Stadtverkehr in Deutschland: Wem die Straße wirklich gehören sollte

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Staus, Lärm, zugeparkte Straßen - Deutschlands Metropolen sind die Hölle für Autofahrer, obwohl die Stadtplaner gerade ihnen das Leben leicht machen wollen. Wer dagegen kluge Konzepte für alle Menschen will, schaut ins Ausland- und lernt, dass sogar ein bisschen Spießigkeit helfen kann.

Grüne Welle: Ausflug ins Fahrradparadies Fotos
Holger Dambeck

Was ist die ideale Stadt? Der eine träumt von den engen Gassen Roms, der andere fühlt sich im wuseligen Manhattan am wohlsten, der dritte steht auf die prachtvollen Promenaden von Paris oder Budapest. Allen diesen Phantasien ist gemeinsam, dass Städte zuallererst Orte sind, wo sich Menschen treffen. Sie sitzen im Café oder auf öffentlichen Plätzen, bummeln an Geschäften vorbei, beobachten Passanten. Wir sind soziale Wesen - und die Stadt ist unser Revier.

Doch wie sieht die Realität aus? In den Metropolen Deutschlands stößt man auf zugeparkte Straßen, Staus, Lärm. Über Jahrzehnte wurde die Infrastruktur vor allem fürs Auto erweitert und angepasst - entspannt hat sich die Situation dadurch meist nur für kurze Zeit. Die Verkehrsplaner mussten lernen: Breitere Straßen ziehen mehr Autos an, und noch breitere Straßen noch mehr Autos. Kurioserweise gilt der Bau neuer Straßen trotzdem vielerorts immer noch als das Patentrezept für die Lösung der Verkehrsprobleme.

Doch wer Städte wirklich zu Orten machen will, an denen sich Menschen wohl und sicher fühlen, muss die Perspektive wechseln. So wie der Architekt Jan Gehl aus Kopenhagen. Seine Maxime lautet: Städte sind für Menschen da. Natürlich müssen Menschen auch mobil sein, aber auf eine Weise, die den übrigen Mitmenschen nicht das Stadtleben verleidet.

Das Auto ist wunderbar praktisch, um die Stadt zu verlassen und längere Distanzen zurückzulegen. Wenn mehrere Leute darin sitzen und der Motor sparsam ist, hat der Pkw sogar eine bessere CO2-Bilanz als die Eisenbahn. In den engen Stadtzentren ist der Raum aber knapp. Hier dürfen Autofahrer kaum eine grüne Welle und einen schnell gefundenen Parkplatz erwarten.

Störenfried oder Problemlösung?

In den Konzepten der Städte von Morgen spielen Autos daher nur eine untergeordnete Rolle: weniger Autospuren auf der Straße, dafür breitere Fußwege, Radspuren und Plätze, die so gestaltet sind, dass sie zum Verweilen einladen. "Wir müssen die Menschen zum Laufen und Radfahren einladen", sagt Gehl. Wenn man ihnen attraktive Angebote mache, ließen sie das Auto von ganz allein stehen.

Kopenhagen hat es vorgemacht. Das Zentrum ist eine riesige Fußgängerzone. Anfangs gab es noch Widerstand der Laden- und Restaurantbesitzer. Bis sie merkten, dass Fußgänger für viel mehr Umsatz sorgen.

Wenn Kopenhagener ins Büro oder zur Uni fahren, tun sie das mehrheitlich auf dem Rad. Kein Wunder, denn die dänische Hauptstadt hat ein exzellentes Radwegenetz. Gehls Architektenbüro berät inzwischen Metropolen weltweit. New York, Sydney, Dublin, São Paulo - in die ganze Welt trägt der Architekt mittlerweile seine Ideen von der modernen, menschlichen Großstadt.

In Deutschland sind derartige Konzepte bislang kaum gefragt. In vielen Kommunen und im Bundesverkehrsministerium heißt Mobilität vor allem Auto- und Bahnverkehr. Fußgänger und Radfahrer sind Störenfriede, die mit roten Klinkerwegen abgespeist werden.

