Serienauto-Premieren in Frankfurt: Willkommen in der Wirklichkeit

Aus Frankfurt am Main berichten und Jürgen Pander

Studien, Visionen, Konzepte - die Stars der IAA sieht man erst in vielen Jahren auf der Straße, wenn überhaupt. Doch irgendwie müssen die Autohersteller die schöne Zukunft finanzieren. Deshalb stehen in Frankfurt auch einige stinknormale Fahrzeuge, die schon in Kürze zu kaufen sind.

Serienfahrzeuge auf der IAA: Die stillen Stars Fotos
Tom Grünweg

Nimmt man IAA-Redner beim Wort, können sich Autokäufer erst einmal entspannt zurücklehnen. 2011, 2012 oder 2013 sind die Jahreszahlen, mit denen die Industrie bei der Vorstellung ihrer Messestars jongliert. Die Zeit bis dahin - ein Vakuum, das man am besten mit einem rostigen Gebrauchtwagen füllt. Wer jetzt, an der Schwelle eines neuen Mobilitäts-Zeitalters, noch ein altes Auto kauft, ist selber schuld, so der Eindruck.

Die Hersteller wissen freilich, dass Investitionen in die Zukunft mit dem Verkauf von Autos in der Gegenwart finanziert werden müssen. Und so stehen zwischen all den Wünschen und Visionen in den Messehallen von Frankfurt tatsächlich auch ein Reihe ganz gewöhnlicher, dafür aber ausgereifter Serienmodelle, die im großen Rauschen beinahe unterzugehen drohen.

Schuld daran sind die Autohersteller selbst. Sie fahren vor der eigentlichen Messepremiere oft eine PR-Salamitaktik und veröffentlichen Detailinfos und halbverhüllte Autos - so dass zur großen Party nur noch ein Zipfelchen an Neuigkeitswert übrig ist. Dabei sind es die vergleichsweise unspektakulären Fahrzeuge, die zählen. Wen interessiert ein Elektro-Rennwagen fürs kommende Jahrzehnt, wenn er jetzt eine neue Familienkutsche braucht?

Polo in der Pole-Position

Wer zum Beispiel schaut heute bei VW nach dem neu vorgestellten, dreitürigen Polo, wenn nebenan das Einliter-Auto oder der elektrische Up stehen? Dabei haben die Niedersachen seit März bereits 70.000 Polo-Modelle mit fünf Türen verkauft und erhoffen sich von der neuen Variante einen frischen Schub, weil der Wagen nicht nur sportlicher aussieht, sondern mit einem Grundpreis von 12.150 Euro auch noch 700 Euro billiger ist.

Der Polo ist nicht der einzige Kleinwagen, der aus dem Schlagschatten der Studien fahren wird: Auch bei Citroën werden sich die Blicke peu à peu von der feinen Studie Revolte lösen und auf das Doppel von C3 und DS3 fallen. Beide sind ab sofort zu kaufen. Und wer in einem kleinen Auto gerne etwas mehr Raum um sich hat, findet bei Kia mit dem Venga einen kleinen und praktischen Van.

Überraschend viel Neues gibt es in der Golf-Klasse, die zumindest während der Messetage den Namen Astra-Klasse tragen sollte. Kein anderes neues Auto auf der IAA ist wirtschaftlich bedeutsamer und in der Zulassungsstatistik höher angesiedelt als der Debütant aus Rüsselsheim. In diesem Segment buhlen aber auch andere Hersteller um Aufmerksamkeit. So zeigt Kia den frisch gelifteten Cee'd, Ford und VW präsentieren neue Sparversionen von Focus und Golf (CO2-Ausstoß 99 g/km) und Renault lockt eine eher konservative Klientel mit dem schlichten Stufenheck-Auto Fluence.

Mercedes präsentiert E-Klasse-Kombi

Wer mehr Platz möchte, hat unter den Premieren der Kompaktklasse eine noch größere Auswahl und sollte bei Peugeot nach dem Touran-Gegner 5008 oder bei Ford nach dem neuen C-Max schauen. Letzterer kommt zwar erst in rund einem Jahr auf die Straße, lockt dafür aber mit dem sportlicheren Design. Dazu gibt es neue, sparsamere Eco-Boost-Motoren und vor allem auch eine siebensitzige Variante. Erstmals wird Ford neben dem bekannten Fünfsitzer diese XL-Version mit gestrecktem Radstand und zwei Schiebetüren im Fond anbieten.

Auch für Besserverdiener hat die IAA ein paar greifbare Neuheiten parat. Bei Mercedes steht das T-Modell der neuen E-Klasse mit bis zu 1950 Litern Stauraum und einer Vielzahl pfiffiger Details; bei Skoda wiederum wurde prompt ein Konkurrenzmodell enthüllt. Die tschechische VW-Tochter bietet das Flaggschiff Superb nun erstmals ebenfalls als Kombi an und spickt den Lastenträger (Ladevolumen bis zu 1865 Liter) mit überraschend viel Nobel-Technik: Ein schlüsselloses Zugangssystem ist ebenso zu haben wie ein großes Panorama-Dach, eine elektrisch aufschwingende Heckklappe oder ein ausfahrbarer Ladeboden.

