Studie Mercedes Vision Urbanetic Das Mega-Skateboard

Mit der Studie Vision Urbanetic zeigt Mercedes etwas von der Zukunft der Nutzfahrzeuge. Der Transporter soll tagsüber als Kleinbus fahren, nachts als Kurierlaster - und das schon ziemlich bald.

Daimler

Volker Mornhinweg hat ein Problem: Er verkauft zu viele Autos. Klar, der Leiter der Mercedes-Van-Sparte freut sich über jeden Euro Umsatz. Doch er weiß auch, dass jeder Kastenwagen mehr die Städte näher an den Verkehrskollaps bringt. Die Urbanisierung schreitet voran, aus Metropolen werden Megacities.

Deshalb sollen Transporter künftig effizienter genutzt werden. Wie das gehen könnte, zeigt Mercedes bei der Nutzfahrzeug-IAA in Hannover, die am 20. September beginnt. Die Studie Vision Urbanetic soll viele städtische Probleme auf einen Streich lösen: Sie ist elektrisch angetrieben, autonom unterwegs und wird aus einer vernetzten Zentrale bedarfsgerecht gesteuert. So soll der mehr als fünf Meter lange Wagen im Format des aktuellen Sprinters sauber, leise und sicher sein und nur dann fahren, wenn er wirklich benötigt wird.

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Studie Mercedes Vision Urbanetic: Transportertrio

Damit das möglichst oft ist, lässt er sich für unterschiedliche Zwecke nutzen: Mit Aufbauten, die binnen weniger Minuten weitgehend automatisch gewechselt werden können, fährt der Urbanetic wahlweise als Roboter-Bus oder als führerloser Kurierlaster. Glaubt man Manager Mornhinweg, profitieren von diesem Konzept alle Beteiligten:

  • Die Städte und ihre Bürger, weil es ohne Leerfahrten weniger Verkehr geben wird, der weniger Abgase und Lärm verursacht, flüssiger fließt und sicherer ist.
  • Die Fahrzeugbesitzer, weil sie ihre teuren Investitionsgüter jetzt noch effizienter und länger nutzen können. Denn ein Transporter ohne Führerstand bietet mehr Platz für Personen oder Päckchen. Zudem ermöglicht das Konzept, den Transporter als Bus und als Lieferwagen fahren zu lassen - und damit einen Einsatz rund um die Uhr. Weder muss der Spediteur auf Arbeitszeiten achten, noch Geld für einen Fahrer ausgeben.
  • Und Mercedes selbst? "Verkauft natürlich weniger Fahrzeuge", sagt Mornhinweg. "Denn der Trend vom Fahrzeug- zum System- und Serviceanbieter wird sich beschleunigen", ist Mornhinweg überzeugt. "Die Erlösquellen werden sich damit verändern, aber es wird nach wie vor ein sehr gutes Geschäft sein." Kunden sollen in Zukunft dann nicht mehr nur Fahrzeuge oder Transportkilometer kaufen, sondern auch die Intelligenz dahinter bezahlen.

Damit bezieht sich Mornhinweg auf einen Trend, dem die Pkw-Hersteller schon lange folgen: Sie wollten sich zum Mobilitätsdienstleister wandeln, der neben Fahrzeugen auch Services verkauft, sagt Stefan Bratzel von der Hochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach. Das sei der Grund, weshalb sich nahezu alle Hersteller mittlerweile im sogenannten Ride-Sharing versuchen, dem Anbieten von Mitfahrten oder autonomen Shuttle-Diensten. Auch Mornhinweg sieht dort zusätzliche Einnahmechancen: "Dies öffnet ganz neue Geschäftsmodelle als Flottenmanager, Service-Dienstleister oder Anbieter von ganzheitlichen Mobilitätslösungen."

Rimowa-Koffer auf Rädern

Das Konzept birgt einen gewissen Aufwand: Basis des Fahrzeugs ist eine Art Skateboard, in dem außer den Akkus und den Elektromotoren auch die Elektronik fürs autonome Fahren samt ausfahrbarer Sensoren integriert ist. Diese ragen wie Insektenaugen aus dem Bug.

Die Plattform erinnert an ein Skateboard
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Die Plattform erinnert an ein Skateboard

Darauf sollen sich mit einer Art Stecksystem binnen weniger Minuten zwei Aufbauten befestigen lassen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: In der Frachtvariante sieht der Urbanetic aus wie ein Rimowa-Koffer auf Rädern. In dessen fensterlosen Kasten sollen entweder auf zwei Etagen zehn Europaletten oder Hunderte Päckchen passen, die durch ein spezielles Fördersystem und eine eigene Klappe individuell an den jeweiligen Empfänger ausgegeben werden können - wie bei einer rollenden Packstation.

