Spritspar-Gipfel Challenge Bibendum Unentschlossen Richtung Zukunft

Strom, Ethanol, Wasserstoff oder doch Mineralöl - über den Treibstoff der Zukunft ist sich die Autoindustrie noch längst nicht sicher. Besonders deutlich wird das bei der Challenge Bibendum, einer Art Mobilitäts-Umweltgipfel, initiiert vom Reifenhersteller Michelin.

Tom Grünweg

Aus Rio de Janeiro berichtet


Dass es nicht einfach so weitergehen kann, darüber sind sich alle einig. Denn weder sprudelt das Erdöl unendlich, noch ist die Atmosphäre unbegrenzt belastbar. Zudem beginnt die Massenmobilisierung nach Einschätzung vieler Experten gerade von neuem: Gibt es derzeit rund 900 Millionen Autos auf der Welt, wird sich diese Zahl in den nächsten 20 Jahren wohl beinahe verdoppeln. Rechnet man mit diesem Faktor auch den verkehrsbedingten CO2-Ausstoß von derzeit fünf Milliarden Tonnen pro Jahr hoch, könnte man glatt zum Schwarzseher werden.

Kaum jemand zweifelt daher an der Notwendigkeit einer Neuausrichtung der Automobilindustrie. Doch wie dieser Weg in die Zukunft aussehen und in welche Richtung er führen könnte, darüber lässt sich vortrefflich streiten. Genau zu diesem Zweck hat Michelin 1998 die Challenge Bibendum ins Leben gerufen. Anfangs ein eher kurioser Wettbewerb von Tüftlern und Ingenieuren, ist die Veranstaltung mittlerweile ein ernstzunehmender Branchen-Umweltgipfel von globaler Bedeutung.

Zentrale Botschaft der zehnte Auflage des "Weltforums für nachhaltige Mobilität", das in dieser Woche in Rio de Janeiro stattfindet, sind die Fragezeichen in den Gesichtern der Experten. Galt Elektromobilität auf den vergangenen Automessen als Königsweg in eine grüne Autozukunft, rückt der Umweltgipfel in Rio von diesem Szenario wieder etwas ab. Zwar stromern mehr als ein Dutzend Kleinserienmodelle, Umrüstfahrzeuge und Designstudien mit Batterieantrieb über das Areal um das Kongresszentrum und zur Fotofahrt an den Zuckerhut. Die Mehrheit der teilnehmenden Fahrzeuge aber wird mit Diesel, Benzin, Erd- oder Flüssiggas, Wasserstoff und allen erdenklichen Biokraftstoffen angetrieben.

Wahrscheinlich nirgendwo sonst auf der Welt gibt es - neben vier Dutzend Ladestationen für Elektroautos - so viele Zapfsäulen an einer Tankstelle wie bei der Challenge Bibendum. Das entspricht genau der Überzeugung von Michelin-Chef Michel Rolier. "Die Challenge Bibendum hat immer wieder bewiesen, dass es nicht die eine Lösung gibt. Sondern es gibt eine ganze Anzahl von Möglichkeiten, die wir in enger Zusammenarbeit zwischen Forschern, Kunden, Herstellern und Behörden weiterentwickeln müssen."

Peugeot, Citroën, Fiat und Audi fahren diesmal vorneweg

Den Großteil der Testflotte stellt in diesem Jahr der PSA-Konzern mit den Marken Peugeot und Citroën, die mit den Modellen Hypnos und BB1 sogar zwei exklusive Designstudien mitgebracht hat. Außerdem oft vertreten sind Fiat, wo der in Brasilien entworfene Offroad-Buggy FCC II die Blicke fängt, und Audi, wo der Elektrosportwagen Etron im Mittelpunkt steht. Andere Fahrzeughersteller halten sich zurück. Von VW, Renault oder Ford sieht man gar nichts, Mercedes ist nur mit einem kleinen Stand des Importeurs präsent und Chevrolet geht beinahe unter. So widersinnig es klingt - auch das zeugt von der wachsenden Brisanz des Themas: Wichtige Öko-Modelle und grüne Studien präsentieren die Hersteller mittlerweile in Eigenregie und mit großem Tamtam, um nicht die Aufmerksamkeit mit vielen anderen teilen zu müssen.

Die wichtigste Treibstoff dieser Challenge Bibendum ist neben Elektrizität vor allem Ethanol. "Wir haben auf dem Treibstoffmarkt einen Anteil von deutlich über 50 Prozent", sagt Adhemar Altieri, der Verbandssprecher der Zuckerrohr-Industrie in Brasilien. Keck bezeichnet er Benzin "als den eigentlich alternativen Kraftstoff". Kein Wunder: 90 Prozent aller brasilianischen Pkw werden mittlerweile als Flex-Fuel-Modelle ausgeliefert, die Benzin und Alkohol in jeder beliebigen Mischung fahren können. "Das ist die einzige Zukunftstechnologie, die man schon heute im großen Stil kaufen kann", sagt Altieri. Viele der Vorzeigeautos auf der Teststrecke, vom neuen Fiat Uno über Peugeots Pick-up Hoggar bis hin zum Citroën C4, haben einen Flex-Fuel-Aufkleber auf dem Heck und stehen auch schon bei den brasilianischen Händlern. Selbst Audi hat einen A5 mitgebracht, der sogar zu 100 Prozent mit Ethanol fahren kann.

Brennstoffzellenautos im Aufwind - die Solarmobile jedoch standen still

Als andere Option wird bei der Challenge Bibendum weiterhin die Brennstoffzelle gehandelt. Sie treibt nicht nur einen Prototypen von Gastgeber Michelin an, sondern auch einen Fiat Panda und ein Kart der Universität Delft, das die Studenten als ersten Brennstoffzellen-Boliden für die Rennstrecke vorstellen.

Ebenfalls stark vertreten sind die Hybridautos - von Serienmodellen wie der Mercedes S-Klasse bis hin zu Forschungsautos wie dem Rover 75 der Jiao-Tong-Universität in Shanghai, die vor allem auf einen günstigen Preis setzt. "Unser System wäre deutlich billiger als alles, was die großen Hersteller jetzt einbauen", wirbt ein Student für die Lösung seines Teams, für deren Erklärung sein Englisch leider nicht reicht. Denn auch das gehört bei mehr als 150 Fahrzeugen und rund 5000 Teilnehmer zur Challenge Bibendum - permanente Sprachbarrieren.

Eine Alternative allerdings hat sich in Rio gleich von selbst disqualifiziert: Weil es in der Sonnenstadt von Karneval und Copacabana am Haupttag der Challenge Bibendum wie aus Kübeln regnete, blieben sämtliche Solarmobile in der Halle.



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dieter_huber 02.06.2010
1. es ist so ermüdend
immer das gleiche Thema, immer die gleichen Fragezeichen 8-( Und immer die gleichen ungenutzten Chancen. Dabei liegt zumindest ein Lösungsansatz seit Jahren auf dem Tisch, der den Verkehr sofort um ca. 25-50% reduzieren könnte durch !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! !!! INTELLIGENTE VERKEHRSVERMEIDUNG !!! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Stichworte dazu heißen: "spontane Mitfahrsysteme", "dynamic-ridesharing.de", "fraunhofer openride", "flinc". Nach unzähligen Postings wie hier oder unbeantworteter Emails an Spiegel, c't und andere bin einfach nur noch müde 8-(( Wahrscheinlich muss es iRide heißen und ein Apple-Logo drauf prangen, bis es sich am Markt durchsetzen kann. Weiterschlafen, Dieter
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