Verkehrswege in Berlin Für Radler ist es am engsten

Noch nie war Fahrradfahren in deutschen Städten so angesagt. Doch die Bedingungen dafür bleiben schlecht. Wie wenig Platz Radler im Vergleich zu Autofahrern haben, zeigt jetzt eine Untersuchung in Berlin.

Fahrradfahrer in Berlin: Dem Auto gehört die Stadt
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Fahrradfahrer in Berlin: Dem Auto gehört die Stadt

Von Guido Kleinhubbert


Großstädtische Fahrradfahrer kennen das: Auf der Straße überholen Autos und Omnibusse so dicht, dass man Todesangst bekommt. Radwege sind so schmal, dass ständig die Kollision mit anderen Radfahrern droht. Fahrradspuren werden blockiert durch illegal abgestellte Pkw oder Kastenwagen, die Pakete ausliefern. Selbst das Parken kann zuweilen schwierig werden: Oft gibt es weit und breit keinen Quadratmeter mehr, der nicht schon längst von einem anderen Gefährt besetzt ist.

Deutsche Fahrradfahrer leiden unter Platznot, und Heinrich Strößenreuther, Gründer der "Agentur für clevere Städte", wollte wissen, wie sehr. Gemeinsam mit 20 Studenten der Berliner "Best Sabel Hochschule" hat der ehemalige Bahn-Manager, der seit Jahren für den Radverkehr kämpft, nun einen "Flächen-Gerechtigkeits-Report" erarbeitet. Ergebnis: Knapp 60 Prozent der Fläche in Berlin gehört den Autos, über 30 Prozent geht an die Fußgänger, Radler müssen sich mit drei Prozent begnügen - dabei beträgt ihr Anteil an den Verkehrsteilnehmern schon etwa 15 Prozent, Tendenz steigend.

Straße für Straße abgemessen

Das Forschungsteam um Strößenreuther zog mit Zollstöcken los und vermaß die Breite von Bürgersteigen, Radwegen, Parkstreifen, Fahrbahnen und Grünflächen von knapp 200 Straßen in zehn Berliner Bezirken, unter anderem Mitte und Kreuzberg. Diese Werte wurden zur Länge der jeweiligen Verkehrswege ins Verhältnis gesetzt. Die Ergebnisse seien für die Stadt "statistisch belastbar", sagt Strößenreuther.

Wie repräsentativ die Messergebnisse allerdings für andere deutsche Städte sind, kann Strößenreuther nicht sagen. In einer Umfrage zur Fahrradfreundlichkeit deutscher Städte des Radler-Lobbyvereins ADFC von 2012, rangierte Berlin mit Platz 24 von 38 eher hinten. Dennoch heißt das Ergebnis auch, dass Strößenreuthers Beobachtungen in anderen deutschen Städten demnach womöglich noch schlechter ausfallen würden. Der ADFC hatte damals unter anderem auch die Breite von Fahrradwegen abgefragt.

Parkende Autos nehmen den Radlern zusätzlich Platz weg

"Mit ausgewogener Verteilung hat es nichts zu tun, wie der Verkehrsraum in den Citys aufgeteilt ist", sagt Strößenreuther. Natürlich bräuchten Pkw wegen ihrer Ausmaße mehr Platz. Allerdings sei die ihnen zugedachte Fläche überdimensioniert: 95 Prozent der untersuchten Berliner Straßen böten genügend Platz, um einen eigenen Radweg anzulegen - geschehen sei das aber nur bei 36 Prozent aller Straßen.

Besonders ärgerlich finden es Strößenreuther und die Berliner Studenten, dass ein großer Teil der Berliner Verkehrsflächen von parkenden Autos genutzt wird. Den Autofahrern steht allein zum Abstellen ihrer Fahrzeuge sechsmal mehr Platz zur Verfügung als dem Radverkehr. "Es ist doch nicht einzusehen, warum Radfahrer wegen fehlender Radwege gefährdet werden, damit Autos den Großteil des Tages ungenutzt herumstehen können", ärgert sich Strößenreuther. Dem motorisierten Verkehr müssten "Flächen entzogen werden", sagt er.

Tatsächlich wird ein durchschnittlicher Berliner Pkw nur eine halbe Stunde am Tag bewegt, die anderen 23,5 Stunden parkt er nur - leider auch noch oft genug illegal auf dem Radweg. Um diesen Missstand zu bekämpfen hat Strößenreuther eine App namens "Wegeheld" initiiert: Mit der kann man Falschparker fotografieren und dem Ordnungsamt melden.



