Sicherheits-Initiative der EU Technik versus Tod

40.000 Menschen kommen jährlich bei Verkehrsunfällen auf den Straßen der Europäischen Union ums Leben. Das schockierte auch die EU-Kommission. Ein Aktionsprogramm soll den Straßenverkehr sicherer machen.

Von Markus Bruhn


Mit der Initiative, die vor fünf Jahren ins Leben gerufen wurde, soll bis zum Jahr 2010 die Zahl der Verkehrstoten halbiert werden. Tatsächlich aber sind kaum Fortschritte zu verzeichnen. Dabei könnten etliche der rund 1,3 Millionen Unfälle pro Jahr vermieden werden, so die EU-Verkehrspolitiker. Dass es keine spürbare Verbesserung der Situation gibt, liegt nach Ansicht der EU-Verantwortlichen auch an veralteten Sicherheitsnormen. Ein Beispiel: "Oft ist der vordere Dachholm der Autos zu breit, vielfach aus Design- und Aerodynamikgründen", erklärt Christian Buric vom ADAC. "Deshalb kann die sogenannte A-Säule beim Abbiegen die Sicht auf andere Verkehrsteilnehmer verdecken."

Transparente A-Säule: Volvo stellte bei einem Konzeptauto bereits eine durchsichtige A-Säule vor, wie sie den EU-Verantwortlichen vorschwebt
TMN

Transparente A-Säule: Volvo stellte bei einem Konzeptauto bereits eine durchsichtige A-Säule vor, wie sie den EU-Verantwortlichen vorschwebt

Nun sollen konkrete Vorschriften die Straßen Europas sicherer machen. Eine Normierung der A-Säule ist zwar noch nicht in Sicht, aber eine neue Norm für Außenspiegel wird beispielsweise am 26. Januar 2010 in Kraft treten. Auch sie soll der Sicherheit dienen. "Es werden Weitwinkelspiegel eingesetzt, um den toten Winkel zu minimieren", erklärt Thomas Unger aus der ADAC-Unfallforschung. Die neuen Spiegel sollen das Sichtfeld des Fahrers neben und hinter dem Fahrzeug erweitern.

Ein Plus an Sicherheit kann auch durch technische Raffinessen erreicht werden. Momentan ist allerdings noch ein tiefer Griff ins Portemonnaie nötig, um für mehr Schutz beim Spurwechsel durch sogenannte Totwinkel-Assistenzsysteme zu sorgen. Dabei handelt es sich um eine elektronische Überwachung des vom Fahrer im Spiegel nicht einsehbaren toten Winkels neben und hinter dem Auto; sobald dort ein anderer Verkehrsteilnehmer auftaucht, meldet das System dies per Licht- oder Tonsignal. Möglichst bald sollen derartige Systeme serienmäßig installiert werden, eine Reglementierung dazu ist jedoch noch nicht beschlossen.

Auf den Straßen besonders gefährdet sind Fußgänger und Radfahrer. 300.000 Verletzte gibt es jährlich in den EU-Mitgliedsstaaten, 8000 dieser weitgehend ungeschützten Verkehrsteilnehmer kommen ums Leben. Die Initiative der EU hat deshalb die Beschaffenheit von Motorhaube und Stoßfänger der Autos unter die Lupe genommen. "Die Folgen eines Aufpralls sollen vermindert werden, indem die Frontpartie des Autos weicher gestaltet wird. Es werden etwa Gummipuffer oder Wabenstrukturen eingebaut, um die Deformationsenergie aufzunehmen", erklärt Unfallforscher Unger.

Knautschzone auch für Fußgänger

In Teilen wurde schon auf die Regelflut für mehr Sicherheit reagiert. Um mehr Platz zwischen harten Motorbauteilen und der flexibleren Haube zu schaffen, hat sich das Design der Karosserie verändert. "In den vergangenen Jahren sind die Fahrzeuge mit einer fliehenden Stirn gestaltet worden. Die Motorhaube wurde im hinteren Bereich angehoben und verläuft nach vorne abfallend", beschreibt Unger die jetzt vorwiegende Gestaltung. Das bringt zusätzlichen Deformationsraum. "Bei einem Aufprall lässt sich die Haube so um fast zehn Zentimeter verformen, bis eine harte Struktur erreicht wird."

Zusätzlich soll auch beim Fußgängerschutz der technische Fortschritt ausgereizt werden. Unter dem Schlagwort eSafety hat die EU Ideen zusammengestellt, die für mehr Sicherheit auf den Straßen sorgen sollen. "Ähnlich wie bei einem Kollisionswarnsystem soll der Fahrer vor Fußgängern im Gefahrenbereich gewarnt werden. Dies kann mit einer Kombination aus Radar- und Kamerasystemen ermöglicht werden", sagt Unger. Generell strebt die Initiative an, die technischen Möglichkeiten für mehr Sicherheit weitestgehend auszunutzen.

Alles, was dem Autofahrer hilft, ist willkommen

Zum Beispiel könnte der Fahrer bei der Wahrnehmung der Umwelt besser unterstützt werden. Die Initiative der EU ruft die Mitgliedsstaaten dazu auf, den Einbau von automatischen Geschwindigkeitsregelsystemen, Spurhalteassistenten oder Geräten zur Erkennung von Kreuzungen zu fördern. ADAC-Experte Unger: "Auch der automatische Notruf bei einem Unfall gehört in diesen Bereich."

Die EU will, um Menschleben zu schützen, den Stand der Technik ausnutzen. Bei allem Fortschritt jedoch ist der aufmerksame Autofahrer weiterhin das wichtigste Glied in der Kette der Unfallvermeidung. "Das autonom fahrende Fahrzeug wird es in naher Zukunft ganz bestimmt nicht geben", sagt Unger. Und damit bleibt es in der Verantwortung jedes Teilnehmers am Straßenverkehr, für mehr Sicherheit zu sorgen.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.