Daneben versuchen in Frankfurt zwei vornehme Exoten ihr Glück auf den Parkplätzen von Firmen- und Familienkunden. Jaguar schickt als avantgardistisches Viertürer-Coupé den neuen XJ ins Rennen und bei Saab ruht die ganze Aufmerksamkeit auf dem neuen 9-5. Die große Limousine soll, ähnlich wie es dem Teilespender Opel Insignia gelang, zum Rettungsboot der Marke werden. Das neue Modell betont deshalb mit Design- und Ausstattungsmerkmalen die Tradition des schwedischen Autobauers, der aus der Luftfahrt kommt. Wem das zu gewagt erscheint, dem bietet Audi mit dem neuen A5 Sportback eine ebenso schmucke wie unaufgeregte Alternative.

Während es diese Autos bereits in die Serienproduktion geschafft haben, steht vielen Studien noch der Marathon durch Produktkliniken, Erprobungsfahrten und Kostenkalkulationen bevor. Manches Auto wird dabei auf der Strecke bleiben. Für andere, wie den Seat Ibiza IBZ, ist dieser Hürdenlauf nur noch Formsache. Offiziell wurde die Kombiversion der Baureihe noch als Studie vorgestellt, doch war bei Seat auf der IAA zu hören, dass das Auto schon "im Frühjahr 2010" in der mobilen Wirklichkeit ankommen wird.