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wie_weiter_? 05.08.2014
1. Tatsache ist aber auch...
...das mittlerweile die Fussgänger das Freiwild sind. Seitdem Kinder unter 11 Jahren auf dem Fussgängerweg fahren fragt man sich wieso D ein Nachwuchsproblem hat. Soviel Radfahrer die sich noch für minderjährig und dieser Altersklasse zugehörig fühlen ergeben ein ganz neues Bild auf die Alterspyramide. Danach haben wir einen mächtigen Bauch unten. Und die Bedeutung von Verkehrsschildern bei denen Radfahrer und Fussgänger (nebeneinander oder untereinander) dargestellt sind wird geflissentlich dahingehend uminterpretiert, daß der fahrbare Untersatz ein generelles Überrecht vorgibt. Also genau das was die Radfahrer den Autofahrern vorwerfen machen sie selbst mit den Fussgängern. Und wenn ich dann noch hier in Berlin sehe das ein Teil (eines zugegebenermaßen) breiten Fußweges zur Radspur umgebaut wird, aber keiner der politischen Versager sich mal fragt wie ein Fußgänger zuerst eine Radspur überqueren soll, dann eine Strasse und dann wieder einen Radweg um endlich auf den verbleibenden Fußgängerstrich der anderen Seite zu kommen, habe ich wenig Mitleid mit den Radfahrern. Und was macht der Radfahrer wenn seine Spur zugeparkt ist ? Na, was macht er dann wohl ? Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa !
raptorx 05.08.2014
2. Radfahren in Berlin ist oft das Schlimmste !
In einer 3,5 Mill.stadt ist die Rücksichtslosigkeit am höchsten, allerdings auch der Polizei, die sich bekanntermaßen immer auf die Kleinen und Opfer stürzt ! Anstatt straffällige Autofahrer zu verfolgen, verfolgt die Polizei Radfahrer !
jujo 05.08.2014
3. ...
Zitat von sysopDPANoch nie war Fahrradfahren in deutschen Städten so angesagt. Doch die Bedingungen dafür bleiben schlecht. Wie wenig Platz Radler im Vergleich zu Autofahrern haben, zeigt jetzt eine Untersuchung in Berlin. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/strassen-und-wege-in-berlin-fahrradfahrer-leiden-unter-platznot-a-984477.html
Ich kenne ausser Berlin keine Großstadt in der es so viele übermässig breite Fußwege gibt, teils 5 m und breiter. Es wäre schon hilfreich wenn dieser Platz genutzt würde. Es bleiben dennoch mehr als genug Engstellen.
nils1966 05.08.2014
4.
Da sollte man mal Nach Karlsruhe fahren und das prüfen. Mit Sicherheit sind die Stadtplaner dort KEINE Radfahrer. Die (Neu)Anlage von Radwegen ist da teils sehr gewöhnungsbedürftig. Hier wird ein bestehendes funktionierendes Radwegenetz durch inkompetente Verlegungen zum Gesundheitsrisiko für Radfahrer; zudem werden Autofahrer verärgert, weil bei Verlegungen im Schnitt 25% der Anwohnerparkplätze wegfallen. - bisher durchgehende eigenständige Wege über Ampeln werde neuerdings vor der Ampel mitten in den Straßenverkehr hineinverlegt: Gefahr mit dem überkreuzenden Rechtsabbiegerverkehr (Beispiel Kreuzung Fritz-Ehrhardt-Straße mit Kriegsstraße). - trotz neuer breiter bestehender Radwege werden die Radwege in den Straßenverkehr verlegt; ein Problem für Radfahrer mit Kinderanhängern (Muster-Beispiel Durlacher Allee). Oft werden dafür Anwohnerparkplätze vernichtet (Rüppurer Allee). - Bürgersteig-Radwege werden in Straßenrandlage verlegt, die zugleich Halte-Bereiche für LKW-Anlieferverkehr sind, wodurch man auf die Straße oder den Bürgersteig ausweichen muß (Geschäftsstraßen).
Jochenberlin 05.08.2014
5. Größenverhältnisse beachten!
"Den Autofahrern steht allein zum Abstellen ihrer Fahrzeuge sechsmal mehr Platz zur Verfügung als dem Radverkehr". Aha, wenn man also bedenkt, dass auf einem Autoparkplatz mindestens 6 Fahrräder abgestellt werden können, dann sind die Plätze 50/50 verteilt. Wobei noch zu berücksichtigen wäre, dass es wahrscheinlich mehr Autos als Fahrräder gibt, wenn man die Räder abzieht, die unbenutzt in Kellern herumstehen.
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