Elektroauto mit Solarzellen Sonne tanken zum Schnäppchenpreis

Mit einem preiswerten E-Mobil will ein Start-up aus München die Zukunft erobern. Der Wagen ist eher schlicht - bis auf ein einzigartiges Extra: Die Karosserieverkleidung besteht aus Solarzellen.

Sono Motors

Von Steve Przybilla


Ein Stadtauto mit Elektroantrieb zum Preis eines Stadtautos mit Verbrennermotor: Nach so einem Fahrzeug sucht man auf dem deutschen Markt vergeblich. Das Münchner Start-up Sono Motors will das ändern - und verspricht ein E-Mobil mit 120 Kilometer Reichweite zum Preis von 12.000 Euro.

Sono Motors ist mit diesem Ziel nicht alleine, unter anderem will auch das Aachener Start-up Ego Mobile (das hinter dem Erfolgsprojekt Streetscooter steckt) bald einen erschwinglichen Stromer in Serie fertigen. Aber der Sion - so nennt Sono Motors seinen Erstling - bietet ein besonderes Extra: Die Karosserie ist mit Solarzellen bestückt, über die der Akku Energie für bis zu 30 Kilometer Reichweite laden soll - gratis und umweltschonend.

Das Konzept klingt nach dem Traum vieler E-Mobil-Fans - und ziemlich verwegen. Aber wenn es nach Sono Motors geht, kommt der Sion schon in zwei Jahren auf die Straßen. Die Ansage ist ambitioniert, doch die Macher hinter dem Start-up haben bereits bewiesen, wie weit sie in kurzer Zeit kommen können.

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E-Mobil Sion von Sono Motors: Das Schönwetter-Elektroauto

Erst vor vier Jahren hat Jona Christians, 23, zusammen mit seinem gleichaltrigen Schulfreund Laurin Hahn und der 28-jährigen Navina Pernsteiner das Unternehmen gegründet. Glaubt man Christians, dann startete das Elektroauto-Abenteuer als Bastelprojekt. "Wir konnten weder schweißen noch flexen", sagt er. "Es ist schon erstaunlich, was man bei Youtube alles lernen kann." In der Anfangsphase, also direkt nach der Schulzeit, opferten die Gründer ihr Erspartes. Als das nicht mehr reichte, klapperten sie an den Wochenenden Festivals ab und verkauften dort selbst gemachte Smoothies. Die Erlöse flossen in das Stromauto.

Der Ehrgeiz hat sich ausgezahlt: Heute beschäftigt Sono Motors 15 Mitarbeiter und hat nach eigenen Angaben ein Investitionskapital von rund einer halben Million Euro eingesammelt, das meiste per Crowdfunding.

Die Entwickler, Techniker und Designer stehen laut Christians jetzt kurz vor dem Ziel : "Ab 2019 können wir ausliefern." Ein erstes Exemplar des Sion wurde von der Roding Automobile GmbH gefertigt, einem auf Prototypen spezialisierten Unternehmen, das mit dem selbst entwickelten Carbon-Sportwagen Roadster R1 bekannt wurde.

"Wir sind kein Tesla"

Neben dem Sion-Basismodell mit 14,4-kWh-Akku für 12.000 Euro soll es noch eine Version für 16.000 Euro mit 30 kWh Speicherkapazität und bis zu 250 Kilometer Reichweite geben.

Dass der Sion zu einem für ein E-Mobil extrem günstigen Grundpreis angeboten werden kann, erklärt Navina Pernsteiner so: Der Akku - bei Elektroautos eines der teuersten Teile - müssten die Kunden nicht zwingend mit dem Wagen erwerben, sie könnten ihn auch mieten. Zur Höhe der Gebühr schweigt sie allerdings. Außerdem sei die Grundausstattung einfach gehalten. Pernsteiner dazu: "Wir sind kein Tesla." Und um die Fertigungskosten zu drücken, habe sich das Team bei Teilen aus bestehenden Produktionen bedient. "Auf dem Markt gibt es viele lizenzfreie Produkte", sagt Christians und nennt als Beispiel eine Serie des Zulieferers Bosch. "Es kann also sein, dass das Lenkrad auch in anderen Modellen verbaut wurde."

Einzigartig sind dagegen die Solarzellen, mit denen die Motorhaube, das Dach und die Türen bestückt sind. Insgesamt 7,5 Quadratmeter dienen der Energiegewinnung durch Sonnenlicht. Bei wolkigem Wetter könnten laut Christians immer noch zwölf bis 15 Kilometer Reichweite gewonnen werden. Stabil sollen die mit Polycarbonat überzogenen Panels außerdem sein - und dadurch auch mal einen Parkrempler verkraften.

Urteil eines Experten: "Nett, aber nicht alltagstauglich"

Ein Elektroauto mit eingebauter (Schönwetter-) Ladestation hört sich fantastisch an. Aber gleichzeitig auch zu gut, um richtig zu funktionieren. Über den Sinn eines E-Autos mit Photovoltaikanlage gibt es unter Experten jedenfalls geteilte Meinungen.

