Dauerstaus in Asien Stehn, stehn, stehn auf der Autobahn

Verglichen mit denen in Asien sind deutsche Staus eher Stäuchen. Rund um Metropolen wie Bangkok, Manila und Jakarta müssen Pendler stundenlang im Auto sitzen. Doch es gibt Überlebensstrategien, vom Selfie bis zum gekauften Beifahrer.

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Der Aufschwung von Asiens Großstädten bringt den Bewohnern nicht nur Vorteile. Viele Metropolen verzeichnen zum Beispiel tendenziell schmale Straßen, Zehntausende Zuzügler und eine immer größere Zahl Autos. Die Folge für den Alltag von Millionen Menschen: Auf den Straßen vieler Großstädte geht oft über Stunden nichts mehr.

Zwei Stunden Anfahrt zum Büro sind nichts, sagen Bewohner von Großräumen wie Bangkok, Jakarta und Manila. Die 65 Stunden, die Autofahrer in Köln nach Berechnungen des Verkehrsdatenanbieters Inrix 2014 durchschnittlich im Stau verloren haben, sind ein Klacks gegen das, was man in Asien erleben kann.

Wie schaffen es die Menschen, mit den massiven Staus umzugehen? Einige Schlagworte als Antworten.

  • Online gehen: Wie hat man Staus früher eigentlich ohne Smartphone überstanden? Facebook und YouTube haben zu Stoßzeiten besonders hohe Zugriffsraten. Kein Wunder, gehören Aufladekabel fürs Auto doch mittlerweile zu jeder Grundausstattung. Eine Frau namens Ajeng Sriyani ist die Verkehrs-Selfie-Queen von Jakarta: "Statt zu stöhnen mache ich lieber Fotos von mir im Stau und lade sie hoch", sagt sie.

  • Fernsehen: In Bangkok gibt es Autos mit Bildschirmen und Extra-Antennen, mit denen man Fernsehen schauen kann - eine Ablenkung, die eher für genervte Beifahrer gedacht ist.

  • Schlaf nachholen: Wer nicht selbst am Steuer sitzt, kann während der Fahrt zumindest die Augen zumachen. Im voll gepackten Minibus in Manila schlafen viele, die in aller Frühe aufgebrochen sind, um einen Sitzplatz zu ergattern. Ungestörter Schlaf ist aber selten: "Ich bekomme oft Seitenhiebe, weil mein Schnarchen stört", sagt Medardo Martinez in Manila.
    Bloß nicht ablenken lassen: Ein Kind schläft im Stau von Jakarta
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    Bloß nicht ablenken lassen: Ein Kind schläft im Stau von Jakarta

  • Seelen retten: In manchem Minibus in Manila versuchen Prediger, ein paar Schäfchen auf der stundenlangen Fahrt auf den rechten Weg zu bringen. Sie donnern dann Bibelverse in den vollgepackten Bus, etwa "So seid nun geduldig, liebe Brüder", Jakobus 5,7.

  • Essen: An jeder Straßenecke gibt es Stände mit Essen zum Mitnehmen. Fleischspieße, Snacks in Teigtaschen, Suppen mit Strohhalm. In Bangkok gibt es fürs Auto Esscontainer, mit angehängtem Löffel, die Essen warmhalten während die Klimaanlage auf Hochtouren läuft. Wenn es dann plötzlich weitergeht, ist Hilfe nötig: "Meine Frau füttert mich dann manchmal", sagt Ari Budiman in Jakarta.

  • Persönliche Hygiene: Pinzetten, Wattestäbchen, Nagelscheren - mancher Autofahrer nutzt die Muße im Auto und den Rückspiegel, um lästige Nasenhaare zu entfernen, Ohren zu säubern, Pickel auszudrücken. Fahrerinnen legen Wimperntusche und Lippenstift auf, Beifahrerinnen schwingen auch schon mal den Nagellackpinsel.

