Skurrile Mutant-Bikes Freakshow auf zwei Rädern

Mutant-Bike-Fahren ist in Amerika nicht mehr nur Kultspaß, sondern ein Lebensstil: Die Fans der Fortbewegung auf skurrilen Zweirädern basteln sich ihre Objekte aus Schrott zusammen. Der Mechaniker Max Gassmann will die Bewegung jetzt in Deutschland bekannt machen.

Von

Tom Colligan

Platt und verstaubt stehen die beiden Radmutanten in Gassmanns Fahrradkeller in Berlin Kreuzberg. Das eine, ein Chopper mit dem klassischen breiten weich gepolsterten Felt-Sattel und der typischen langen Gabel; das andere ein so genanntes Tallbike, ein Radriese aus zwei aufeinander geschweißte Rahmen, dessen Sattel Gassmann bis zur Schulter reicht. Untenrum besteht es aus einem alten lila-metallic-farbenen Herrenrad. Ihm hat Gassmann einen hellblauen Damenrad-Rahmen aufgepfropft und die Rahmen an Gabel und Sattelstütze miteinander verschweißt. Schön ist das nicht, aber es fährt und ist stabil.

Diese Bastelei ist Gassmanns Job. In San Fransisco hat er eine Ausbildung zum Fahrradmechaniker gemacht, dann seine Diplomarbeit über Fahrradkultur geschrieben, später Schweißen gelernt und in Berlin eine mobile Fahrradwerkstatt eröffnet. Schräge Räder aus Schrott baut er seit seiner Jugend. Er konnte gar nicht anders. Gassmann war Fahrradkurier in Boston. Und in Boston landen viele Fahrradkuriere irgendwann bei Scul, der Subversive Choppers Urban Legion, eine der ältesten Fahrradgangs des Landes.

Mit den Typen von Scul hat Gassman sein erstes Mutant-Bike gebaut, einen Chopper. "Das ist leicht", sagt er. Alles was man braucht ist einen alter BMX-Rad-Rahmen. Die Gabel sägt man ein Stück ab, schweißt eine gerade Gabel an und baut ein größeres Vorderrad ein - fertig.

Gassmanns Prioritäten beim Mutant-Bike-Bauen sind klar: das Recyceln von Fahrradteilen und Spaßhaben. Und den hat man als Freak-Bike-Fahrer vor allem dann, wenn man in einer Gruppe fährt, meint er. In Boston ist Samstagnachts Mutant-Bike-Zeit. Dann treffen sich die Leute von Scul, cruisen gemeinsam durch die Straßen, spielen Bike-Polo oder veranstalten Rodeos, moderne Ritterspiele auf Fahrrädern.

Mutant-Bike-Fahren als Parodie auf die Hells Angels

Für Außenstehende ist der Spaß dabei nicht immer offensichtlich. Zwei Tallbiker fahren aufeinander zu und versuchen sich mit Lanzen gegenseitig aus dem Sattel zu stoßen. Die Lanzen sind zwar aus Plastik und dick gepolstert, damit sich niemand verletzt. Aber aufgeschlagene Knie und diverse Schrammen gehören zu jedem Rodeo dazu. Ein anderer beliebter Wettkampf nennt sich Whiplash - das Schleudertrauma. Dazu binden zwei Fahrer ihre Räder mit einem Band aneinander und treten in entgegen gesetzter Richtung kräftig in die Pedale. Die Regeln sind einfach: Wer es schafft, den anderen vom Rad zu ziehen, hat gewonnen.

Mittlerweile gibt es unzählige Bike-Gangs in Amerika. Zu den bekanntesten gehören Scul, der Brooklyn's black label bike club, CHUNK 666 oder Zoobomb. Was vor rund zwei Jahrzehnten als Untergrundbewegung begann, fasziniert längst Menschen unterschiedlichster Bildungsschichten. Studenten, Fahrradkuriere, Professoren, Künstler, Anarchisten und Büroangestellte treffen sich in den Gangs. Die einen sind erklärte Konsumgegner, andere fordern mehr Platz für Radfahrer auf Amerikas Straßen, wieder andere betreiben Mutant-Bike-Fahren als Parodie auf die Hells Angels oder verstehen es als Kunst: skurril, schrill und kreativ.

