Verkehrsleitzentrale Grüne Welle auf Knopfdruck

Große Städte, große Verkehrsprobleme: Während Deutschlands Autofahrer über rote Ampeln schimpfen, arbeiten Experten an der grünen Welle. Besuch in der Verkehrsleitzentrale Hamburgs, einer der modernsten Europas.

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Vor seiner Nase steht eine Mauer aus Computertechnik. Zwischen sieben Monitoren, drei Tastaturen und drei Computermäusen rutscht Holger Voigt mit seinem Schreibtischstuhl hin und her. Nahezu geräuschlos gleiten die Rollen über den grauen Teppichboden, von links nach rechts und wieder zurück. Voigt, 52, zwei Sterne auf der Schulter, arbeitet als Polizeibeamter in der Verkehrsleitzentrale in Hamburg. "Heute ist es ruhig", sagt er mit rauer Stimme.

Voigt ist es auch. Lediglich zehn kleinere Verkehrsunfälle listet sein Rechner in den Mittagsstunden auf. Nicht viel für Deutschlands zweitgrößte Stadt, eher unterdurchschnittlich. Selbst aus dem Funkgerät dringt kaum mehr als leises Rauschen. In den vergangenen 30 Minuten sendete es nur eine Meldung: Ein Mann vermisst offenbar seinen Nachbarn. Kein Fall für Voigt.

Voigt gehört zu den 21 Mitarbeitern, die den Verkehrsfluss in der Hansestadt managen, in vier Schichten, rund um die Uhr. Mit dem Trend zu immer größeren Städten braucht es Männer wie ihn, damit es nicht zum Verkehrskollaps kommt. 1,8 Millionen Menschen leben derzeit in Hamburg, 1,2 Millionen Autos fahren täglich durch die Stadt. Aber bis 2030 soll die Zahl der Einwohner noch einmal um 7,2 Prozent zulegen, heißt es in einem Datenreport der Bertelsmann Stiftung.

1733 Ampeln in der Stadt

Für die Verkehrsmanager bedeutet das mehr Arbeit. Selbst wenn die Zahl der Autos zurückgehen sollte. Denn die Leitzentrale der Polizei ist für Fußgänger, Busse, Bahnen, Fahrrad- und Autofahrer gleichermaßen verantwortlich. Erst im Mai 2013 wurde sie nach einem sieben Millionen Euro teuren Umbau neu eröffnet. Nun gehört sie nach eigenen Aussagen zu den modernsten ihrer Art in Europa.

Durch die Jalousien dringen zarte Streifen Tageslicht. Schaut Voigt über seine Monitore hinaus, blickt er auf eine fast 22 Quadratmeter große Videowand. 48 Knotenpunkte oder starkbefahrene Straßen der Hansestadt erscheinen darauf: die Köhlbrandbrücke, die sich über einen Abschnitt der Süderelbe spannt, der im Zentrum gelegene Stephansplatz oder die Wilhelmsburger Reichsstraße, eine Verbindungsstrecke zwischen dem Stadtteil Harburg mit der Innenstadt. Wie animierte Postkartenmotive wirken die Kamerabilder. Darunter zeigt ein Stadtplan alle 1733 Ampeln in Hamburg an.

"Die grüne Welle gibt es wirklich"

Die Steuerung der sogenannten Lichtsignalanlagen, wie es bei den Beamten heißt, gehört zu den Kernaufgaben der Polizisten. Im besten Fall verbessern sie durch die Ampelschaltung den Verkehrsfluss, verringern den CO2-Ausstoß und machen den Verkehr leiser. Drei eingespeicherte Programme spulen die Ampeln normalerweise ab: Morgens bevorzugen sie den Verkehr, der in die Stadt hineinfährt. Abends sind sie so geschaltet, dass die Autos Hamburg schnell hinter sich lassen können - und am Nachmittag läuft ein Programm, das weder den hinein- noch den herausfahrenden Verkehr bevorzugt. "Die grüne Welle gibt es wirklich", beteuert Jörn Clasen, stellvertretender Leiter der Verkehrsleitzentrale in Hamburg.

Peter Wagner, Wissenschaftler am Institut für Verkehrssystemtechnik in Berlin, kennt die Standardprogramme des Verkehrsmanagements. Seine Aufgabe im Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) ist es, durch Forschung die heutigen Zentralen schlauer zu machen. Dazu sammelt Wagner anonyme Daten, die derzeit in den meisten Leitzentralen noch nicht erfasst werden - zum Beispiel von Taxen, aber auch von Fahrrädern und Fußgängern.

Über GPS beziehungsweise Bluetooth von Mobiltelefonen weiß das DLR, wie lange ein Taxi oder ein Radfahrer für eine bestimmte Strecke benötigt. Daraus lassen sich dann Rückschlüsse auf die Verkehrslage ziehen. Durch Daten von Fußgängern können die Wissenschaftler erstmals auch öffentliche Verkehrsmittel, zum Beispiel in Reisezeitprognosen, miteinbeziehen. Auch die Car-to-Car-Kommunikation, also die Vernetzung der Autos untereinander, könnte die Datenlage für die Verkehrsmanager künftig verbessern, glaubt Wagner.