Soll er statt Päckchen Personen transportieren, geht die Hinterachse ein paar Zentimeter auseinander, eine Hydraulik bockt den Container auf und auf Schienen gleitet er vom Skateboard. So macht er Platz für den Busaufbau. Innen bietet er für zwölf Personen Plätze, die je nach Fahrdauer unterschiedlich kommod sind: Hinten eine kuschelige Lounge, vorne nur was zum Anlehnen und in der Mitte Stehplätze mit mehr als zwei Metern Raumhöhe. "Wir wollten einerseits viel Privatsphäre schaffen und andererseits viele neue Ausblicke ermöglichen", sagt Wagener. Von außen sieht er aus wie ein riesiges, futuristisches Überraschungsei.

Start von Pilotprojekten bereits im nächsten Jahr

Auch die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Fahrgästen hat Designchef Wagener neu gedacht. Weil es keinen Fahrer mehr gibt, der Ansagen macht und kein Cockpit, in dem man etwas ablesen könnte, schwebt an der Wagendecke eine Art Heiligenschein, den Wagener "360 Grad-Halo-Display" nennt. Auf diesem werden Wegpunkte oder Haltestellen angezeigt. Wer mehr zur Route oder Angeboten im Bus wissen will, richtet sein Smartphone auf einen bestimmten Punkt im Wagen aus, dann öffnet sich die App zum Urbanetic und liefert mithilfe von Augmented Reality - also der sogenannten erweiterten Realität - Zusatzinformationen durch Einblendung beziehungsweise Überlagerung.

Zwar klingt das Konzept nach einer fernen Vision. Doch glaubt man Mornhinweg, dann ist die Zukunft zum Greifen nah. "Bis so etwas auf offener Straße und ohne Einschränkungen im Stadtverkehr funktioniert, mag es zwar noch ein paar Jahre dauern", sagt der Van-Chef. Doch auf festgelegten Routen in einzelnen Stadtvierteln oder auf privaten Werksgeländen sei der Einsatz schon deutlich früher möglich.

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insgesamt 22 Beiträge
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Theophanus 10.09.2018
1. Und wieder...
...zeigt die deutsche Automobilindustrie, die so gern von einigen vernichtet werden soll, dass sie innovativ und zukunftsorientiert ist und keineswegs von irgendjemand abgehängt wird...schon zweimal nicht von Tesla...
Newspeak 10.09.2018
2. ....
Das Ding ist sowohl fuer den Personen- als auch Guetertransport viel zu klein und uennoetig aerodynamisch und verschenkt damit Platz, um von echtem Nutzen zu sein. Sieht so als, als ob es fuer Tempo 200 auf der Autobahn optimiert wurde, obwohl es in der Innenstadt sicher nie mehr als 50 fahren wird. Wenn man wissen will, wie Logistik Experten Transporter konstruieren, sollte man sich die von UPS etc. anschauen. Mercedes konstruiert eine sinnlose Studie, damit die Vorstaende von der Zukunft schwafeln koennen, waehrend sie mit Methoden aus der Vergangenheit die Umwelt vergiften und ihre Kunden betruegen.
spon.teh-ir 10.09.2018
3. Designer freut sich - der Ingenieur lacht - der BWLer weint
Vom Business-Case her viel zu kompliziert, von der TEchnik her wohl eher fragwürdig. Sieht aber toll aus. Vielleicht sollte man Innovation aber eher aus der Richtung Business Case > Technik > Design denken als andersurm
legtsichauchwieder 10.09.2018
4. @Theophanus
Ich würde die paar hübschen Bildchen nicht als Beweis sehen, dass die deutsche Automobilindustrie mega innovativ und zukunftsorientiert ist. Und noch was: Vollautonome Fahrzeuge in unseren Städten sind mittelfristig weder realistisch, noch lösen sie unsere Verkehrsprobleme.
three-horses 10.09.2018
5. Konstrukte für die Katz.
Zitat von Theophanus...zeigt die deutsche Automobilindustrie, die so gern von einigen vernichtet werden soll, dass sie innovativ und zukunftsorientiert ist und keineswegs von irgendjemand abgehängt wird...schon zweimal nicht von Tesla...
Ja, 2x daneben. Und 2x sinnlos. Buss, Transporter und am Wochenende ein Leichenwagen, für die Auto Industrie. Das hatte Daimler unterschlagen. Konstrukte für die Katz.
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