Ferdinand Dudenhöffer vom Center for Automotive Research der Universität Duisburg-Essen ist skeptisch: "Eine solche Ausstattung ist nett, aber nicht alltagstauglich", sagt er. "Um wirklich etwas zu bringen, müssten die Solarflächen weit größer sein." Sein Rat an Leute, die sich ein E-Auto zulegen möchten: Statt auf Neuentwicklungen wie den Sion zu setzen, sollte man lieber auf ein ausgereiftes Modell vertrauen. "Aber vielleicht bin ich da einfach nur konservativ", sagt Dudenhöffer.

Ulrich Eitner, Gruppenleiter "Photovoltaische Module" am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE), sieht die Sache etwas anders: "Solche visionären Vorhaben braucht es, um in der Mobilität voranzukommen", sagt er über E-Autos mit speziellen Sonnendächern. Und grundsätzlich sei Europa nicht gerade eine ungeeignete Region für Solartechnik. "Wir leben schließlich nicht in der Eiswüste."

Im vergangenen Jahr habe das ISE in Zusammenarbeit mit Speditionen einen Feldversuch unternommen, bei dem Kühllaster mit Solarsensoren bestückt wurden. "Wir wollten sehen, ob die Kühlaggregate mit Solarstrom betrieben werden können, um Diesel zu sparen." Das Ergebnis werde demnächst in einer Studie veröffentlicht. "Da lässt sich aber auf jeden Fall etwas machen", so Eitner. "Wir konnten 150 bis 200 Kilowattstunden Strom pro Quadratmeter und Jahr erzeugen - und das in Europa."

Eine konkrete Einschätzung zum Sion will er nicht geben - dazu, sagt er, habe er zu wenig Hintergrundinformationen zu dem Projekt.

"Das ist keine Frage des Könnens, sondern des Willens"

Ein Frage drängt sich natürlich auf: Wenn die Idee eines preiswerten E-Mobils mit Solartechnik angeblich so bestechend ist, warum hat die deutsche Autoindustrie dann nicht längst ihren eigenen Sion auf den Markt gebracht?

"Das ist keine Frage des Könnens, sondern des Willens", antwortet Jona Christians darauf. Das Geschäft mit den Verbrennungsmotoren läuft einfach noch zu gut." Aber die Zukunft, da ist der junge Entrepreneur überzeugt, gehöre den Elektroautos. Solchen wie dem Sion.



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jakker 23.06.2017
1. Der Wille der Autoindustrie ...
Ich finde das ist genau der richtige Weg, den etablierten Herstellern mit ihren Verbrennern vor die Schienbeine zu treten. Lachen oder doch eher heulen kann ich immer noch darüber, dass die DHL sich ihr eigenes elektrisches Zustellfahrzeug gebaut hat, weil die versammelte deutsche Hightech-Autoindustrie nicht in der Lage und Willens war, zu liefern. Nun liebe Manager, wir bewegen zwei Fahrzeuge; der eine Kombi wurde schon 2012 durch einen sehr sparsamen Dreizylinder-Stadtflitzer, der auch Autobahn kann, ersetzt, den zweiten Kombi mussten 2016 wir notgedrungen, nochmal durch einen (wenigstens sparsameren) Benziner ersetzen. Das waren definitiv die letzten Verbrenner!!!! Der "Kleine" wird 2020 durch ein Elektroauto, wie Zoe oder Leaf oder Sion ersetzt, der Kombi folgt spätestens 2025! Aufwachen!!
Shelly 23.06.2017
2. Ist es nicht so, dass Solarzellen
mindestens so 50-60° warm werden? Toll, dass hier noch zusätzlich eine Heizmöglichkeit vorhanden ist, vor allem im Sommer und so der von den Solarzellen erzeugte Strom sofort für die Klimaanlage genützt werden kann. Ein perpetuum mobile?
-snowlife- 23.06.2017
3. warum nicht?
ich find die idee nicht so schlecht. mein arbeitsweg beträgt für eine strecke ca. 25km. mein auto steht anschliessend 10 stunden im freien ohne schattenwurf aus der umgebung. damit würde wohl mein energiebedarf schon beinahe zu 100% von der sonnenenergie gedeckt.
annibertazeh 23.06.2017
4.
Das ist ja eine Energieverschwendung. - Jetzt könnten die E-Fans Strom tanken übers Geht-nicht-mehr hinaus. Zum heißen Schnäppchenpreis - Und was machen die? - Das wär' doch was, ein paar Kanister Sonne in der persönlichen Garage stapeln. Wer keine hat, könnte sie ja zuhause unterm Bett deponieren. Aber nichts davon macht der gemeine E-Fan als solcher. Will alles für lau haben.
erst nachdenken 23.06.2017
5.
Bei E-Autos gilt (leider), dass man Herstellern erst glauben darf, dass ein Auto kommt, wenn es dann tatsächlich im Showroom des Händlers steht.
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