Kameras übertragen Stau und Unfälle live in die Leitzentrale

Hamburg nutzt diese Daten derzeit nicht. Bis Ende 2013 sammelte die Stadt Infos der Taxen und wird diese nun rückblickend auswerten, um Engpässe zu erkennen. Aber künftig brauche man "Daten, die breiter aufgestellt und damit belastbarer sind", heißt es aus dem Amt für Verkehr und Straßenwesen. "Insoweit prüfen wir derzeit Alternativen und sind dabei auch mit dem DLR im Kontakt."

Solange kommen die Informationen zum Verkehrsgeschehen weiterhin meist aus der Einsatzleitzentrale der Polizei. Oder eine der 82 Verkehrsbeobachtungskameras in Hamburg überträgt einen Stau oder Crash in die Verkehrsleitzentrale. Dann setzten die Mitarbeiter eine Meldung im Verkehrswarndienst für die Radiostationen ab und verändern die Ampelschaltung, damit der Verkehr möglichst gut fließt. "90.000 Schaltungen nehmen wir im Jahr manuell vor", sagt Jörn Clasen. Aber die Ausweichmöglichkeiten in einer Stadt sind begrenzt, gibt er zu.

Selbst wenn Hamburg alle Möglichkeiten hätte, den Verkehrsfluss zu verbessern, würden Voigt und seine Kollegen dies nicht tun. Bei Umleitungen sind Wohngebiete grundsätzlich tabu.

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Udo Buschmann 03.05.2014
1.
in kassel drehen sich die uhren demnächst andersherum: zone 30 auf allen Hauptverkehrsstraßen (verkehrsplan spd/gruene).
imri.rapaport 03.05.2014
2. Grüne Welle
Da kann ich nur lachen. solange die Verkehrsregeln den Unterschied zwischen umweltfreundliches bremsen und losfahren nicht mit fließenden Verkehr kombinieren wird diese Spruch nie zustande kommen
Paul Panda 03.05.2014
3. Schlimmer Verdacht
In den Städten Nordrheinwestfalens geht das Gerücht um, autofeindliche Kreise innerhalb der Kommunen würden absichtlich "rote Wellen" installieren, um dem Autofahrer die Freude am Fahren zu verderben und ihn dadurch zum Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr zu zwingen. Wenn man sich in den Hauptsraßen der Innenstädte von einer roten Ampel zur nächsten quälen muss, wird dieser Verdacht in der Tat bestätigt. Doch würde solch ein heimtückischer Plan für Umweltschützer überhaupt Sinn machen? Vor allem der durch das permanente Starten an roten Ampeln gesteigerte Spritverbrauch dürfte ganz schön zu Buche schlagen, vom gesteigerten CO2-Ausstoß ganz zu schweigen.
Rahlstedter 03.05.2014
4.
Zitat von imri.rapaportDa kann ich nur lachen. solange die Verkehrsregeln den Unterschied zwischen umweltfreundliches bremsen und losfahren nicht mit fließenden Verkehr kombinieren wird diese Spruch nie zustande kommen
Wenn man in den Abendstunden unterwegs ist kann man in Hamburg sehr wohl mit einer grünen Welle Fahren. Man muss nur in der richtigen Richtung unterwegs sein. Ein schönes Beispiel ist die Eiffestraße, vom Ankelmannplatz bis zur Autobahn Auffahrt Billstedt ohne Halt, man darf nur nicht zu schnell fahren (55 lt. Tacho ist perfekt). Oder die B75 Wandsbeker Chaussee usw., ohne Halt von der Alsterschwimmhalle bis nach Meiendorf (ca. 15km). Es darf eben nicht zu voll sein und man darf nicht zu schnell oder zu langsam fahren bzw. die Anderen, dann klappt das super.
prince62 03.05.2014
5. Grüne Welle gibt es schon lange nicht mehr.
Zitat von imri.rapaportDa kann ich nur lachen. solange die Verkehrsregeln den Unterschied zwischen umweltfreundliches bremsen und losfahren nicht mit fließenden Verkehr kombinieren wird diese Spruch nie zustande kommen
Ganz im Gegenteil, hier in München und in Rosenheim haben die sogenannten Verkehrsexperten in jahrelanger und aufwendiger Arbeit die Grüne Welle wo es nur geht abgeschafft, in Rosenheim hat man es sogar geschafft, bei 5 Ampeln hintereinander zur Autobahn garantiert Stop-and-Go einzurichten, das heißt, fährt man an der ersten Ampel bei Grün los, kommt man bei allen anderen Ampeln bei einsetzender Rotphase an, es ist also hier im CSU-beherrschten Rathaus genauso wie im Rot-Grünen München, jeglicher fließender Verkehr muß so weit wie möglich zum Erliegen kommen, gleichzeitig werden dann auch noch die Grünphasen der Seitenstraßen in der gleichen Zeit geschaltet, wie auf den Hauptverkehrsstraßen, heißt also, 5% des Verkehrs haben die gleichen 50% Grünphase, wie die anderen 95%, gennial einfaches Konzept um fließenden Verkehr zu stoppen und gleichzeitig die Feinstaubbelastung auf höchstem Niveau zu etablieren, was dann wieder die Einrichtung von Umweltzonen und Abkassieren beider Umweltplakette ermöglicht. Ein in sich geschlossenes und ergänzendes System, absolut zu Lasten der arbeitenden und wohnenden Bevölkerung.
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