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Forum - IAA - richtige Konzepte für Wirtschaftskrise und Umwelt?
insgesamt 70 Beiträge
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1.
zaphod1965 14.09.2009
Zitat von sysopJetzt beginnt wieder die Zeit der aufwändigen Präsentationen und vollmundigen Ankündigungen. Auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt präsentiert sich die von der Wirtschaftskrise gebeutelte Pkw-Industrie als ökologisch geläutert.Haben die Autohersteller hierfür die richtigen Konzepte?
Offenbar haben sie nicht die richtigen Konzepte. Und das liegt wieder einmal an unserem Wirtschatfssystem, dem die Hersteller gezwungenermaßen folgen. Es ist halt erheblich Gewinn bringender bereits abgeschriebene Anlagen für die Produktion alter Technologie zu nutzen, als neue Investitionen in neue Technologien vorzunehmen und Risiken einzugehen, sich gar einem Wettbewerb mit anderen Anbietern auf einem Feld zu stellen, in dem man selbst noch Neuling ist. Das wird sich erst ändern, wenn von außen (also aus dem Ausland) Druck auf die Verkaufszahlen ausgeübt wird. Wenn also "plötzlich" lauter gute und womöglich noch günstige ausländische Elektroautos auf den deutschen Markt kommen und die Benzinschlucker sich einfach nicht mehr verkaufen lassen. Das ist auch der Grund, warum deutsche Energiesparautos bisher immer zum Flop verkommen sind (Lupo 3L). Sie waren einfach viel zu teuer, weil die Technik der Massenproduktion den alten Modellen vorbehalten blieb. Und auch jetzt wieder plant kein Hersteller ganze Produktionsstraßen auf neue, Energie sparende Modelle oder gar Elektroautos umzustellen. Vielmehr werden einige "Leuchtturmprojekte" in geringer Stückzahl und zu horrenden Verkaufspreisen gebaut, damit man weiterhin behaupten kann, der Markt (also wir Käufer) wären für einen Umstieg noch nicht bereit. Wenn dann aus Indien, China, Japan, Russland oder gar Frankreich alltagstaugliche Elektromodelle auf den deutschen Markt drängen werden genau dieselben Hersteller, die sich zuvor Jahrelang geweigert haben ähnliches zu bauen, nach staatlicher Hilfe schreien und den deutschen Arbeitsmarkt dem Untergang geweiht darstellen, wenn sie keine Milliarden an Unterstützung bekommen. Wir schaffen es ja nicht einmal eine relativ milde Reduziereung des maximalen CO2-Ausstoßes für Neuwagen zu beschließen. Nicht einmal das! Die Fördergelder für die Entwicklung neuer Antriebstechnologien werden gleichwohl gerne kassiert, führen aber nicht zur Serienproduktion der "Forschungsergebnisse" - weil ja der Kunde nicht bereit ist, die gesamten möglichen Einsparungen (oder ein Vielfaches davon) komplett und vorab an den Autohersteller abzuführen in Form überhöhter Preise. Das wäre doch ein Punkt, an dem der Gesetzgeber mal eine Entwicklung steuern und sie wirklich befördern könnte. Solange aber die Lobbyisten der Autokonzerne die Berliner Politik bestimmen, wird genau das nicht passieren. Armes Deutschland.
2. Konzepte?
Hubert Rudnick 14.09.2009
Zitat von sysopJetzt beginnt wieder die Zeit der aufwändigen Präsentationen und vollmundigen Ankündigungen. Auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt präsentiert sich die von der Wirtschaftskrise gebeutelte Pkw-Industrie als ökologisch geläutert.Haben die Autohersteller hierfür die richtigen Konzepte?
----------------------------------------------------- Warum sollten denn die Autokonzerne solche modernen Autokonzepte für die Zukunft haben, sie wurden ihre Autos immer noch so los und wenn sie auf der Halde stehen, so scheint es ihnen auch nicht zu interessieren. Bisher mußten die Autokonzerne immer zu etwas gezwungen werden und der Staat half ihnen großzügig mit Millarden, denn die Autolobbyisten sitzen doch in allen Bereichen der Gesellschaft und die Aussage, dass sehr viele Menschen in und mit der Autoindustrie ihr Einkommen verdienen ist ein Grund, dass die Politiker auch sehr großzügig mit den Steuergeldern herumwerfen. Mir kommt es vor, als bemühten sich nach wie vor die Konzerne noch nicht um ein der Zeit angepassten Wagen, es sind Nischenprodukte, die sie so aber slbst nie verkaufen wollen und können. Man verdient nach wie vor an den Luxusatos und Spritschleudern anscheinend zu viel Geld und warum sollte man sich dan davon trennen? Ich saqge es mal so, die Autokonzerne haben in den letzen Jahren, oder auch im letzten Jahrzehnt einfach nur die Zeit verschlafen, aber trotzdem sind ihre Autos immer im Preis gestiegen. Wenn man sich mal heute den Preis eines normalen Autos als ein Gebrauchsgegenstand mit dem Einkommen der Menschen vergleicht, dann kommt doch heraus, dass sich der Bürger mit einem normalen Einkommen gar kein Auto mehr leisten könnte, wie hoch ist denn heute schon jeder verschuldet, nur damit man seinen einfachen Lebensstandart noch halten kann? Und mit Umweltverträglichkeit hat das alles schon nichts mehr zu tun. Aber auch hierbei hilft ja nun der deutsche Staat und darauf freuen sich schon die Autokonzerne. Na dann mal weiter so, denn es wird sich auch nichts verändern. HR
3. leisten könnte
robiflyer 14.09.2009
genau so ist es nehmen wir mal das Gehalt eines Technikers , dies ist seit über 10 jahren faktisch nicht gestiegen . Und wie siehts bei den Autopreisen aus ein exemplarischer E35 kostete mal 3500DM mit guter Ausstattung ... und heute recihen keine 35000 Euro dafürd.h. der typische mitelständische Familienvater kann sich faktisch so ein Auto net leisten. Das läßt sich beleibig fortfahren Ein Audi A2 oder der Luop wurden sichelrich absichtlichderart preislich hochgejazzt ,daß nur ein Guru sich sowas leisten konnte. Diesen Fehler macht man schon wieder bei E-Cars . jetzt schnell diese lausige Abwracke rausgehaut und wenns drauf ankommt wirklich was zu bewegen ist nix mehr da ( ausser für Bankster natürlich ). ach ja nochwas ... es ist interesant ,daß zB KFZ TH . Maschbauabsolventen seit xx Jahren zu lesen bekommen , sie passen nicht zu den den xy-spezifischen Kriterien XY == Audi , BMW , DC ,Porsche, VW usw ...
4.
spizz 14.09.2009
So lange der Benzinpreis nicht dauerhaft deutlich über 1.5o bleibt und ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen Einzug erhält, wird sich an der Strategie der deutschen Autokonzerne und vor allem am Käuferverhalten wenig ändern.
5. Hybrid ist doch Unsinn
Monsterpudel 14.09.2009
Was für ein Unsinn immer nur nach einem Hybridantrieb zu rufen, als könne der die Welt und die Zukunft retten. Genau das Gegenteil muss her: Nicht immer kompliziertere und teurere Technik, sondern einfache, viel kleinere und sparsame Motoren in kleinen, leichten, bescheidenen Autos. Und Verbraucher müssen her, die 30 PS sexy finden und mit dem Auto nicht auf dicke Hose machen wollen müssen. Aber nein, wir wollen auf der Autobahn ja mindestens 150 fahren können und wehren uns mit allen Mitteln gegen ein Tempolimit. Genau das zeigt doch woran es hängt. Leute, kauft Fahrräder. Das wahre Statussymbol ist, aus eigener Kraft schnell vom Fleck zu kommen. Mobilitätshilfen brauchen wir noch früh genug.
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