Stress am Steuer "Ein Autofahrer hat erst nach sieben Jahren ausgelernt"

Verkehrspsychologe Adalbert Allhoff-Cramer erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE das Phänomen Stress beim Autofahren: Wodurch Stress entsteht, wie man ihn vermeidet – und was zu tun ist, wenn er trotzdem auftritt.


SPIEGEL ONLINE:

Weil der Verkehr auf den Straßen so stark geworden ist, fahren die Menschen heute gestresst. Werden sie den Anforderungen nicht mehr gerecht?

Allhoff-Cramer: Es ist zumindest schwer, unter diesen Bedingungen gelassen zu fahren und ruhig zu bleiben. Das erklärt auch zum Teil die Unfallbilanz - die sich allerdings in den letzten Jahren verändert hat. Zwar hat die Zahl der Unfälle mit Körperverletzungen nicht abgenommen, die Zahl der Getöteten aber dagegen deutlich. Die Entwicklungen im Straßen- und Fahrzeugbau haben hierzu wesentlich beigetragen.

SPIEGEL ONLINE: Welche zum Beispiel?

Drängler im Spiegel: "Tempo ist der wichtigste Konkurrenzfaktor"
DPA

Drängler im Spiegel: "Tempo ist der wichtigste Konkurrenzfaktor"

Allhoff-Cramer: Der schon seit Jahrzehnten verstärkte Ausbau von Autobahnen, die von der Stresssituation her zwar ihre eigenen Anforderungen haben, aber weniger belastend sind als der Landstraßen- und Stadtverkehr. Und im Auto ist zum Beispiel die Einkapselung des Fahrers größer geworden. Er ist heute in einer sehr geschützten Situation, in der er viel Anregung hat und sich mit großem Gestaltungsspielraum seine eigene stressmindernde Atmosphäre schaffen kann. Das birgt allerdings auch Gefahren, weil der Fahrer vom Straßenverkehr heute nicht mehr so viel mitbekommt - schon allein das, was er hört, ist völlig anders, als man es in früheren Jahren gekannt hat.

SPIEGEL ONLINE: Zumal der Stress beim Autofahren ja wohl nicht nur von außen kommt, oder?

Allhoff-Cramer: Es gibt Menschen, die sich unter bestimmten Bedingungen selbst stark stressen, etwa wenn sie allein unterwegs sind. Die dann zum Rennfahrer werden und in Situationen geraten, die sie eigentlich nicht mehr bewältigen können. Die sich aber, sobald sie Beifahrer im Auto haben, besser anpassen und auf die Gefühlssituationen der Mitinsassen achten. Das ist ein wichtiger Grund, weshalb man das begleitete Fahren für 17-Jährige eingeführt hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist auch die immer stärkere Motorisierung der Autos ein Stressfaktor?

Allhoff-Cramer: Von den Fahrzeugen her kommt ein starker Druck in Richtung Konkurrenzdenken, den anderen ausstechen, der Schnellere, der Stärkere sein wollen. Das liegt einfach in den Merkmalen der Fahrzeuge, die von der Industrie natürlich auch bewusst gewollt sind, denn gerade sie stellen ja Verkaufsanreize dar. Sich diesen Einflüssen zu entziehen ist schwer, erfordert sehr viel Kraft und auch Klarheit in diesem Punkt.

SPIEGEL ONLINE: Diese Konkurrenz wird ja vor allem beim Beschleunigen - an der Ampel oder beim Überholen - ausgefochten.

Allhoff-Cramer: Eine hohe Beschleunigung schafft eine Sicherheitsreserve, das ist der positive Faktor. Man kann davon ausgehen, dass man auch schwierige Situationen noch bewältigen kann. Aber es entsteht gleichzeitig auch einen Druck, dies auch auszunutzen und zu erproben. Denn das Tempo ist der wichtigste Konkurrenzfaktor. Im Straßenverkehr geht es immer darum, möglichst effektiv und schnell von A nach B zu kommen - niemand will wirklich langsam fahren. Fast jedes Fehlverhalten im Straßenverkehr lässt sich deshalb aus der Tempofrage herleiten, und deshalb ist die ja auch so wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Sind erfahrene Autofahrer weniger stressanfällig?

Allhoff-Cramer: Ja. Ein Fahrer hat erst nach sechs, sieben Jahren wirklich ausgelernt, ab dann bleibt das Unfallrisiko quasi auf einem Level. Erst nach dieser Zeit hat der Fahrer die nötige Erfahrung, um auch in komplexen, schwierigen Situationen die Kontrolle zu behalten. Und das ist in punkto Stress ein zentraler Gesichtspunkt, die Psychologie spricht vom 'Locus of Control', also von der Überzeugung, die Situation im Griff zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich Anspannung aus anderen Lebensbereichen beim Autofahren aus?

