft nicht mehr an Bord sein wird - nämlich eine ganze Reihe von Teilen und Bedieninstrumenten, ohne die Fahren heute gar nicht möglich wäre.

In dieser Übersicht finden Sie die bedrohten Dinge:


Diese Fahrzeugtechnik wird in Zukunft überflüssig
Rolls-Royce

Rückspiegel

Die Spiegel im und am Auto sind nach Einschätzung der Ingenieure bereits ab dem Jahr 2030 überflüssig. Monitore für die Kameras brauche man dann auch nicht mehr, denn Rücksicht übt in einem autonomen Auto allein der Rechner. Besser einparken kann der Autopilot auch. Die ersten Schritte in diese Richtung sind bereits gemacht: Mit den Warnsystemen für den toten Winkel und den Rangier-Robotern, die es mittlerweile bis in die Kompaktklasse zu kaufen gibt.

Ganz nebenbei hätte der Abschied vom Außenspiegel einen anderen Vorteil: Der Luftwiderstand - und damit der Verbrauch - würde sinken.

Daimler

Notbremsfunktion

Den panischen Piepton des Auffahrwarners kann man sich in einem autonome Auto sparen, glauben die IEEE-Mitglieder: Weil der Autopilot ohnehin die ganze Zeit nach vorne schaut und rechtzeitig in die Eisen steigt müsse man den Fahrer spätestens ab 2030 nicht mehr mit einem Alarm aufschrecken.

Je besser die Elektronik wird, desto weiter kann sie vorausschauen und muss sich irgendwann vielleicht gar nicht mehr auf die mechanischen Bremsen verlassen. Stattdessen könnten E-Mobile rekuperieren und Autos mit Verbrennungsmotor die Motorbremse nutzen oder die Segelfunktion aktivieren.

imago

Hupe

Endlich weniger Lärm auf der Straße: Wenn Autos untereinander vernetzt sind, wird die Hupe in der Vision der IEEE-Mitglieder überflüssig. Ab 2030 macht man sich als Autofahrer in dieser Prognose mit elektronischen Nachrichten bemerkbar und brauchen keine Pressluft-Fanfare mehr. Und was ist mit Fußgängern oder Radfahrern? Die informiere der Vibrationsalarm an ihrem Smartphone oder ihrer Smartwatch.

Tom Grünweg

Pedale

Gas, Kupplung, Bremse - was Millionen von Fahrschülern zur Verzweiflung bringt, ist nach IEEE-Einschätzung spätestens 2035 Geschichte: Denn Pedale wird ein Auto dann nicht mehr haben. Wozu auch? Kuppeln muss man nach dem Siegeszug von Automatik- oder Doppelkupplungsgetrieben schon heute kaum mehr und das Tempo regelt bis in 20 Jahren allein der Autopilot.

Erleben können das Autofahrer schon heute: Wer einen Wagen hat, bei dem der Tempomat mit dem automatischen Abstandsregler verbunden ist, kann zumindest auf der Autobahn oft stundenlang die Füße still halten.

Daimler

Lenkrad

Wenn es nach den IEEE-Mitgliedern geht, haben Neuwagen ab 2035 kein Lenkrad mehr – so wie der Prototyp des Google-Autos. Die Autopiloten seien bis dahin so gut, dass sie immer und überall tatsächlich allein den Kurs bestimmen. Genügend andere Beschäftigungsmöglichkeiten als Lenken haben viele Autofahrer ja schon heute.

Rinspeed

Lounge statt Sitzreihen

Egal ob Mercedes, BMW, Nissan oder Toyota - alle Hersteller machen sich bereits Gedanken, wie der Innenraum des autonomen Autos aussehen könnte. Von verschiebbaren oder drehbaren Sesseln ist unter anderem die Rede.

Während die Designchefs der Großserienhersteller bislang aber nur mit ihren Gedanken spielen, hat der Schweizer Vordenker Frank Rinderknecht dieser Idee schon eine Gestalt gegeben: Die Studie XchangE nimmt viele der IEEE-Prognosen deshalb bereits vorweg. Allerdings sind Lenkrad oder Pedale dort noch nicht vollends verschwunden, sondern nur vorübergehend aus dem Weg geräumt.

  • Laut der Umfrage des IEEE geht die Mehrheit der Experten davon aus, dass Kosten, Infrastruktur und Technologie keine ernsthaften Hindernisse mehr für das autonome Fahren darstellen.

  • Gebremst werde die Entwicklung vor allem durch die Frage nach der juristischen Haftung, durch die Politik und die Akzeptanz der Verbraucher: "Jedes Mal, wenn eine Technologie das komplette Alltagsleben umkrempeln kann, müssen Gesetze und Politik den richtigen Einsatz dieser Technologie regeln", sagt zum Beispiel Professor Yaobin Chen, Computer- und Elektronik-Wissenschaftler an der Purdue School of Engineering and Technology: "Wenn die theoretische Basis steht, wird auch die Technik so weit sein, und wir können an der Akzeptanz für die autonomen Fahrzeuge arbeiten."

