Smarts Abschied vom Benzinmotor Alles nicht so easy

Die Daimler-Tochter Smart will in zwei Jahren nur noch Elektrowagen verkaufen. Für das Unternehmen wird die Umstellung schwierig - das zeigt das Konzeptauto Forease.

Daimler

"Zylinder sind nur noch alte Hüte", "Bald ist Otto nur noch ein Name": Mit solchen Sprüchen bewirbt Smart den Abverkauf seiner Benziner. Die kleinste Mercedes-Marke stoppt im nächsten Sommer die Produktion von Autos mit Verbrennungsmotor. 2020 will Smart zu einer reinen Elektromarke werden. Es soll nicht weniger als der Aufbruch in eine neue Zeit sein.

Doch die Slogans auf den Plakatwänden klingen auch wehmütig. Und weisen ungewollt darauf hin, dass der Strategiewechsel aus der Not geboren ist. Denn in den 20 Jahren, die es Smart gibt, hat die Marke noch keinen Gewinn erwirtschaftet und war oft von der Einstellung bedroht. Auch jetzt steht es schlecht um den Bonsai-Benz, sodass das Ladekabel zur Rettungsleine wird.

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Smart Forease: Gute Miene zum schlechten Spiel

Dabei hat die neue Smart-Chef Katrin Adt einen schweren Start: Sie muss sich über eine mehrjährige Durststrecke retten, in der es außer ein paar frischer Farben und Felgen quasi keine verkaufsfördernden Neuheiten für die Zwei- und Viersitzer geben wird. Im Vorstand muss sie um ein Nachfolgemodell ringen, für das noch nicht einmal entschieden ist, ob es wieder mit Renault gebaut wird oder nicht.

Nachdem bei weltweit rund 106.000 Zulassungen von Januar bis Oktober schon jetzt ein Minus von 4,3 Prozent in der Bilanz steht, wird sie zum Jahreswechsel einmal mehr einen Absatzrückgang einräumen müssen. Und vor allem muss sie die Elektrifizierung umsetzen und dabei ein paar knifflige Hürden nehmen.

So betragen die Wartefristen für den Smart EQ schon jetzt Monate und dürften kaum kürzer werden, wenn im Frühjahr der letzte Verbrenner produziert worden ist. Zudem fällt mit dem Abschied vom Benziner der komplette chinesische Markt weg, wo der Smart eine eingefleischte Fangemeinde hat und als Akku-Auto wegen des hohen Preises gar nicht erst angeboten wird.

Kleinster Wendekreis aller Serienautos

Adts Vorgängerin Annette Winkler hat deshalb im Herbst einen guten Zeitpunkt für ihren Absprung gewählt: Sie hatte noch die beiden Neuauflagen von Fortwo und Forfour auf den Weg gebracht und mit der Umstellung auf Elektro pur in den USA und Norwegen bereits begonnen.

Und sie hat Adt einen kleinen Muntermacher überlassen: den Smart Forease. Die Studie soll zeigen, wie Stadtverkehr Spaß macht - und wie rosig die elektrische Zukunft der Marke sein könnte. Zwar ist die Technik weitgehend bekannt, doch der Esprit ist neu und optimistisch. Designdetails wie Scheinwerfer oder Rückleuchten weisen geradewegs in die Zukunft.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Smart Forease - mit unserem 360-Grad-Foto:

Hinterm Steuer dieses Einzelstücks wird einem warm ums Herz. Mit der Karosserie ohne Dach und Seitenfenster und nicht einmal halber Frontscheibe sieht der um fünf Zentimeter in die Breite gegangene Smart klasse aus. So luftig, wie er dadurch geworden ist, erinnert er an einen Autoscooter und macht die Stadt mit seinem extrem spritzigen 81 PS-Stromer zum Rummelplatz. Dazu bei trägt der kleinste Wendekreis aller Serienautos. Dagegen laden weder die Akkureichweite von 160 Kilometern noch die Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h zu langen Landpartien ein.

Smart hat ein Preisproblem

"Der Forease steht für urbane Elektromobilität ohne Kompromisse", sagt Adt. Sie verspricht, dass die Marke das Freiheitserlebnis beim Fahren ins Zentrum rückt. Im Forease können das zunächst allerdings nur wenige genießen. Denn das Open-Air-Modell ist bisher ein Einzelstück.

Zwar hat Smart mit dem Crossblade schon einmal den Mut bewiesen, einen radikalen Roadster zumindest in Kleinserie zu bauen. Die 2000 Exemplare aus dem Jahr 2002 sind heute gesuchte Gebrauchte. Doch macht einem in Stuttgart niemand Hoffnung, dass es mit dem Forease auch so weit kommen könnte. Eine limitierte Ausgabe würde das Kernproblem nicht lösen: Schon der herkömmliche elektrische Smart ist mit mindestens 21.940 Euro zu teuer, um als Massenphänomen zu taugen. Vor allem in China hat er keine Chance.

Tom Grünweg

Somit bleibt der Forease ein Auto, das lediglich die kreative Kraft bei Smart dokumentiert. Eine Vision, die Mitarbeitern und Fans etwas Mut macht und ein Gefühl dafür vermittelt, was möglich ist.