  • Auto-Hygiene: In Jakarta klatschen manchmal ungefragt nasse Lappen auf die Scheibe. Flink spritzt jemand Seife auf, feudelt mit dem Lappen herum, wischt die Scheibe trocken - und verlangt dann ein "Trinkgeld" für den Windschutzscheiben-Service.

  • Stau-Geschäfte: Duftende Blütenkränzchen fürs Auto, Trinkwasser, Zeitungen - Verkäufer aller Art schlängeln sich zwischen den Autos durch und bieten alles feil, was tragbar ist. Hoch im Kurs stehen in Bangkok die, die eine Kühlbox umgehängt haben und eisgekühlte Getränke hervorzaubern. "Ich erledige im Stau mein Online-Shopping oder rufe Kunden an", sagt Börsenmaklerin Minnie Bolot in Manila.
    Staugeschäfte in Jakarta: Frisches Obst für genervte Fahrer
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    Staugeschäfte in Jakarta: Frisches Obst für genervte Fahrer

  • Andere Stau-Geschäfte: In Manila waren mal sogenannte Jingle Bags Verkaufsschlager: Plastik-Pinkeltüten. Auch in Bangkok hält mancher Autofahrer die Nottoilette im Wagen bereit. In Jakarta halten schon mal schnöde Plastikflaschen dafür her.

  • Dem Stau ein Schnippchen schlagen: In Jakarta sind einige Fahrbahnen für Autos mit mindestens drei Insassen reserviert. An den Auffahrten stehen potenzielle Mitfahrer, die sich für ein paar Cent dazusetzen. Beliebt sind Mütter mit Babys: Das zählt doppelt.

Christiane Oelrich, dpa/mbö



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Seite 1
lagoya 30.08.2015
1. Hätte mir gewünscht, dass der
Autor einmal analysiert ,warum es bei uns nur zu Stäuchen kommt obwohl wir doch schon viel länger den Individualverkehr haben
Namen werden überbewertet 30.08.2015
2. Ich verstehe es nicht
Was finden Autofahrer nur so schrecklich an öffentlichen Verkehrsmitteln, dass sie sich solche Staus tagtäglich antun?
HuFu 30.08.2015
3. zig Stunden im Stau...
... wäre es da nicht sinnvoller auf die "Öffis" umzusteigen? Oder bieten die Großstädte in Asien sowas wie Bus und Bahn im "Nahverkehr" nicht an? Oder einfach mit nem Pedelec fahren... ist man wohl immer noch schneller als nach "5 Stunden" Stau dann anzukommen....
prefec2 30.08.2015
4. ÖPNV Ausbau und Dezentralisierung
Im Grunde ist es ganz einfach. In Asien muss der Nahverkehr ausgebaut werden. Und zwar massiv. In Peking versuchen das die Chinesen bereits. Im Grunde wird da jedes Jahr ein neues Stück U-Bahn eingeweiht. Dazu sollte man es mit Dezentralisierung versuchen. Denn Verkehrsvermeidung ist in der Regel besser als nur den Ausbau von Infrastruktur.
krautrockfreak 30.08.2015
5. Komme grade aus Kuala Lumpur
und auch da wird es immer schlimmer. Aber immer noch besser als Bangkok oder (am schlimmsten) Jakarta. Das Problem: diese Städte wachsen ungehemmt, nur die Straßen bleiben immer dieselben. Typisches Versagen der Stadtplaner. Singapur dagegen regelt über eine gesalzene Autosteuer das Verkehrsaufkommen und das mit Erfolg. Bangkok hat zwar einen Skytrain (Hochbahn), aber nur zu einigen Punkten. In KL bauen sie momentan auch eine. Ansonsten in diesen Metropolen nur alte Busse, die auch im Stau stehen bzw. überfüllt sind. Wer sich über Stau in Deutschland aufregt, sollte mal da hin gehen, das kuriert...
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