Studie zu Fahrgewohnheiten Im Auto sind Eltern kein Vorbild

Eltern sollten ihren Kindern ein gutes Vorbild sein - auch im Auto. Doch genau hier klappt es nicht: Obwohl ihre Kinder auf der Rückbank sitzen, benehmen sich viele Eltern am Steuer daneben. Zu diesem Ergebnis kommt eine französische Studie.

Unterwegs mit Kindern: Eltern scheitern oft an ihren Ansprüchen
Corbis

Unterwegs mit Kindern: Eltern scheitern oft an ihren Ansprüchen


Kinder vertrauen ihren Eltern blind, auch beim Autofahren. Doch genau da sind Mama oder Papa nicht immer die Besten - zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der französischen Stiftung VINCI Autoroutes. Diese hat sich die Förderung der Verkehrssicherheit zum Ziel gesetzt.

Laut Untersuchung verletzen Eltern die Verkehrsregeln mindestens genauso häufig wie andere Autofahrer auch. Sie fluchen, sie telefonieren, sie benehmen sich rüpelhaft - obwohl ihre Kinder auf dem Rücksitz sitzen.

"Für Kinder ist das Auto ein zweites Zuhause, ein Nest, in dem sie sich sicher und geborgen fühlen", sagt Professor Daniel Marcelli, Spezialist für Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Eltern verhalten sich wie alle anderen Autofahrer auch; sie haben Spaß am Fahren und an dem manchmal an Selbstüberschätzung grenzenden Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben."

Dabei waren sich die Mehrzahl der Befragten ihrer Verantwortung bewusst: Sie wussten um ihre Vorbildfunktion und versuchen deshalb, mit Familie an Bord langsamer (68 Prozent) zu fahren und ruhiger zu bleiben (66 Prozent). Trotzdem geht manchmal das Temperament mit ihnen durch.

Bei Anruf Unfall: Das Handy am Steuer lenkt vom Verkehr ab
DPA

Bei Anruf Unfall: Das Handy am Steuer lenkt vom Verkehr ab

  • 77 Prozent der Eltern gaben zu, sich nicht immer an das Tempolimit zu halten.
  • 59 Prozent vergessen manchmal, den Blinker zu setzen.
  • 38 Prozent halten nicht an, um Fußgänger über die Straße gehen zu lassen.
  • 22 Prozent der Eltern prüfen nach eigenen Angaben nicht systematisch nach, ob ihre Kinder angeschnallt sind.
  • 11 Prozent der Eltern antworteten, dass sie bei kurzen Fahrten auf die Kindersicherung durch den Gurt verzichten.

Mit diesen Nachlässigkeiten geben die Eltern nicht nur ein schlechtes Vorbild ab. Sie vermitteln ihrem Nachwuchs auch die falschen Werte. "Eltern sollten sich fragen, ob sie ihren Kindern vorleben wollen, dass sie ruhig gegen Gesetze verstoßen können? Denn der Verstoß gegen Verkehrsregeln kann sehr ernsthafte Konsequenzen haben", sagt Marcelli.

Im schlimmsten Fall enden diese Gesetzesverstöße tödlich. 34 Prozent der im Jahr 2014 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommenen Autofahrer in Frankreich waren nicht angeschnallt. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) geht davon aus, dass die Zahlen in Deutschland vergleichbar sind. "Es gibt verschiedene Untersuchungen, nach denen 20 bis 30 Prozent der tödlich verunglückten Autofahrer und Passagiere nicht angeschnallt sind", sagte Sven Rademacher vom DVR gegenüber dem "Tagesspiegel".

Obwohl mittlerweile bekannt ist, dass das Handy am Steuer zu den Hauptursachen für Verkehrsunfälle zählt, können die Eltern nicht die Finger vom Smartphone lassen.

  • 44 Prozent der Eltern nehmen während der Fahrt Telefongespräche an. Dafür benutzen sie keine Freisprechanlage, sondern greifen nach dem Handy.
  • 31 Prozent der Eltern erledigen nach eigenen Angaben beim Fahren Anrufe.
  • 29 Prozent der Eltern senden und lesen beim Fahren Nachrichten auf ihrem Smartphone - bei den Eltern unter 35 Jahre sind es sogar 42 Prozent.
  • 78 Prozent der Eltern geben an, dass sie bei Fahrten mit den Kindern mehr Pausen machen. Im Durchschnitt halten sie alle zwei Stunden und 36 Minuten ab. Damit fahren sie aber immerhin noch 36 Minuten länger als empfohlen.

25 Prozent der Eltern treten ihre Autofahrten nachts an, damit die Kinder schlafen. Doch davon raten Experten an. "Es ist erwiesen, dass Nachtfahrten und langes Durchfahren ohne Pause ein hohes Risiko darstellen", sagt Bernadette Moreau, Generaldelegierte der VINCI Autoroutes Stiftung. Auf der Autobahn in Frankreich ist jeder dritte Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang auf Übermüdung zurückzuführen.