Allhoff-Cramer: Sehr stark. Zum einen spielt die aktuelle Situation, in der ich mich gerade befinde, eine große Rolle. Zum anderen aber auch generell die Art, wie ich lebe. Man kann schon sagen, dass wir so Auto fahren, wie wir leben.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man vorbeugend gegen Stress im Auto tun?

Adalbert Allhoff-Cramer: Der Psychologe ist Vorsitzender der Sektion Verkehrspsychologie im Psychologenverband BDP und Gutachter beim TÜV Süd
Adalbert Allhoff-Cramer

Adalbert Allhoff-Cramer: Der Psychologe ist Vorsitzender der Sektion Verkehrspsychologie im Psychologenverband BDP und Gutachter beim TÜV Süd

Allhoff-Cramer: Vernünftig mit dem Autofahren umgehen und die emotionalen Anteile so weit wie möglich zurücknehmen. Dazu gehört, dass man sich schnell auf eine Situation einstellt. Wenn ich einen Stau gerate, dann ist das zunächst mal ein Stressfaktor ersten Ranges, weil ich nämlich im weiteren Fortkommen behindert werde. Dann heißt es, einen klaren Schnitt zu machen. Also: neu nachdenken, sich darauf einstellen, die Situation umdefinieren - dann komme ich auch besser damit klar.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Allhoff-Cramer: Per Handy auf dem nächsten Parkplatz dem Zielpartner mitteilen, wie die Dinge sind. Die Rahmenbedingungen neu gestalten, wieder Herr der Lage werden. Also wieder die Frage: Wo liegt die Kontrolle, wer hat die Situation im Griff?

SPIEGEL ONLINE: Und gar nicht erst ärgern oder schimpfen?

Allhoff-Cramer: Schimpfen ist ja auch eine Form des Frust- und Aggressions-Abbaus. Solche Emotionsäußerungen sind erlaubt und können durchaus hilfreich sein.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist nicht erlaubt?

Allhoff-Cramer: Schwierig wird es, wenn ich das Verhalten und die Emotionen anderer Autofahrer nach Gutdünken interpretiere, obwohl ich das gar nicht beurteilen kann, weil ich ja keinerlei Kontakt zu ihnen habe.

SPIEGEL ONLINE: Also wenn jemand nervtötend langsam fährt, sollte man als Hintermann daraus nicht schließen, dass der trödelt oder womöglich provozieren will?

Allhoff-Cramer: Genau. Denn es kann ja sein, dass im Auto vor mir ein Fahrer sitzt, der überhaupt nicht im Stande ist, sich angemessen zu verhalten, oder zumindest so, wie ich es eigentlich erwarten würde. Etwa wegen einer körperlichen Behinderung, oder bei einer akuten Problemlage in der Familie. Also die Frage, kann ein anderer nicht oder will er nicht, die kann ich von meinem Platz aus nicht entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Könnte eine höhere Bereitschaft, sich in den Verkehrspartner einzufühlen, helfen, nicht erst in Stress zu geraten?

Allhoff-Cramer: Ja. Der Fachbegriff dafür heißt Empathie, das heißt: Ich versetze mich in einen anderen Menschen hinein und in das, was bei dem anderen möglicherweise im Moment an Gefühlen und Schwierigkeiten da ist - und schwinge mich nicht, ohne etwas zu wissen, zum Oberlehrer auf, der glaubt, jede Situation immer korrekt zu beurteilen. Es ist übrigens ein typisches Phänomen in Befragungen, dass die allermeisten sich für sehr gute Autofahrer halten, 70 bis 80 Prozent aller Befragten - und erstaunlicherweise halten sich gerade die, die in der Flensburger Verkehrssünderdatei 18 oder noch mehr Punkte haben, für besonders gute Fahrer.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man schon außerhalb des Autos gegen den Stress tun?

Allhoff-Cramer: Das Wichtigste ist natürlich die Terminplanung, also sich mehr zeitlichen Spielraum zu schaffen. Denn nur so habe ich im Verkehr überhaupt die Möglichkeit, mich etwas zurückzunehmen, und nicht nur mit dem Gaspedal meine Zeitnot und meine schlechte Planung wieder auszugleichen.

Das Interview führte Martin Brinkmann



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