Studie über Sprachsteuerung im Auto Ein einziges Missverständnis

Sprachsteuersysteme soll Autofahren sicherer machen. Doch das Gegenteil ist der Fall, behaupten zwei Studien: Weil die Systeme unausgereift sind, steigt das Risiko der Ablenkung.

Hört nicht immer aufs Wort: Spracherkennung im Ford
Ford

Hört nicht immer aufs Wort: Spracherkennung im Ford


Sprachsteuerungssysteme im Auto sollen den Fahrer vor Ablenkung schützen und die Bedienung von Smartphones und Infotainmentsystemen vereinfachen. Doch laut dem Ergebnis zweier Studien bewirken sie genau das Gegenteil. Die Urteile einer wissenschaftlichen Untersuchungen der AAA Foundation for Traffic Safetyin Washington, einer gemeinnützigen Organisation für Sicherheit im Straßenverkehr, und der Universität von Utah sind vernichtend: Die Systeme seien zu komplex oder fehleranfällig und erfordern die volle Konzentration des Fahrers.

Dabei scheint die Idee von Sprachsteuerung in der Theorie so simpel wie gut: Wer navigieren, telefonieren oder den Radiosender wechseln möchte, muss seinem Auto einfach nur Befehle erteilen. Kein Fummeln an Knöpfen während der Fahrt - der Blick bleibt stets auf der Straße, die Hände am Lenkrad. Peu à peu ziehen die Systeme in fast allen Fahrzeugmodellen ein.

Eine der beiden Studien hat gängige Infotainmentsysteme in Fahrzeugen untersucht, die sich in den USA großer Beliebtheit erfreuen - nämlich jene von Chevrolet, Chrysler, Ford, Hyundai, Toyota und Mercedes. Die zweite Studie untersuchte Siri, die Sprachsteuerung von Apple, zum Navigieren, Erstellen und Senden von Texten.

Apple und Google arbeiten beide eng mit Fahrzeugherstellern zusammen, damit Autofahrer ihre Apps und Musik im Auto nutzen beziehungsweise abspielen können.

Apple schneidet am schlechtesten ab

Die Ablenkung durch die Systeme wurde mit Noten von eins bis fünf eingestuft - wobei eins "keine Ablenkung" bedeutet und fünf die Konzentration des Fahrers fast vollständig beansprucht - in etwa so, als müsse er ein komplexes mathematisches Problem lösen oder Wörter auswendig lernen.

Die Systeme wurden von 162 Studenten und anderen Freiwilligen in drei verschiedenen Situationen getestet: im Labor, in einem Fahrsimulator und während einer Fahrt durch ein Wohngebiet in Salt Lake City.

Siri, Apples System, bekam mit 4,14 die schlechteste Bewertung.

Die Ergebnisse des Tests:

  • Toyota Entune: Note 1,7

  • Hyundai Blue Link: 2,2

  • Chrysler UConnect: 2,7

  • Ford Sync mit MyFord Touch: 3,0

  • Mercedes Comand: 3,1

  • Chevrolet MyLink: 3,7

  • Apple Siri: 4,14

Bei der Bedienung der Systeme von Chrysler, Ford, Mercedes und Chevrolet sei die Ablenkung größer gewesen als beim Telefonieren mit einem Handy in der Hand. Nur die Systeme von Toyota und Hyundai schnitten gut ab.

Schlechte Systeme machten selbst bei klarer Aussprache Fehler

Apple kritisierte, dass die Forscher weder Carplay noch Siri Eyes Free getestet hätten, die speziell zum Einsatz im Auto entwickelt worden sind. Der Studienleiter der beiden Untersuchungen, Psychologie-Professor David Strayer von der Universität in Utah, wies die Vorwürfe zurück. Die Forscher hätten vor dem Start der Untersuchungen mit Apple Kontakt aufgenommen und für die Untersuchung eine verbesserte Version von iOS 7 eingesetzt, die dem nun aktuellen iOS8 sehr nahe komme.

Die schlechtesten Systeme machten selbst dann Fehler, wenn die Aussprache des Fahrers klar und deutlich war, sagte Strayer. Außerdem seien viele Geräte zu unflexibel. Beispiel: Erteilt der Fahrer das Kommando, den Radiosender zu wechseln, erkennt das System den Befehl "103,5 FM", aber nicht "FM 103,5" oder "103,5", so Strayer.

Siri hat bei den Versuchen Textnachrichten verstümmelt oder falsche Nummern aus dem persönlichen Telefonbuch gewählt - einmal kontaktierte Siri sogar fälschlicherweise den Notruf.

Der Fahrer als Versuchsobjekt

Die Studien stehen im Widerspruch zum Anspruch der Autobauer. Sie werben mit den Spracherkennungssystemen als eine sichere Möglichkeit, Social-Media-Angebote im Auto zu nutzen.