Dabei hat vor allem das Fahrrad ein enormes Potential: Es braucht viel weniger Platz auf der Straße. Je nach Berechnungsgrundlage benötigen Radler nur ein Sechstel bis ein Achtel der Straßenfläche eines Autos. Fahrräder sind zudem auf Kurzstrecken von wenigen Kilometern enorm schnell - und bieten den Vorteil, dass sie direkt bis an ihr Ziel fahren können.

Radwege haben absolute Priorität

Das Velo hat aber unbestritten einen großen Nachteil gegenüber dem Auto: Als Fahrer ist man Wind und Wetter ausgesetzt. Der Blick nach Holland zeigt jedoch, dass Regen passionierte Radler kaum davon abhält, in die Pedale zu treten, egal ob sie Student sind oder Banker. Die Vorteile des Rads sind zu groß, da nimmt der Amsterdamer auch mal eine feuchte Hose in Kauf. Und selbst Schnee und Eis sind für Radler kein Hindernis - zumindest in Kopenhagen. Ihre Wege werden dort morgens zuerst geräumt - noch vor den Autospuren auf der Straße.

Selbst Großeinkäufe und lauffaule Kleinkinder lassen sich mit einem Rad wunderbar chauffieren. Es sollte dann am besten aber drei Räder haben, wie zum Beispiel das legendäre Christiania Bike aus Dänemark. In Kopenhagen gibt es mittlerweile 30.000 derartiger Cargo Bikes. Die Gefährte haben eine große Transportbox mit Regendach, in die bequem zwei, drei Kinder passen oder mehrere Getränkekisten.

Viele deutsche Großstädte bieten ähnlich gute Voraussetzungen fürs Fahrrad wie Kopenhagen oder Amsterdam: Es gibt kaum Berge, die Distanzen sind, außer vielleicht in Berlin, nicht zu lang. Was jedoch fehlt, ist eine konsequente Politik pro Rad - und vor allem ein anderes Miteinander auf der Straße.

Wir Deutschen haben die Mülltrennung perfektioniert - doch ausgerechnet auf dem Weg ins Büro wollen wir von Regeln nichts mehr wissen und werden zu egoistischen Rüpeln. Eine rote Ampel ist für viele Radfahrer kein Grund zum Stoppen - sollen doch die Fußgänger und Autos gefälligst aufpassen! Autofahrer sind nicht besser. Sie fahren aus Angst vor Strafen zwar kaum bei Rot, interpretieren die Regeln aber ansonsten gern zu ihren Gunsten, indem sie drängeln, wild parken oder auf der Busspur überholen. Alles nur Notwehr, heißt es dann.

Warum können wir auf der Straße nicht einfach mal so spießig sein wie die Dänen? Die halten wirklich bei Rot, akzeptieren die Wege von Fußgängern und Busspuren - und fahren sehr gut damit. Kopenhagen zählt laut dem Ranking des Magazins "Monocle" seit Jahren zu den Top-Drei-Metropolen weltweit mit der höchsten Lebensqualität - auch und gerade wegen des gut organisierten Radverkehrs.

