Eco-Marathon Tausend Kilometer Reichweite - mit einem Liter Sprit

Wer geizt, gewinnt: Beim weltweit größten Effizienz-Marathon werden die Regeln des Motorsports auf den Kopf gestellt. Nicht das schnellste Auto siegt, sondern das sparsamste.

HAW Hamburg

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Nino Penkov hält eine blaue Flasche in der Hand. Der Student schüttelt sie nicht, sondern streckt die Kartusche fast ehrfürchtig von sich. Nicht größer als eine Dose Haarspray ist der Behälter, steht dafür mit 17 Bar aber ganz schön unter Druck. Schlüge die Flasche leck, zischte sie wie ein Kaffeevollautomat beim Milchaufschäumen. "Das war das teuerste", sagt Penkov und macht eine kurze Pause. "Tausend Euro", schiebt er nach.

Ohne die Flasche läuft nichts beim aktuellen Projekt der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg (HAW). Penkov und 14 seiner Kommilitonen haben ein Brennstoffzellenauto gebaut, das mit umgerechnet einem Liter Sprit weit mehr als tausend Kilometer weit kommen soll. Pingu heißt der Prototyp, ein extrem flacher Flitzer in der Form eines Pinguins: spitze Nase, ovaler Körper, gepfeiltes Heck. Vom 15. bis 18. Mai startet der Wagen beim Shell Eco-Marathon in Rotterdam, dem weltweit größten Effizienz-Wettbewerb. Und die blaue Flasche? Ist der Wasserstofftank.

Mit dem Eco-Marathon will der Mineralölkonzern Shell seinem Image einen Hauch von Zukunft und Nachhaltigkeit verpassen. Bereits seit 1985 veranstaltet der Konzern, der Mitte der neunziger Jahre heimlich die Ölplattform Brent Spar in der Nordsee versenken wollte, den weltweiten Wettbewerb.

200 Mannschaften aus Europa und Afrika nehmen dieses Jahr teil, allein aus Deutschland kommen 20 Teams von Hoch- und Berufsschulen. Ziel ist es, mit einem Liter Kraftstoff oder der entsprechenden Menge Strom möglichst weit zu fahren. Um die Bestleistung wird in verschiedenen Klassen gestritten - von seriennahen Modellen in der Kategorie "UrbanConcept" bis hin zu abgefahrenen Prototypen.

Der Rekord liegt bei fast 3700 Kilometer mit einem Liter Sprit

Das Team der Hamburger Hochschule startet in der Klasse der Prototypen - nicht zum ersten Mal. Die Konkurrenz ist hart: Der Rekord liegt bei 3688,2 zurückgelegten Kilometern mit einem benzinbetriebenen Modell. Wie das funktioniert? Betriebsgeheimnis. Auf jeden Fall sind die Autos sehr aerodynamisch und federleicht. Einige von ihnen würden wie ein trockenes Baguette-Brot zerbröseln, käme es zu einer Kollision. Auf dem Wettkampfkurs herrscht dennoch kaum Unfallgefahr. Denn die Autos kriechen beinahe über die Strecke, um Sprit zu sparen.

Auch der Pingu wiegt nur 56,5 Kilo - etwa drei- bis viermal so viel wie ein Königspinguin, dafür aber 26-mal weniger als ein VW Golf. Trotzdem gehört er schon zu den schwereren Autos im Feld.

Das schwarze Wägelchen aus Karbon war ursprünglich als Anti-Auto gedacht - nämlich als pfeilschnelles Liegerad. Einer, der den Pingu von Anfang an kennt, ist Professor Hans-Dieter Stucke, er betreut das Eco-Team schon seit vielen Jahren - mit wechselnder studentischer Besetzung. "Der Pingu geht zurück auf 'Fahrrad-Frank'" Mitte der neunziger Jahre, erzählt Stucke. "Der Student mit diesem Spitznamen wollte ein Liegerad bauen, das den Weltrekord im Schnellfahren bricht." Dafür studierte Fahrrad-Frank wissenschaftliche Beiträge und stieß auf die besonders strömungsoptimale Figur von Pinguinen. Bionikforscher aus Berlin errechneten, dass Pinguine mit einer Energiemenge, die einem Liter Benzin entspricht, 1500 Kilometer weit schwimmen können.

Der Student zeichnete einen Prototyp. Durch die Kontakte der Hochschule zum Autobauer Daimler wurde die erste Karosserie im Modellbau der Stuttgarter in Sindelfingen gebaut. "Leider haben die Studenten damals nicht bis zu Ende konstruiert. Der Weltrekord wurde nicht geknackt", erinnert sich Stucke. Dabei überraschte der Pingu selbst die Profi-Autobauer in Stuttgart. Im Windkanal erzielte die Karosserie der Studenten Bestwerte.