Obwohl der Nachtverkehr nur zehn Prozent vom Gesamtverkehr ausmacht, ereignen sich 45,5 Prozent der tödlichen Unfälle nachts, so eine Statistik des Verbands der französischen Autobahnbetreibergesellschaften aus dem Jahr 2015. Der ADAC kam 2012 für Deutschland zu ähnlichen Ergebnissen: Eingeschlafene Fahrer waren demnach für jeden vierten tödlichen Pkw-Verkehrsunfall verantwortlich.

Für die Studie wurden mehr als 1000 Eltern und Kinder im Alter von acht bis 16 Jahren in Rennes und Paris befragt.

mhu

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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
fatboy92 26.01.2016
1. BLinker
Ich wohne in Frankreich und die Sache mit den Blinkern scheint schon recht nett ausgedrückt :-) "vergessen manchmal :-) blinken wird hier zu einer optionalen Handlung. Sogar Ampeln werden hier recht cool bei rot überfahren. Das passiert nicht ständig, aber doch zu oft. Naja, man kann's noch ertragen, aber gerade im Kreisverkehr ist man abhängig davon, das der von links Kommende blinkt, um zu zeigen, ob er abbiegt und für mich die Straße frei ist.
jupp78 26.01.2016
2.
Was befremdlich ist, dass der Artikel suggeriert, dass Eltern außerhalb des Autos immer vorbildlich wären. Auch das wird nicht der Fall sein. Am Ende sind Eltern ganz normale Menschen und sein Verhalten mag man kurzzeitig ändern können, langfristig im Alltag verbiegt sich aber niemand.
Georg_Alexander 26.01.2016
3. 42% unter 35 Jahren lesen ihre Nachrichten während der Fahrt?
Das erklärt ja Einiges. Mir wird Angst und Bange...
3-plus-1 26.01.2016
4.
Zitat von Georg_AlexanderDas erklärt ja Einiges. Mir wird Angst und Bange...
Da bin ich absolut bei Ihnen! Telefonieren am Steuer? Geschenkt. Aber jedem, der beim Lesen und Schreiben von Nachrichten mit dem Smartphone in der Hand erwischt wird, sollte das Auto in die Presse gegeben werden zzgl. eines Bußgeldes in Höhe des Zeitwertes des Fahrzeugs. Glauben die eigentlich alle, es gäbe schon Autopiloten in ihrem KFZ? Was dann das defensive Fahren betrifft, da habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass man sich beim Versuch Fahrgäste nicht zu wecken so vom sanften Gleiten einlullen lässt, dass man dann vor einer rotten Blitzerampel zu spät bremst, nur weil es Nacht ist und man alleine die Straße befährt. Nö, wer bei mir nun mitfährt, dem versichere ich, dass ich die Augen immer auf der Straße habe aber kein Chauffeurdienst bin. Daher lautet es bei mir gleich, dass eine Hammerschlagbremsung, die die Passagiere in die Gurte presst, kein Zeichen schlechten Fahrens ist, sondern der Beweis, dass ich auf Wildschweine, Kinderbälle und Fahrradkuriere noch reagieren kann. Das "Arschloch" für Letztere dürfen die Kinder dann auch gerne hören, damit gleich klar wird, wie ich von ihnen verlange NICHT auf dem Rad zu fahren.
singlesylvia 26.01.2016
5. Vorbild? Von wegen!
Aus der Einleitung: "Obwohl ihre Kinder auf der Rückbank sitzen, benehmen sich viele Eltern am Steuer daneben.". Darf ich jetzt daraus schließen, dass sich die Eltern benehmen, sobald ihre Kinder nicht mehr auf der Rückbank, sondern auf dem Beifahrersitz sitzen? Wohl eher nicht. Eltern waren noch nie Vorbild für ihre Kinder, sie predigten immer Wasser und tranken Wein. Eltern erklären ihren Kindern, dass man Konflikte gewaltlos lösen solle, und dann schalten die Kinder das Fernsehen ein oder gehen ins Internet und sehen, dass Erwachsene genau das Gegenteil tun. Den Kindern beibringen, bei für sie rotem Ampellicht anzuhalten, macht die Eltern nicht glaubwürdig, wenn sie - sogar in Anwesenheit von Kindern! - rote Ampeln einfach ignorieren. Merke. Dass du keine Kinder siehst, heißt nicht, dass sie dich nicht sehen. Eltern ermahnen ihrer Kinder, ehrlich zu sein, und dann lügen sie ihnen die Hucke voll mit Weihnachtsmann, Osterhase und Religion. Aber wenn die Kinder später wirklich ehrlich und unbestechlich sind, werden sie auch noch als mit dem Asperger-Syndrom behaftet eingeordnet (wer hat hier eigentlich die Macke?) Ließe man Kinder alleine aufwachsen, würden sie höchstwahrscheinlich ohne Vorurteile aufwachsen. Aber nein, statt dessen werden sie von ihren Eltern und deren armseligen Vorurteilen versaut. Die Franzosen kannten diese Zusammenhänge offenbar nicht, so dass sie eine Studie anfertigen mussten.
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