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10. Januar 2013, 15:46 Uhr

Apples Siri im Mercedes

Rein mit der Sprache!

Aus Las Vegas berichtet

Auf der CES in Las Vegas zündet Mercedes die nächste Stufe der iPhone-Integration: Nun beherrschen entsprechend ausgerüstete Autos auch Apples Spracherkennung Siri. E-Mails diktieren, Kontakte anrufen, den Dax checken oder Musik auswählen, das alles geht - dennoch bleibt ein zwiespältiger Eindruck.

Mit dem Fahrzeug sprechen zu können - davon träumen viele Autofahrer. Endlich nicht mehr dieses nervige und vor allem gefährliche Rumfummeln auf dem Touchscreen oder am Dreh-Knopf. Sondern einfach sagen können, was man will. Zum Beispiel, wen das Telefon anrufen oder wohin einen das Navigationsgerät leiten soll.

Viele Hersteller bieten bereits sogenannte Spracherkennungssysteme an. Mit der meist aufpreispflichtigen Anwendung lassen sich anhand festgelegter Befehle Anrufe tätigen oder das Infotainmentsystem dirigieren. Das Problem dabei: Die Navigation innerhalb des Sprachmenüs ist ziemlich träge, umständlich und vor allem vollkommen unflexibel - schon ungewöhnliche Namen im Adressbuch können zu Verständigungsschwierigkeiten zwischen Fahrer und Fahrzeug führen.

Deswegen beschreitet Mercedes jetzt einen anderen Weg. Auf der Gadget-Messe CES in Las Vegas präsentierte der Autobauer eine mit Apples Spracherkennungssoftware Siri ausgestattete neue E-Klasse. Wobei ausgestattet nicht ganz der richtig Begriff ist, denn natürlich läuft Siri über ein entsprechend angeschlossenes iPhone und nicht über ein in der E-Klasse verbautes System.

Zuvor haben insgesamt neun Autohersteller, darunter auch BMW und Audi, die Integration von Siri in ihre Fahrzeuge angekündigt. Bislang hatten aber nur der US-Konzern General Motors (GM) und der Hyundai-Konzern Taten sprechen lassen: GM etwa wird Siri in diesem Jahr unter anderem in dem Chevrolet-Modell Spark anbieten. Bei den deutschen Herstellern macht nun Mercedes den Anfang.

Die Schwaben führen damit die Vernetzung von iPhone und Auto fort, die sie mit der neuen A-Klasse begonnen haben. Wählen die Kunden die aufpreispflichtige Schnittstelle Drive Kit Plus und laden sich die Digital Drivestyle App von Mercedes aus dem App-Store herunter, haben sie über das Benutzerinterface der A-Klasse Zugriff auf die Funktionen des iPhones, Social-Network-Anschluss inklusive.

Demnächst lässt sich das alles nun auch über Siri mit Sprachbefehlen steuern. E-Mails diktieren, SMS verschicken, Kontakte aus dem Telefonbuch anrufen, den Dax checken oder Musik auswählen - das alles funktioniert während der Fahrt im Auto. Wer möchte, kann dank Siri nun auch bei 200 Sachen Facebook-Posts verschicken oder Twitter-Tweets absetzen, ohne dafür den Blick von der Fahrbahn zu nehmen. Zumindest fast, denn natürlich muss vor jedem Sprachbefehl Siri aktiviert werden.

Doch das System hat Tücken: Auch Siri versteht nicht alles. Das kann zu Missverständnissen führen: So wollte Siri beim Test in Las Vegas eine Facebook-Nachricht partout nicht im sozialen Netzwerk veröffentlichen, sondern als SMS verschicken. Erst als der Befehl so formuliert wurde, dass von einem Facebook-Post und nicht mehr von einer Nachricht die Rede war, kapierte Siri den Auftrag.

Vorteile und Nachteile der Integration

Dass sich Mercedes voll und ganz darauf verlässt, was Apple liefert, hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist, dass sich der Autohersteller bei der Weiterentwicklung der Spracherkennung Siri voll auf die Ressourcen von Apple verlassen kann. Software-Updates müssen nicht vom Autohersteller in den Fahrzeugen vorgenommen werden. Das erledigt der User selbst, indem er sein iPhone aktualisiert.

Der Nachteil ist, dass es bei dieser Aufteilung für Mercedes erst mal schwer ist, spezifische Anwendungen eigenständig zu entwickeln und zu integrieren. Obendrein bleibt dem Fahrer der Zugriff mit dem iPhone auf einige Funktionen verwehrt. So wären vermutlich viele Menschen dankbar, wenn sie ihr Navigationsgerät während der Fahrt herumkommandieren könnten. Das aber funktioniert über Siri nicht. Zwar versicherten Mercedes-Sprecher, dass diese Funktion mit dem nächsten Update der Drivestyle-App kommen soll - aber auch dann greift die App nur auf die Map-Funktion des iPhones zurück.

Das hat Nachteile: Denn Apples Kartendienst strotzte bislang vor Fehlern. Vor allem aber ist er abhängig von Funkempfang. Wenn dieser bei Überlandfahrten unterbrochen ist, schmiert auch die Zielführung ab. Helfen könnte da das ganz normale Navigationsgerät - aber das lässt sich eben nicht über das iPhone und damit über Siri steuern.

Es bleibt beim Small Talk

Insofern bleibt am Ende der Präsentation in Las Vegas ein zwiespältiger Eindruck - was vor allem an der begrenzten Leistungsfähigkeit von Siri liegt, nicht an der Umsetzung von Mercedes. Ob die klassische Klientel der E-Klasse - statistisch gesehen eher älteren Semesters - die Funktion zu schätzen weiß, bleibt abzuwarten. Diese Kunden sind vermutlich mit einem herkömmlichen Spracherkennungssystem, das zwar umständlicher ist, aber mit dem sich auch das bordeigene Navigationsgerät bedienen lässt, besser beraten.

Für Siri-affine iPhone-Anhänger mit Mitteilungsdrang ist die Funktion der neuen E-Klasse eine gute Möglichkeit, nun auch während der ungenutzten Fahrzeit Botschaften in die Welt zu senden. So oder so steht eines fest: Bis wir uns so richtig mit unseren Autos unterhalten können, werden noch ein paar Jahre vergehen.

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