  • Sorgen darum machen sich die Experten offenbar nicht: "Wir haben in den letzten Jahren einen unglaublichen Fortschritt gesehen - sowohl bei den technischen Möglichkeiten als auch bei der Akzeptanz, zumindest unter den Fahrzeugherstellern", sagt Alberto Broggi von der Universität in Parma: Beides werde auf die Konsumenten abfärben: "Wenn die Experten Vertrauen in die Technik zeigen, werden die Laien nachziehen."

Das klingt zwar alles nach einer leichten Übung. Aber so ganz am Ziel sind die Forscher beim autonomen Fahren dann doch noch nicht:

  • 56 Prozent der Befragten glauben, dass vor allem bei der Sensortechnologie noch Fortschritte gemacht werden müssen, mit 48 Prozent Nennungen auf Platz zwei landet die Software, 47 Prozent nennen die Fahrer-Assistenzsysteme und 31 Prozent die detaillierte GPS-Navigation.

  • Letztere jedenfalls scheint den Experten bereits greifbar: In spätestens 15 Jahren, so glauben 74 Prozent der Befragten, werde der gesamte Globus mit entsprechend detaillierten Daten digitalisiert sein.

Glaubt man den IEEE-Experten, müssen sich die Autofahrer allerdings nicht nur daran gewöhnen, das Steuer aus der Hand zu geben: Irgendwann werde das Auto gar kein Lenkrad mehr haben, sagen die Forscher. Sie sehen diesen Zeitpunkt spätestens 2035 gekommen.



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vhn 12.08.2014
1. Schöne neue Technik
Die PKW - Hersteller haben ja heute nicht mal die aktuelle Technik im Griff. Da mag man sich gar nicht vorstellen, was durch diese Technik für Probleme entstehen können. Jedenfalls hat man schon heutzutage das Gefühl, dass die aktuelle "Hightech" nur für Neuwagen gedacht ist. Funktionalität in der Garantiezeit abgesichert. Nach uns die Sintflut. Wenn bei einem zehn Jahre alten Auto dann das intelligente formbare LED Licht kaputt ist, ist das dann ein wirtschaftlicher Totalschaden? Komischerweise herrscht in der Autobranche (Werkstätten, Sachverständige) die Meinung vor, die Langzeitqualität sei bei allen neuen Autos schwierig. Bei einer Panne ist eben in Zukunft nichts mehr mit Soforthilfe. Da kommen dann in Zukunft drei Experten mit dem Laptop und suchen einen Tag lang den Fehler. Stichwort : Geführte Fehlersuche. Ich hoffe, ich darf auch in zehn Jahren noch Spaß am Autofahren haben...
ofelas 12.08.2014
2. Rise of the Machines
...und alle Rechner sind dann ausfallsicher und koennen nicht gehakt werden
ArnoNym 12.08.2014
3. Immer schön ruhig bleiben
Zitat von sysopGetty ImagesIhr Wagen wird ab sofort die Steuerung übernehmen: Die Entwicklung selbstfahrender Autos geht rasant voran. Laut einer Umfrage unter Experten wird damit bald einiges überflüssig, zum Beispiel das Lenkrad. Was noch? http://www.spiegel.de/auto/aktuell/selbstfahrendes-auto-experten-finden-lenkrad-und-pedale-ueberfluessig-a-983315.html
Wer's glaubt... In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrtausends sagten Zukuntsforscher voraus, daß im Jahr 2000 alle Autos fliegen. Wo sind die geblieben?
Oloid 12.08.2014
4. Smartphonevibration anstelle der Hupe
Um das zu verwirklichen müsste ja jeder Mensch (und Tier) erst einmal dazu gezwungen ein Smartphone mitzuführen. Und wie rangiert man in einer nicht erfassten Gegend? Beispielsweise im eigenem Hof oder im Funkloch? Durch Sprachkommandos?
Mach999 12.08.2014
5.
Ich bin mir sicher, dass autonome Fahrzeuge kommen werden. Die technischen Probleme sind lösbar, die rechtlichen auch. Es mag sein, dass in einigen Fahrzeugen dann auch Lenkrad und Pedale wegfallen, weil es andere Möglichkeiten der Steuerung gibt. Das wird aber sicherlich nicht bei allen Fahrzeugen so sein, denn manche Leute möchten auch Spaß beim Fahren haben. Auf gar keinen Fall werden aber Rückspiegel bzw. -kamera und Hupe wegfallen. Die dienen nicht nur der Verkehrssicherheit, sondern sind ein Komfortfaktor. Manchmal möchte man einfach sehen, was hinter einem los ist. Und eine Hupe ist - trotz Verbots in der StVO - für viele auch Kommunikations-, nicht nur Warninstrument. Mal ganz abgesehen davon, dass die Autoindustrie Fußgängern nicht vorschreiben kann, immer ein Smartphone dabei zu haben, um Warnungen von Autos zu empfangen. Diese Zusammenstellung berücksichtigt lediglich das technisch Mögliche, nicht aber die Wünsche der Menschen. Einige dieser Zukunftsvisionen werden in 20 Jahren den Status haben, den vergangene Zukunftsvisionen heute haben: Sie werden amüsant sein.
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