"Es gibt keine gesetzlichen Bestimmungen für Infotainmentsysteme", kritisiert Deborah Hersman, Präsidentin des National Safety Council, einer anerkannten Organisation zum Schutz von Leben und Gesundheit in den USA. Das größte Sicherheitsrisiko beim Autofahren sei der Fahrer. Und der werde nun zum Versuchsobjekt für neue Technologien.

mhu/AP

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
saarpirat 07.10.2014
1.
Stimmt. Mehr gibt es da nich zu zu sagen.
stelzenlaeufer 07.10.2014
2. Das gehört alles verboten!
Man muss im Auto nicht im Internet surfen! Man muss im Auto auch keine Mails bearbeiten! Selbst beim telefonieren mit Freisprechanlage ist man nicht mehr zu 100% auf den Verkehr konzentriert! Telefonieren am Steuer sollte mit einem sechsmonatigen Fahrverbot geahndet werden! Das Navi kann man auch vor der Fahrt einstellen! So einen Unsinn im Auto erlauben aber einen, wenn. man 10km/h zu schnell fährt als Raser abzocken...
chrome_koran 07.10.2014
3. Interessant.
Die Siri in meinem alten iPhone 4S versteht mein Genuschel in den meisten Fällen; falls mal nicht, kommt sie mit geschickten Rückfragen zu einer Lösung. Ganz anders mein Audi MMI. Da kann ich noch vom Glück sprechen (pun intended), wenn das System die einfachsten Befehle mal korrekt versteht – trotz umfangreichen "Trainings" nach dem Autokauf. Ansonsten ist die Audi-Spracherkennung eine Katastrophe. Auch die unfreiwillige Komik, die sich bei Einsatzversuchen immer wieder einstellt, kann eher nerven denn belustigen, wenn auf die Anfrage nach der "Reichweite" ein demotiviertes Monolog kommt: "Nächstes Krankenhaus. - Die Zeile bitte." Siri arbeitet immerhin semantisch, wobei die meiste Arbeit auf den entfernten Servern geleistet wird. Deshalb übrigens funktioniert Siri nur mit aktivem Internetzugang. Sonst ist eine Spracherkennung dieser Güte auf lokalen Kleinstrechnern zurzeit noch nicht zu schaffen. Genau das Letztgenannte aber versuchen zwangsläufig die KfZ-Hersteller. Deren Offline-Spracherkennungs-Systeme basieren ausschließlich auf aus heutiger Sicht recht primitiver Mustererkennung. Damit wird selbst ein einfaches Verstehen trotz invertierter Reihenfolge (wie mit den Radiofrequenzen im Artikel) zu einer unlösbaren Aufgabe. Denn das System erwartet genau das Klangmuster, das es kennt. Spricht der User auch noch nicht gerade mit Schauspielerqualitäten alten Datums, wird es ganz schnell ganz verwirrend.
Sprachsteuerung 07.10.2014
4. Studien und gesunder Menschenverstand
Diese Studien sind absolut sinnfrei die in Frage stehenden Systeme nicht realistisch getestet wurden. In der Regel kauft man sich ein Auto und benutzt dies über einen längeren Zeitraum. Nach einer sehr kurzen Phase in der man sicherlich das Eine oder Andere nochmal sagen muss - oder die gesamte Spracheingabe von vorne beginnen muss, hat man die Tücken des jeweiligen Systems sehr schnell herausgefunden. Danach ist Spracheingabe im Auto die absolute Killerfunktion und trägt ohne jeglichen Zweifel dazu bei die Sicherheit zu erhöhen. In meinem Auto (Bj. 2009 -also nicht mehr auf dem neuesten Stand der Dinge) kann ich z.B. ein Navigationsziel eingeben ohne auch nur ein einziges Mal meine Hand vom Lenkrad oder die Augen von der Fahrbahn zu nehmen - dabei habe ich eine Erfolgsquote von 100% !!!! Sicherlich kann man viele dieser Systeme noch weiter verbessern um umgangssprachliche oder undeutliche Sprachbefehle besser zu erkennen, aber die Überschrift: "Sprachsteuerung im Auto derzeit ein absolutes Missverständnis" - ist (zumindest was BWM und Mercedes ab ca. Bj. 2008 betrifft) definitiv nicht zutreffend.
mmueller60 07.10.2014
5.
Ich habe über längere Zeit das "kleine" Navi von Mercedes genutzt, von Becker geliefert und recht gut in die Bordelektronik integriert. Über einen Knopf am Lenkrad kann man nach dem Muster "Stadt, Straße, Hausnummer" eine Adresse diktieren. Mehr nicht. Keine Radiosender verstellen, etc. Und das funktionierte entgegen meiner Erwartung sehr gut und vollkommen hands-free! Vielleicht gerade deshalb, weil andere Kommandos oder andere Muster nicht vorgesehen sind. In der Einfachheit liegt die Kraft! Im Audi vorher habe ich mangels Hoffnung (daß es funktioniert) die Sprachsteuerung nicht einmal ausprobiert.
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