Beim Burning Man, einem Kunstspektakel in der Wüste Nevadas sind jedes Jahr unzählige Mutant-Biker dabei. Andere fahren bei Paraden mit, bei Fahrradrennen oder Straßenfestivals, wie dem Louisiana Bicycle Festival in Abita Springs oder dem "Cirque du Cycling" in Portland.

In Europa sind nur vereinzelt Mutant-Biker unterwegs. Und die, die es gibt, fahren hauptsächlich Tallbikes. Wie die Brüder Ed und Will Stevens, die zwölf Monate auf ihren Fahrradriesen durch England fuhren. Oder der Italiener, der sich Giuso il ciclocuoco nennt, und zurzeit mit seinem Tallbike Queensaba durch Paris gurkt.

Selbst Gassmann holt in Berlin seine Freak-Bikes selten aus dem Keller. Alleinfahren findet er langweilig. Deshalb erklärt er ein Mal im Jahr anderen in seinem Workshop die Grundlagen des Mutant-Bike-Bauens. Die meisten Teilnehmer wollen Tallbikes zusammenschweißen. "Obwohl das viel schwieriger ist als einen Chopper zu bauen", sagt Gassmann. Schließlich müssen die Rahmen exakt zusammenpassen und die Geometrie stimmen." Aber verstehen kann er es. Schließlich ist Tallbikefahren das ultimative Vergnügen - wenn man erst mal oben ist und sofern man lässig wieder absteigen kann.

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insgesamt 9 Beiträge
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fc-herrenturnverein 10.12.2010
1. Aha.
Zitat von sysopMutant-Bike-Fahren ist in Amerika nicht mehr nur Kultspaß, sondern ein Lebensstil: Die Fans der Fortbewegung auf skurrilen Zweirädern*basteln*sich ihre Objekte aus Schrott zusammen. Der Mechaniker Max Gassmann will die Bewegung jetzt in Deutschland bekannt machen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,731229,00.html
Vielleicht baut er ja noch einen E-Motor und einen Laptop-Akku ein. Dann sponsert ihn auch der Brüderle. Fände ich nur konsequent.
cestonaro 10.12.2010
2. Supercool
War ja klar, dass dieser supercoole neue Trend im superfreakigen Berlin zuerst aufgegriffen wird. Sehen ja auch wirklich absolut mega lässig aus, diese Bikes. Hoffentlich auch bald zu sehen bei den Hipsters in Kleinkrautheim...
fritzbrause 10.12.2010
3. Naja nicht wirklich was Neues
Was stimmt ist, dass es im Mutterland der Vereinsmeierei (Deutschland) keinen mir bekannten "Mutant-Bike-Schrauberverein" gibt. Was nicht stimmt, ist, das sowas hier nicht gemacht wird. Ich keine etliche Bike-Schrauber (mich eingeschlossen), die schon seit Jahren skurrile Räder aus Alt- oder Neuteilen zusammenzimmern .. einfach nur weils Spass macht! Vielleicht wäre das hier mal ne Anregung für ne Spiegel Fotosammlung für "German Mutant-Bikes" ;-)
qx87 10.12.2010
4. was nun aber wirklich fehlt....
in dem artikel. Wo ist der Absatz über das auf- und absteigen bei den Tallbikes, das hat mich schon immer interessiert. hier ist eine Möglichkeit http://www.youtube.com/watch?v=CZAbpwo6b2c Ansonsten, endlich mal wieder ein Fahrrad artikel in der Auto Rubrik, mehr davon, mach dich mal auf die Jagd nach winter Fahrern (Postboten, Pendler) mit all ihren kleinen Trickschen um sicher durch die winterliche Stadt zu gleiten. beste Grüße
impss 10.12.2010
5. achso, ...
War ja klar, dass dieser supercoole neue Trend im superfreakigen Berlin zuerst aufgegriffen wird. Sehen ja auch wirklich absolut mega lässig aus, diese Bikes.< Kann mich als Berliner sehr gut immer wieder an seltsamen bikes satt sehen... meist genauso schillernde Figuren am Lenker... und das sicher schon länger als irgendein Hype... Von Medien gemachte Themen, viel Spass zu dem Thema
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