Simson-Treffen in Zwickau Ein Fest für Schwalben-Liebhaber

Es gibt einen Ort in Deutschland, an dem Mädchen ihre Mopeds mehr lieben als ihre Männer. Am Wochenende haben sich im sächsischen Zwickau Tausende Moped-Liebhaber der alte DDR-Marke Simson getroffen. Nicht alle kamen mit auf Hochglanz polierten Maschinen.

Aus Zwickau berichtet Rick Noack

Rick Noack

Cindy und Anika, beide 17 Jahre alt, sind sich sicher: Es muss ein Moped-Fahrer sein. Wenn schon ein männlicher Liebhaber, dann wenigstens einer, der Gas geben kann. "Moped-Fahrer sind einfach attraktiver als andere Jungs", sagt Cindy. Zusammen mit ihren Freundinnen Anika und Josephine ist sie an diesem Samstag aus dem nahe gelegenen Ort Pechtelsgrün ins sächsische Zwickau aufgebrochen. Dort fand am Wochenende das größte deutsche Simson-Treffen statt. Über 3000 Besitzer und Fans von Zweirädern der sogenannten Vogel-Mopeds namens Mokick oder "Schwalbe", welche einst der DDR-Hersteller Simson produzierte, sind aus ganz Deutschland angereist. Die drei Mädchen sind zum ersten Mal dabei.

"Warum ich ein Moped fahre? Weil ich es einfach liebe. Und hier bei dem Treffen finde ich sie alle auf einem Haufen", sagt Cindy und schaut sich begeistert um. Wenn sie zwischen den Schulstunden frei hat, setzt sie sich oft mit ihren Freundinnen aufs Moped und rast durch das sächsische Hinterland. Anika ist letztes Jahr in einen Graben gerutscht, auch Cindy ist "ein paar Mal auf die Schnauze gefallen", wie die Krankenschwester-Auszubildende lachend erzählt. Vor vier Monaten raste sie ungebremst in einen Garten. Trotz aller Opfer, die sie bringen mussten: Ihre Mopeds lieben die drei Mädchen noch immer. "Denn wenn ich vom Moped falle, dann tut ihm das mehr weh als mir", meint die verliebte Cindy.

Tradition mit Zukunft

Den 25-jährigen Veranstalter Dominik Würfel dürfte die Anwesenheit der Drei freuen - beweist es doch, dass sein jährliches Simson-Treffen nicht nur ein Wallfahrtsort für DDR-Nostalgiker ist. Als er die Veranstaltung vor neun Jahren in einem Forum zum ersten Mal ankündigte, kamen rund 150 begeisterte Moped-Fahrer. Im nächsten Jahr waren es schon 250. Der Hersteller Simson aus dem thüringischen Suhl ging 2002 pleite, seitdem produziert die Firma Meyer-Zweiradtechnik-Ahnatal (MZA) Ersatzteile für die Kult-Zweiräder. Von den mehr als fünf Millionen Simson-Maschinen, die die Thüringer einst bauten, sind derzeit schätzungsweise noch 500.000 unterwegs.

Außenstehende bringen Simson in erster Linie mit dem meistgebauten Modell Schwalbe in Verbindung. Doch die Fans wollen die Marke nicht auf den einen Motorroller reduziert sehen. Immerhin habe die Marke noch etliche andere Modelle hervorgebracht, den Star etwa, oder den Spatz, den Sperber oder den Habicht. Gegenüber den Mopeds aus Westproduktion haben die Simson-Gefährte einen großen Vorteil: Alle bis 1992 zugelassenen Fahrzeuge dürfen bis zu 60 km/h fahren. Ein Ergebnis des Einigungsvertrags. Für alle andere Zweiräder zwischen 50 bis 70 Kubikzentimeter gilt ein Limit von maximal 45 Kilometer pro Stunde.

Noch immer existiert eine Website der Marke, deren Besucher mit dem Slogan "Tradition mit Zukunft" begrüßt werden. Denn auch in hundert Jahren sollen noch Simson-Mopeds durch Deutschland knattern. Unter Fans gilt: Haste eins, biste was.

Schrille Party-Events

Dazu will auch Dominik Würfel beitragen. Ein halbes Jahr im Voraus beginnt er die Organisation zusammen mit dem gelernten Kfz-Mechaniker Lajos Babel. "Dieses Jahr sind sogar Gäste vom Bodensee da", freut sich Würfel, der eigentlich als Makler arbeitet und mit Simsons im Berufsleben wenig zu tun hat. Dann klingelt sein Handy. "Jaja, ich bin schon unterwegs", ruft er. Warum ihm das nicht zu stressig werde nach all den Jahren? "Der Erfolg treibt mich an."

