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Studie aus München: Forscher tüfteln am Elektroauto fürs Volk

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Ein Elektrowagen, bezahlbar für alle: Mit Hochdruck bastelt die Industrie am Auto der Zukunft - und bekommt Konkurrenz von Forschern der Technischen Universität München. Im Stillen hat die Gruppe das Konzeptfahrzeug Mute entwickelt. Jetzt hat der Flitzer erste Testfahrten absolviert.

Andreas Heddergott / TU München

Berlin/Garching - Wer baut das erste Elektroauto, das sich in Großserie produzieren lässt? Der Wettstreit läuft - und nicht nur die etablierten Autohersteller mischen mit. Jetzt hat eine Münchner Forschergruppe einen kleinen sportlichen E-Zweisitzer präsentiert, der auch bezahlbar sein soll.

Monatelang schweißten mehr als 200 Studenten und Mitarbeiter von 20 Professoren des TUM-Wissenschaftszentrums Elektromobilität Chassis-Teile zusammen, programmierten die Elektronik und stimmten Fahrwerkskomponenten ab. Sie hielten sich an ihr Schweigegebot: Kaum etwas drang nach draußen. Am Ende stand eine erste Version des kleinen Elektromobils namens Mute auf der Teststrecke und bestand die Prüfungen mehr als zufriedenstellend, wie die TUM mitteilte. Der Kleinwagen habe eine hervorragende Fahrdynamik gezeigt, hieß es.

Das Projekt soll den Weg zu einem Elektroauto ebnen, das zum gleichen Preis produziert und verkauft werden kann, wie ein vergleichbares herkömmliches Fahrzeug - und zwar inklusive Batterie. Damit diese Rechnung aufgeht, werden die Betriebswirte allerdings einen Teil der Akku-Kosten auf die monatlichen Betriebskosten umlegen, die damit in der Endabrechnung auf dem Niveau des Benzin-Pendants liegen.

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Mute: E-Mobil nach Elise-Strickmuster
Die Kalkulation wird ohnehin noch eine Herausforderung, denn der Mute soll keine rollende Verzichtserklärung werden, wie Andreas Battenberg vom Corporate Communications Center Campus Garching betont.

Dazu gehört zum Beispiel auch ein sogenanntes aktives Torque-vectoring-Differenzial, das über einen zusätzlichen kleinen Elektromotor die Antriebs- und Bremskräfte in Kurven optimal verteilt. Es soll einerseits die Ausbeute bei der Rückführung der Bremsenergie optimieren, andererseits aber auch den Fahrspaß erhöhen. Oder die aufwendige Klimatisierung des Innenraums, die eine CO2-neutrale Heizung übernehmen soll. Sie erzeugt Wärme durch Verbrennung von Bioethanol. Auch die Ladesteuerung der Akkus wird in das Konzept zum Thermo-Management des Mute einbezogen.

Im Innenraum sollen Fahrer und Beifahrer alle Annehmlichkeiten zur Verfügung stehen, die bei modernen Autos zu finden sind. Das beginnt bei der Sicherheitsausstattung und endet noch lange nicht beim großen Zentraldisplay in iPad-Anmutung, über das sich alle Funktionen steuern und überwachen lassen.

20 PS genügen für 120 km/h

Die meiste Arbeit wendeten die Wissenschaftler für den Bau des Chassis auf. Es gleicht in seiner mit Rohren verstärkten Kastenbauweise im Prinzip dem des Lotus Elise, das sich durch geringes Gewicht und hohe Steifigkeit auszeichnet. Die Vorteile dieser Konstruktion hat schon die US-Sportwagenschmiede Tesla erkannt - schließlich ist der Tesla Roadster im Grunde nichts anderes als eine gründlich modifizierte Elise.

Das Ergebnis ist aller Ehren wert, wie man auf dem Video sehen kann. Trotz der schmalen Reifen seien Straßenlage und Kurvenverhalten dank der Auslegung von Federung, Dämpfung und Achsen sehr gut, berichten die Ingenieure stolz. Der Prototyp habe auf der Kartbahn in Garching den sogenannten Elchtest sogar besser absolviert als mancher herkömmlicher Mittelklassewagen.

Dank des geringen Gewichts von rund 500 Kilogramm genügen 20 PS, um das Wägelchen in 6,8 Sekunden auf 60 km/h zu beschleunigen und maximal 120 km/h schnell zu fahren. Eine volle Ladung der 100 Kilogramm schweren Batterie soll für mindestens 100 Kilometer reichen. "Für ein Elektrofahrzeug ist ein geringes Gewicht wichtig", sagte Markus Lienkamp vom TUM-Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik in Garching bei München.

Weg zur Serienfertigung noch weit

Aus der endgültigen Form des Mute (englisch: der Stumme) machen die Forscher derzeit noch ein Geheimnis. Es existieren Computerbilder, die aber allenfalls einen Hinweis auf die endgültige Variante liefern. Etliche Details allerdings dürften sich im Zuge der weiteren Entwicklungsarbeit noch sehr verändern. Eine preisgünstige Seriefertigung stellt naturgemäß andere Anforderungen, als das von Designern entworfene Konzept. Speziell die gläserne Heckklappe, die in der Studie zu erkennen ist, dürfte den Weg in die Großserie kaum schaffen.

Das endgültige Design soll auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt am Main (15. bis 25. September) enthüllt werden. Die Eckdaten stehen allerdings schon fest: Mit 355 Zentimetern Länge, 155 Zentimetern Breite und 131 Zentimetern Höhe gehört der Zweisitzer in die Gruppe der Micro Cars. Im Kofferraum ist Platz für etwa zwei große Taschen.