BMW ist deutlich weiter

Das ist nötig, denn BMW ist weiter. Zwar dürfte der erste Elektro-Mini (ab Ende 2019) ebenfalls teuer werden. Doch haben die Bayern ein Joint Venture mit dem chinesischen Partner Great Wall eingefädelt. Anfang des nächsten Jahrzehnts wollen sie für Mini einen zweiten Stromer bauen, der deutlich billiger werden und von China aus die Welt erobern soll.

Viel spricht dafür, dass der Wagen deutlich kleiner wird als die gegenwärtigen Modelle. Ein chinesischer Partner, der den Preis drückt und die Türen zum größten Automarkt der Welt öffnet - eine solche Lösung könnte auch Smart gut gebrauchen. In Stuttgart hat sie aber offenbar noch niemand gefunden oder will sie nicht verraten.

Branchenkenner Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen sieht die Marke an einem Scheideweg: "Es wird eine der großen Herausforderungen für den zukünftigen Daimler-Chef Ola Källenius, die Smart-Frage zu lösen", sagt der Automobilwirtschaftler.

Smart muss einen neuen Platz in der Autowelt finden

Die Elektrostrategie sei zwar richtig. "Was es aber braucht, ist mehr Volumen: Mit 150.000 oder weniger Fahrzeugen im Jahr kann man Smart nicht in die Zukunft führen", sagt Dudenhöffer. Smart müsse im Markt der völlig neu gedachten Elektroautos die richtige Rolle finden.

Auf der einen Seite besetze Mini erfolgreich das Premiumsegment. Auf der anderen Seite profitierten Volumenhersteller mit Kostenvorteilen. Und dann gibt es die wachsende Bedeutung von Carsharing und Mobilitätsservices." Es gebe viel zu tun für Källenius, Adt und ihre Teams, um für den Smart den richtigen Platz in der Autowelt von morgen zu finden.

Wenn ihnen dabei der Kopf zu rauchen beginnt, hilft vielleicht eine Runde im Smart Forease: die kühlt ab, durchlüftet und macht den Kopf frei für frische Ideen.



insgesamt 118 Beiträge
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inmado 20.12.2018
1. Premium?
Die mich ist der Smart ein hoffnungslos überteuerter Kleinwagen. Dabei bekommt man für den Preis eines Smarts schon jetzt auch ein richtiges Auto. Wie man es möglich ist, bei diesen Preisen keinen Gewinn zu erwirtschaften, ist mir ein Rätsel. Wer wird eine Version mit Elektroantrieb kaufen wollen, die über 20k Euro kosten soll? Dazu eine lächerlich geringer Reichweite. So wird das nichts...
quark2@mailinator.com 20.12.2018
2.
Als der erste Smart rauskam, hieß es, der wäre klein und sparsam ...naja und der erste Blick auf reale Verbrauchswerte zeigte dann, was für eine Mogelpackung das war. Keine Ahnung, was das sollte. Ich bekomme immer Angst vor Radfahrern, wenn ich in so einem Würfelchen mitfahren muß. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn das nun elektrisch betrieben wird.
spon_2086561 20.12.2018
3. Zukunft?
"Designdetails wie Scheinwerfer oder Rückleuchten weisen geradewegs in die Zukunft." Es ist immer wieder erstaunlich, mit welchen unnachahmlichen Innovationen die fortschrittliche deutsche Automobilindustrie aufwartet.
alfredbonn 20.12.2018
4. Fehlgeleitete Marketing-Strategie
Als langjähriger (seit 2002) Smart-ForTwo-Fahrer muss ich leider sagen, dass mit der Zeit die Modelle immer schlechter wurden. Das aktuelle Modell ist eine Katastrophe. Es wird unser letzter Smart sein. Wir hatten zuerst ein Diesel-Cabrio welches ein zuverlässiges und günstiges Auto war. Danach einen Elektrosmart der vorigen Modellreihe (451). Als Zweitwagen und für den Stadtbetrieb ein sehr gutes Auto - leider zu teuer (460€ Leasing im Monat inkl. Batterie). Seit knapp 1 Jahr haben wir nun das aktuelle E-Smart-Modell. Neben der grausamen Optik (sieht aus wie ein Mops) ist es leider völlig unbequem geworden: Früher fühlte ich mich mit 1,86m und über 100 kg sehr wohl im Smart - tolles Raumgefühl. Bequemes Ein- und Aussteigen. Gute Sitzposition. Beine konnten ausgestreckt werden. Dieses Modell nun ist nur für skinny Asiaten gemacht: Ein- und Aussteigen ist eine Tortur. Kofferraum mit kaufm noch Ladevolumen. Das Auto ist völlig unpraktisch geworden. Wenn ich bisher andere Smart-Fahrer sah, waren es meist ebenso Leute in gesetzterem Alter, die sich an der bequemen Sitzposition und der Wendigkeit des Stadtflitzers erfreuten. Die ganze Marketing-Strategie zielt aber auf eine jugendliche Zielgruppe, die dieses Auto aber gar nicht möchte. Hier ist einfach das ganze Konzept verfehlt. Vielleicht zuviel nach China geschaut ohne den Markt zu verstehen ?
dipl.inge83 20.12.2018
5. Witz?
'Die Studie soll zeigen, wie Stadtverkehr Spaß macht' Der ist so schlecht, daß er schon fast wieder gut ist.
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