Er muss weiter, am Abend steht noch eine große Aftershowparty an. Das Programm ist bunt gemischt: Während sich auf einem Schotterplatz die kreativsten Simson-Tuner präsentieren, findet nebenan ein schrilles Spektakel statt, das nicht jedermanns Sache ist: Oberkörperfreie Männer fahren mit ihrem Moped möglichst laut knatternd auf die Bühne, um sich von einer leicht bekleideten Frau waschen zu lassen. Die derbe Show zieht vor allem männliche Zuschauer in ihren Bann.

Für die wahren Mopedfans ist der "Simson Wash" jedoch allenfalls Nebensache. Familientradition, die Begeisterung für knatternde Maschinen oder der Wunsch, schon mit 17 fahren zu können, wohin man will: Die Gründe für die Simson-Begeisterung sind unterschiedlich. Bei Marcus Bernstein treffen alle drei Gründe zu. Von seinem Vater hatte der heute 20-jährige aus dem sächsischen Wilkau-Haßlau das erste Moped geschenkt bekommen, als er zwölf war. Seitdem hat er 21 motorisierte Zweiräder gekauft, zerlegt, neu zusammengebaut und verkauft. Jedes Jahr besucht er das Zwickauer Simson-Fest. "Es ist wie ein Klassentreffen, hier habe ich viele Freunde", sagt er. In der DDR schenkten Verwandte ihren Kindern gern eine Simson zur in Ostdeutschland üblichen Jugendweihe, die im Alter von 14 Jahren stattfindet.

In der Hand hält Bernstein eine Bierdose, er trägt eine kurze Hose mit Tarnmuster und staubige Lederschuhe. Vor ihm steht sein Prachtstück, ein Moped, das aussieht, wie eine Gartenlaube. Auf dem Lenker sitzt ein Gartenzwerg, eine Gießkanne dient als Auspuff und neben dem Sitz wackelt ein Blumenkasten. "Den habe ich zusammen mit einem Freund innerhalb von zwei Wochen nachts zusammengebaut", erzählt Marcus. Er hat ihm den Namen Gaybo gegeben. Es sähe halt irgendwie schwul aus.

Die hässlichsten Simsons der Welt

Sein Moped wird später einen der begehrten Preise des Treffens gewinnen. "Als eines der hässlichsten Simsons, die es auf dieser Welt gibt", wie der Moderator versichert. Marcus wird sich freuen, denn was für andere hässlich ist, ist für ihn ein Ausdruck von Kreativität. "Ich bin mit vier Mopeds hier", sagt er. Alle seien unterschiedlich gestaltet. Dafür verwende er schließlich einen guten Teil seines Einkommens. Wichtig ist Marcus, dass er mit seinen zweirädrigen Kunstwerken auch auf der Straße fahren kann. Mit einem seiner Mopeds geriet er vor einigen Wochen in eine Polizeikontrolle. "Die haben nur die Reifen bemängelt", freut sich der 20-jährige Konstruktionstechniker und zeigt auf die vielen Roststellen. Nun schmückt zwei Aufkleber sein Moped. "Rust is a must" (Rost ist ein Muss), steht auf dem einen. "I love Dekra" auf dem anderen.

Auch Christian Müller, laut Visitenkarte "Spezialist für Simsonumbauten und -restauration", besitzt solch ein Rost-Moped. "Ich brenne erst den Lack ab, dann schmiere ich Essig auf das blanke Metall. So kommen die schönen Rostflecken zustande", sagt er. Sein ganzer Stolz hingegen steht neben ihm: eine Auftragsarbeit für einen Kölner, so viel dürfe er sagen. Es ist ein auf Hochglanz poliertes braunes Moped. Hinter dem Motor steckt ein elegant angebrachter Würfel. "Mein Markenzeichen", sagt Müller stolz. Warum macht er das? "Bier und Spaß", erwidert Müller und ist überzeugt, dass das eine ausreichende Erklärung ist. "Als meine Frau vor sechs Jahren die Meisterschule machte, hatte sie wenig Zeit für mich. Da habe ich mir halt ein Hobby gesucht."

Wenig später sitzen Müller, Bernstein und all die anderen Fans auf ihren Mopeds und tuckern durch die Zwickauer Innenstadt. Eine blau-graue Rußwolke begleitet sie, doch das stört niemanden: Die 40-minütige Ausfahrt ist der Höhepunkt des Kult-Treffens. Am Straßenrand steht ein Vater mit seinen drei Kindern. Einer sitzt auf einem Fahrrad, der zweite in einer Seifenkiste und der dritte in einem Traktor, aus dem Rauch aufsteigt. "Alles selbst gebaut", sagt der Vater und deutet auf den Dieselmotor in dem Traktor. Auch Cindy, Anika und Josephine, die 17-jährigen Mädchen, sind bei der Ausfahrt mit dabei. Am Abend möchten sie noch kräftig feiern. "Mit den Mopeds fahren wir aber nicht betrunken nach Hause. Eine Freundin holt uns ab", sagt Josephine. Es klingt ein wenig enttäuscht.



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