Von der Serienreife ist das Fahrzeug aber noch weit entfernt. Dazu müsse noch einiges an Forschungsarbeit geleistet werden, heißt es im TUM. Die Serienfertigung ist dann eine weitere hohe Hürde, denn die wollen die Wissenschaftler keinesfalls in Eigenregie übernehmen. Es müsste sich also ein Hersteller finden, der die Lizenz kauft. Potentielle Interessenten wären möglicherweise BMW oder Mercedes - die beiden Autobauer stehen in der Liste der Förderer des Mute-Projekts.

Mit Material von dpa

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1. regenbogen.
hurgelwurg, 15.07.2011
Zitat von sysopEin Elektrowagen, bezahlbar für alle: Mit Hochdruck bastelt die Industrie am Auto der Zukunft - und bekommt Konkurrenz von Forschern der Technischen Universität München. Im Stillen hat die Gruppe das Konzeptfahrzeug Mute entwickelt. Jetzt hat der Flitzer erste Testfahrten absolviert. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,774295,00.html
Der Strom dafür kommt ja bekanntlich aus der Steckdose.
2. ...
Harald Müller 15.07.2011
Da sind wir in Aachen vom Werkzeugmaschinenlabor aber schon ein bisschen weiter: http://www.campushunter.de/dwn/regional/sommer_2011/campushunter_aachen.pdf (Seite 47) 5000 Euro + Batterieleasing, außerdem ist das Auto komplett modularisiert und kann dementsprechend sehr einfach produziert (auf nur 20 Stationen) und erweitert werden. (PS: Das Design wurde mittlerweile auch angepasst)
3. Endlich frei!
wakaba 15.07.2011
Hut ab - dogmenfreies Auto und Armutserklärung der ganzen AI die mit all Ihren Ressourcen nicht imstande sind sowas zu machen. Ich erklär die Industrie zum Klumpenrisiko. Wenn das Chassis etwas länger, Karosse vom Karosserieschneider bezogen werden kann - elegant ist, das Fahrwerk einfach quergelenkert und nicht irgendein ätzender Smart/Prius/Golf Aufguss ist und keine kurzlebigen VAG Teile verbaut werden - unterschreib ich.
4. Gute Tüftelei, aber umsonst
ridgleylisp 15.07.2011
Zitat von sysopEin Elektrowagen, bezahlbar für alle: Mit Hochdruck bastelt die Industrie am Auto der Zukunft - und bekommt Konkurrenz von Forschern der Technischen Universität München. Im Stillen hat die Gruppe das Konzeptfahrzeug Mute entwickelt. Jetzt hat der Flitzer erste Testfahrten absolviert. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,774295,00.html
Gute deutsche Tüftelei! Aber leider für die Katz solange es keine massive Aufstockung der dazu benötigten Stromerzeugung gibt. Und das heißt ATOM! Davon will ja nun niemand hören, also ist die ganze Sache eben umsonst.
5. Na dann
goox 15.07.2011
mal gespannt auf den E-Trabi in der Demokratischen Republik der Zukunft.
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Reiner Elektroantrieb
Diese Fahrzeuge haben keinen klassischen Antriebsstrang mehr, der vom Motor die Bewegungsenergie auf die Räder überträgt. Stattdessen sind in den Radnaben Elektromotoren, die Energie kommt aus einem Akku, der an der Steckdose aufgeladen werden kann. Weil die Speicherkapazität der Batterien noch nicht mit einem klassischen Automobil vergleichbar ist, haben einige Elektromobile einen sogenannten Range Extender an Bord - einen kleinen Generator, der die Elektromotoren mit Energie versorgt, wenn der Akku leer ist.

Beispiele: Tesla Model S, VW E-Up, VW E-Golf, Renault Zoe, BMW i3, Ford Focus Electric, Nissan Leaf, Mercedes B-Klasse E-Drive
Hybridantrieb
Hybridautos haben zusätzlich zum klassischen Verbrennungsmotor einen Akku an Bord. Wenn der leer ist, springt der Benziner an. Eine Variante sind sogenannte Mild-Hybrid-Systeme, bei denen der Stromantrieb nur parallel unterstützend läuft, um den Benzinverbrauch zu reduzieren. Der Akku wird in der Regel durch Bremskraftrückgewinnung und einen Dynamo geladen. Zukünftige Hybridfahrzeuge sollen aber auch an der Steckdose aufladbar sein.

Beispiele: Toyota Prius, Toyota Prius+, VW Golf GTE, Porsche Panamera S E-Hybrid, Porsche 918 Spyder, Volvo V60 PiH, BMW i8
Brennstoffzellenantrieb
Bei diesen Fahrzeugen tankt man statt Benzin flüssigen Wasserstoff. In einer chemischen Reaktion wird das Hydrogen in der Brennstoffzelle in elektrische Energie umgewandelt, die dann das Fahrzeug antreibt. Anders als bei reinen Elektrofahrzeugen ist die Infrastruktur für den Wasserstoff eine ungelöste Frage. Vorteil der Brennstoffzellenfahrzeuge ist ihre größere Reichweite.

Beispiele: Hyundai ix35, Honda FCX Clarity, Hamburger Nahverkehrsbusse (Mercedes-Benz), Toyota Mirai
Range Extender
Im Gegensatz zu den herkömmlichen Elektroautos haben Range Extender einen Verbrennungsmotor an Bord, der anspringt, wenn die Ladung der Batterie zur Neige geht. Vorteil: Die Reichweite steigt auf das Niveau eines Autos mit konventionellem Antrieb. Vorreiter dieser Spezies ist der Opel Ampera, der die Kraft des Verbrenners aber auch nutzt, wenn die volle Leistung zum Beispiel auf der Autobahn abgerufen wird.

Beispiele: Opel Ampera (baugleich mit Chevrolet Volt), BMW i3 (optional mit Benzinmotor)

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