Streit über Fahrradbarometer Das Auto wird angezählt

In Hamburg streiten Politiker über die Anschaffung teurer Fahrradzähler für jeden Bezirk. Auch in anderen Städten sind die Barometer schwer in Mode. Doch was bringt die Zählung überhaupt?

Fahrradzähler in Hamburg an der Alster
DPA

Fahrradzähler in Hamburg an der Alster

Ein Interview von Margret Hucko


SPIEGEL ONLINE: Herr Peter, der Steuerzahlerbund kritisiert die Anschaffung eines Fahrradzählers in Hamburg für gut 30.000 Euro als "teures Spielzeug", doch die Stadt plant nun den Kauf weiterer solcher Geräte für jeden Bezirk. Auch andere Städte - beispielsweise in Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen - setzen Fahrradzähler ein. Was bringt diese Technik überhaupt?

Zur Person
  • privat
    Marcus Peter ist seit April 2013 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Verkehrsplanung und Logistik der TU Hamburg-Harburg. Seine Bachelorarbeit schrieb er über "Fahrradverkehr in Hamburg: Eine Standortanalyse unter besonderer Betrachtung des fahrradgebundenen Nachtransportes".

Peter: Durch die Zähler bekommen die Städte zeitnah die Information, auf welchen Strecken wann wie viele Fahrradfahrer unterwegs sind. Mithilfe dieser Daten kann anschließend auch die Infrastruktur für Radfahrer gezielter weiterentwickelt und der Verkehrsfluss durch eine angepasste Ampelschaltung verbessert werden. Die Zähler halte ich deshalb für ein probates Mittel kluger Verkehrsplanung.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es denn nicht sinnvoll, statt das Geld in Zähler zu investieren, dieses direkt in die Verbesserung der Fahrradwege zu stecken?

Peter: Grundsätzlich halte ich eine solide Planung, die verlässliche Verkehrsdaten voraussetzt, für unersetzlich. Nur so können Steuergelder im nächsten Schritt sinnvoll und gut begründet eingesetzt werden. Der Ausbau des Fahrradnetzes wird die Kosten für die Anschaffung der Zähler übersteigen. Ob diese nun mit 30.000 Euro pro Stück besonders teuer sind, vermag ich nicht einzuschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Die Opposition in Hamburg zweifelt sogar an, dass der Zähler die richtigen Ergebnisse liefert. Angeblich nimmt das Messgerät auch Hunde und Kinderwagen mit in die Statistik auf...

Peter: Ich glaube kaum, dass einzelne Hunde und Kinderwagen die Messdaten gravierend verfälschen werden...

SPIEGEL ONLINE: Der Senat spricht von einer 95-prozentigen Genauigkeit...

Peter: Wenn das stimmt, ist das für die Verkehrsplanung völlig ausreichend.

SPIEGEL ONLINE: Helfen denn bereits bessere oder breitere Fahrradwege aus, um mehr Menschen fürs Radfahren zu begeistern? Infrastruktur per se besiegt ja noch nicht den inneren Schweinehund, vielleicht doch das Auto zu nehmen...

Peter: Fahrradhochburgen wie Münster, München, Amsterdam oder Kopenhagen belegen genau das: Durch bessere Wege gewinnt das Fahrradfahren an Attraktivität, weil man schneller und einfacher ans Ziel kommt und die Sicherheit steigt.

SPIEGEL ONLINE: Zählt der Fahrradzähler nicht in gewisser Weise auch das Auto an? Schließlich ist der Platz in einer Stadt begrenzt. Müssen künftig Pkw-Fahrer zugunsten der Radler auf Fahrstreifen verzichten?

Peter: Eine ernsthafte Förderung des Radverkehrs ist grundsätzlich unmöglich, ohne die Infrastruktur zu Lasten anderer Verkehrsmittel umzuverteilen. Wenn man zudem davon ausgeht, dass eine Erhöhung des Radanteils in Innenstädten auch einen Rückgang des Pkw-Verkehrs bedeutet, wäre es sicherlich vertretbar, stellenweise einzelne Autospuren einzuengen oder zurückzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Führt das Zurückdrängen des Autos vorübergehend nicht zu neuen Problemen? Gerade im Stop-and-go-Verkehr stoßen Pkw besonders viele Schadstoffe aus...

Peter: Das Auto soll ja nicht komplett aus der Stadt gedrängt werden. Städte wie Berlin und München, die jetzt schon eine sehr ambitionierte Radpolitik betreiben, zeigen wie positiv sich eine Stärkung des Radverkehrs auf die Lebensqualität der Menschen auswirkt: Sie leiden weniger unter Lärm, einer geringeren Feinstaubbelastung und erleben stattdessen eine angenehme Entschleunigung des Gesamtverkehrs.

Vote
Anschaffung von Fahrradzählern - sinnvoll oder nicht?

In Hamburg streiten Politiker über die Anschaffung teurer Fahrradzähler für jeden Bezirk. Was halten Sie von der Idee?



insgesamt 71 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ulfD 21.04.2016
1. Doch was bringt die Zählung überhaupt?
was es bringt? Ganz klar jeder Fahrradfahrer darf sich wie ein moralischer Herrenmensch fühlen
Ragnar the Bold 21.04.2016
2.
Geht das nicht einfacher? Man lässt einen Studenten eine Bachalorarbeit über diese oder jene Straße schreiben, bewafftnet ihn mit einem Zählgerät und lässt ihn zu verschiedenen Zeitpunkten auf die Straße los. Nicht nur das er die Daten selber erhebt, nein er wertet sie noch und interpretiert sie(das wäre die wissenschafltiche Arbeit). Das die Daten nicht sonderlich genau sein müssen, hat der Interviewte bereits gesagt.
jupp78 21.04.2016
3.
Natürlich ist es sinnvoll Verkehrsdaten zu erheben. Aber dafür braucht es ganz sicher keinen 30.000€ Zähler für eine 24/365 Überwachung. Das geht ganz sicher wesentlich günstiger und praktisch genauso gut. Das hier ist tatsächlich Geldverschwendung pur.
sullo 21.04.2016
4.
Dass München eine Fahrradhochburg ist halte ich für ein Gerücht. Dort wird eher alles dafür getan, dass die Leute nicht Fahrrad fahren. Dass dennoch so viele Leute mit dem Fahrrad unterwegs sind liegt eher an der Not als dem guten Angebot.
ruediger 21.04.2016
5.
Jeder der solche Fahrradzähler anschafft sollte wegen Steuerverschwendung (oder Untreue) ins Gefängnis. Wenn man wirklich die Zahl der Fahrräder ermitteln will, gibt es sicher Zähler die einen Bruchteil davon kosten (oder man stellt statt dessen einen Harz 4 Empfänger dort für 60 Monate hin). Noch besser wärer wenn man den Beamten der sie bestellt hat dort so lange stehen liese, bis er die 30.000 Euro verdient hat.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.