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insgesamt 370 Beiträge
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1. Ja, mir sahn mit nem Radel da.
papayu 15.09.2011
Fahr nicht auf mein Heiligsblechle, Die Innenstaedte sind doch schon vor Jahrzehnte von Wohnraum " entkernt" worden. Und will man heute von den umliegenden Schlafstaedten in so eine Innenstadt braucht man das Auto. Schon gibt es in einigen Staedten Fahrraeder zu mieten. Immerhin ein Fortschritt.Aber das wird kaum genutzt, denn Sie treffen dort ploetzlich ihren Nachbarn beim Parklueckensuchen und der fragt Sie doch prommt, wo ist denn Ihr Auto? Und dann stehen Sie im Hemd da. "Spinner" ist noch die kleinste Aeusserung. Oder Sie fahren mit dem Fahrrad in ein Restaurant, so eins mit 27 Sternen. Da werden Sie garnicht reingelassen! Sie koennten ja die Oberen Zehntausend, die mit ihrem 3Liter Schlitten vertreiben. Ist mir passiert! Hamburg eignet sich hervorragend. Von den Landungsbruecken, rauf zum Holstenwall und weiter bis zum Deichtor. (Das alte Hamburg). Versuchen Sie einmal heute eine Parkplatz zu bekommen um in den "Hanseaten" am Jungfernstieg zu speisen! PS. In meiner Kindheit gab es drei Autos in der Umgebung. Eins gehoerte dem Direktor einer Bank, das Zweite einem Direktor einer Oelgesellschaft und das dritte, ein Opel BLITZ des Gemuesehaendler. Uns Kindern gehoerte die ganze Innenstadt.
2. Stimmt
avollmer 15.09.2011
Das Geschilderte deckt sich mit meinen Erfahrungen, habe übrigens auch ein Cargo-Bike und würde mir deshalb generell breitere City-Radwege wünschen.
3. Konzept
Tizzle 15.09.2011
Das kluge Konzept könnte heißen: kombinierter Verkehr. Mit dem Auto zur Bahn, mit der Bahn in die Stadt und den letzten Kilometer mit dem City-Bike. Ein zukunftweisendes Verkehrskonzeot kann logischerweise ohne Fahrrad nicht auskommen. Warum? Es nimmt wenig Platz weg, es ist in der Stadt meist genau so schnell wie ein Auto - und natürlich ist es Klimaneutral. Insofern sollte nicht nur die Infrastruktur für Fahrräder ausgebaut werden, sondern auch denjenigen die Nutzung des Fahhrads erleichtert werden, die nicht die ganze Strecke damit zurück legen können.
4. Spezialisten
pj-hh 15.09.2011
Ich weiß ja nicht, wer immer wieder diese Weisheit herauskramt: "Breitere Straßen ziehen mehr Autos an, und noch breitere Straßen noch mehr Autos." Die Leute fahren nicht mit dem Auto, weil die Straßen da sind, sondern weil sie irgendwo hinwollen. Wenn ich irgendwo hin fahre (was ich mir sehr gut überlege, schließlich habe ich einen Igel im Geldbeutel), dann fahre ich, weil ich einen guten Grund dafür habe. Da ist es egal, ob die Straße breit oder schmal ist. In einer breiten Straße bekommt man naturgemäß mehr Autos unter, voll ist sie aber nur, wenn sie als Ziel oder als Weg zu einem Ziel interessant ist. Ich kenne viele breite Straßen bspw. in Wohngebieten aus den 60er Jahren oder in Gewerbegebieten, die sind leer, weil da entweder niemand hin will oder niemand durch muß. Die Leute, die zum Spaß mit dem Auto herumfahren, kann man, denke ich, mengenmäßig einfach ignorieren. Davon gibt es nicht viele, und wenn, dann fahren die auch nicht zur Hauptverkehrszeit, brauchen also mitnichten besonders breite Strassen.
5. Kluge Konzepte?
CornelPanic 15.09.2011
Ja, an denen fehlt es wirklich. So hat der Stadtrat in Erlangen eine schwachsinnige Regelung eingeführt, nach der Radfahrer ab 18:30 Uhr die Fußgängerzone befahren dürfen - obwohl es nur ein paar Meter daneben zuvor eine Möglichkeit gegeben hat, die Fußgängerzone zu umfahren. Jetzt ist es aber nicht so, dass die Radfahrer jetzt öfters an den Geschäften anhalten, nee, es wird genutzt um mit höherer Geschwindigkeit nach Hause zu kommen. Die Fußgänger und Kinderwagen wurden dafür wieder auf die Seiten der Straße verbannt....
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Zum Autor

Holger Dambeck, Jahrgang '69, arbeitet seit 2004 als Wissenschaftsredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er fährt praktisch täglich Fahrrad und hat schon diverse Urlaube im Sattel verbracht.


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