Nick Margetts ist ein wenig irritiert. Denn nach Studien und Showcars sucht der Analyst vom Marktbeobachter Jato Dynamics diesmal auf dem Genfer Salon beinahe vergebens. Klar, hier und dort blitzt mal ein wenig futuristisch geformtes Blech auf. Und natürlich lassen die Karosseriebauer an den kleinen Ständen in ihrer Phantasie wieder freien Lauf. Doch bei den großen Marken fehlt das Schaufenster in die Zukunft diesmal weitgehend.
"Die Hersteller stehen mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen. Die kümmern sich in diesem Jahr offenbar vor allem um ihr Tagesgeschäft", sagt Margetts. Die Autokäufer, die die ganze Messesause am Ende schließlich bezahlen, wird es freuen: Fast alles, was sie im Trubel von Genf gesehen haben, steht spätestens in ein paar Monaten bei den Händlern. Selten waren die Messeneuheiten so greifbar und konkret wie in diesem Jahr.
Besonders deutlich wird das in der Kompaktklasse, die auf dem Genfer Salon den Auftakt eines spannenden Duells erlebt: Am einen Ende der Halle feiert Audi das Debüt des neuen A3, den die Bayern als ersten und erfolgreichsten Nobelhobel in der Premium-Kompaktklasse rühmen und natürlich an der Spitze des Segmentes halten wollen. Und am anderen Ende der Halle zieht Mercedes das Tuch von der neuen A-Klasse, die dem Audi seine Rolle streitig machen will.
Bislang eher brav und bieder, wird sie jetzt zum forschen Jungspund, der 50 Prozent seiner Kunden von der Konkurrenz erobern will: "A wie Angriff", ruft ihr deshalb ein streitlustiger Mercedes-Chef Dieter Zetsche hinterher. Mit seiner Mission ist Zetsche allerdings nicht allein: Auch Volvo will es wissen und schickt dem eher glücklosen und trotz seines unkonventionellen Designs doch recht unscheinbaren C30 jetzt den neuen V40 hinterher: Für Preise um 25.000 Euro soll er im lukrativen Kompaktklasse-Segment mitmischen, in dem Zetsche im Jahr 2021 insgesamt rund zehn Millionen Zulassungen erwartet.
Buhlen um die Kunden
Audi, Mercedes und Volvo sind nicht die einzigen Hersteller, die in Genf zum Angriff auf den Golf blasen. Auch günstigere Newcomer versuchen ihr Glück: Kia Ceed und Hyundai i30 stehen auf der Messe beide als Fünftürer und Kombi, und bei Opel steht der Astra als 280 PS starkes Kraftpaket vom Werkstuner OPC. Sie alle zielen auf ein Auto, von dem in Genf zwar alle reden, das aber noch nirgendwo zu sehen ist: den neuen VW Golf. Den zeigen die Niedersachsen nämlich erst im Oktober auf dem Pariser Salon und füllen die Lücke bis dahin mit ein paar weiteren Spielarten des Up und einer GTI-Version des (alten) Golf Cabriolets.
Was sonst noch auffällt: SUV sind nicht totzukriegen und breiten sich inzwischen in alle Fahrzeugklassen aus, vom Bentley EXP9F in der Liga über 200.000 Euro bis hinab zum Opel Mokka, der wohl nicht mal ein Zehntel kosten wird. Irgendwo dazwischen rangieren die PSA-Neuheiten Peugeot 4008 und Citroën C4-Aircross auf Basis des Mitsubishi ASX, der neue Outlander von Mitsubishi und das Range Rover Evoque Cabrio.
Auch der Van steht weiter hoch im Kurs - allerdings wird er zusehends kleiner und pfiffiger. Der Dacia Lodgy wirkt fast schon groß und grobschlächtig gegen Autos wie den Ford B-Max mit seiner riesigen Schiebetüren ohne B-Säule. Allerdings sieht er doch etwas hausbacken aus im Vergleich zum aufgeblasenen Fiat 500L.
Für Luxuslimousinen und Sportwagen bleibt bei so viel Bodenhaftung kaum mehr Platz auf den riesigen Messeständen: Bei Mercedes zum Beispiel parkt der neue SL 63 AMG weit hinter der A-Klasse, bei BMW kann man das Gran Coupé des Sechsers fast übersehen, und bei Porsche blickt derzeit alles auf den vergleichsweise kleinen und billigen Boxster.
Noch rarer machen sich in Genf die Öko-Autos: Die elektrische Euphorie ist der Ernüchterung gewichen. Der Markt ist offenbar noch nicht ganz so weit, wie sich das alle gewünscht haben. "Was uns die Industrie auf den letzten Messen versprochen hat, kann sie offenbar noch nicht einhalten. Die Autos sind zwar teilweise tatsächlich da, aber kaufen will sie halt noch keiner", sagt Jato-Manager Margetts: "Elektroautos bleiben deshalb wohl erstmal noch Exoten."
Forciert wird ihr Auftritt deshalb nur von den üblichen Verdächtigen: Daimler-Chef Zetsche zum Beispiel preist natürlich den Elektro-Smart. Schließlich geht der kleine Stromer jetzt tatsächlich in Serie. Opel und Chevrolet freuen sich artig über die Auszeichnung zum "Auto des Jahres" für Ampera und Volt und kaschieren damit geschickt die mangelnde Nachfrage, die nun sogar zu einem fünfwöchigen Produktionsstopp führt.
Auch Carlos Ghosn steht weiter unter Strom. Der Chef von Renault und Nissan zeigt nicht nur stolz auf den Leaf, der nun schon fast 30.000 Mal verkauft worden ist, sondern enthüllt in Genf schon den vierten Renault mit Akku-Antrieb: den Zoe. Der Kleinwagen im Format des Clio ist der erste Franzose, der explizit um den E-Antrieb herum gebaut worden ist. Er startet Ende des Jahres für 20.600 Euro - plus Akku-Miete.
Dass die Industrie viel Zeit für die Elektromobilität braucht, sieht man bei Toyota, sagt Margetts . "Die Japaner haben auch 20 Jahre gebraucht, bis sie den Hybridantrieb etabliert haben." Spätestens mit dem neuen Yaris, der bei einem Kampfpreis von knapp 17.000 Euro vor allem Stückzahlen machen soll, ist die Technologie jetzt allerdings in der Breite angekommen. Wer das nicht glaubt, dem empfiehlt Margetts einen kleinen Rundgang über den Toyota-Stand. "Zum ersten Mal stehen dort wahrscheinlich mehr Hybride als Benziner oder Diesel."
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