Das Pinguin-Bike von Fahrrad-Frank ist nach wie vor die Basis des Pingu. Sein Konzept wurde recycelt, als die HAW 2008 spontan entschloss, beim Eco-Marathon teilzunehmen. Dass statt eines Benzin- oder Dieselmotors eine Brennstoffzelle zum Einsatz kommen sollte, stand schnell fest. Dabei reagiert der Wasserstoff mit Sauerstoff, dadurch entsteht Energie, um den Elektromotor am Vorderrad anzutreiben. Als Abgas tröpfelt lediglich Wasser aus dem Auspuff.

Das Studenten-Team geht vor wie ein Autounternehmen

Das Prestigeprojekt der Hamburger Hochschule befindet sich im Hinterhof. Laminierte Schilder mit dem Hinweis "Eco-Team" weisen den Weg in den Keller eines Backsteingebäudes, das aussieht wie die Keimzelle der Industriellen Revolution. Zwischen Vorlesungen, Prüfungen und am Wochenende suchen die Studenten den kühlen Kellerraum auf, um den Wagen weiterzuentwickeln.

Bei ihrer Arbeit geht das Team fast vor wie ein klassisches Autounternehmen. Nicht alle Mitglieder machen alles, sondern jeder einzelne spezialisierte sich auf ein Fachgebiet. Besonderen Anforderungen muss der Fahrer genügen: Nicht größer als 1,60 Meter darf er sein, mit 50 Kilo gerade so schwer wie das vorgeschriebene Mindestgewicht und bloß nicht klaustrophobisch veranlagt. Halb liegend steuert er den gerade einmal drei Meter langen und 80 Zentimeter breiten Wagen per Panzerlenkung. Drückt er den Griff nach vorne, biegt der Pingu nach rechts ab, zieht er am Hebel, schlägt der Wagen links ein. Eine Plexiglasscheibe schließt das Cockpit ab. Von vorne betrachtet erinnert das rollende Tierchen mehr an einen Kampfjet.

Wie die Studenten die einzelnen Teile des Fahrzeugs finanzieren? Oft helfe nur betteln, sagt Stucke. So wurden beispielsweise die besonders energieeffizienten Reifen von der Industrie gesponsert. Wenn die Teammitglieder alle Kosten für den Pingu zusammenrechnen, wird ihnen ganz schwindelig. Auf 80.000 Euro schätzt Stucke allein den Materialwert des Wagens. Deshalb lautet das ausgegebene Ziel für den Eco-Marathon auch nicht Sieg, sondern das Fahrzeug heil ins Ziel bringen.



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insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
nitram1 08.05.2014
1. Und wenn sie nicht gestorben sind...
Sehen schon sehr konfortabel und sicher aus, diese Vehikel!?
f36md2 08.05.2014
2. Eco-Marathon
Zitat von sysopHAW HamburgWer geizt, gewinnt: Beim weltweit größten Effizienz-Marathon werden die Regeln des Motorsports auf den Kopf gestellt. Nicht das schnellste Auto siegt, sondern das sparsamste. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/shell-eco-marathon-studenten-aus-hamburg-starten-mit-brennstoffzelle-a-967853.html
Das ist doch endlich einmal ein positiver Wettbewerb, deutlich empfehlenswerter, als diese blöden Autorennen, wo die Vettels und Schumachers mit ihren Spritfressern die Umwelt extrem belasteten. Bitte mehr davon!
founder 08.05.2014
3. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis
Was hat dies mit dem Sprit Marathon zu tun? Das Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen ist Gundlage der Marktwirtschaft. Viel zuwenig verbreitet ist das Wissen um die 2 grundlegend verschiedenen Markttypen. Aufstrebender Markt: Bei jeder Verdoppelung des Weltmarkts sinkt der Preis um 20%. Limitierter Markt: Mehr Nachfrage führt zu höheren Preisen. Sogar der Ölmarkt war einmal ein aufstrebender Markt. Das war 1860 bis 1893. Ab 1973 ist der Ölmarkt abeer eindeutig ein limitierter Markt. Er wird in den nächsten Jahren sogar ein katastrophal limitierter Markt werden, wenn auch gleichbleibende Nachfrage wegen geringeren Angebot den Preis steigert. Wenn 3 Liter Diesel einmal teurer sind als 30 kWh Solarstrom, dann bretere ich doch lieber Vollstrom mit einem Tesla S über die Autobahn, als in einem 3 Liter Auto im Windschatten hinter einen LKW. Hoppla, 3 Liter Diesel sind schon deutlich teurer als 30 kWh Solarstrom laut aktuellen Einspeisetarifen.
ramakushna 08.05.2014
4.
Zitat von f36md2Das ist doch endlich einmal ein positiver Wettbewerb, deutlich empfehlenswerter, als diese blöden Autorennen, wo die Vettels und Schumachers mit ihren Spritfressern die Umwelt extrem belasteten. Bitte mehr davon!
Genau. Und man verpasst garantiert kein Überholmanöver, da ein solches mindestens 6 Stunden dauert bei dem Tempo ;-) .
dombull 08.05.2014
5. halte dir deine freunde nah...
...aber deine Feinde noch viel näher. Die Shell-Logos deuten darauf hin, was mit den Motoren letztlich geschieht.
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