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Autos mit Motorradtechnik: Vermählung mit einem Biest

Von

Suzuki Swift Hayabusa: Feuerstuhl auf vier Rädern Fotos
Tom Grünweg

Suzuki hat den Motor des Brachial-Bikes Hayabusa in den Kleinwagen Swift verpflanzen lassen - entstanden ist ein kaum zu beherrschender Flitzer. Auch andere Hersteller setzen auf die Liaison von Auto und Motorrad.

Dieser gelbe Suzuki Swift sieht auf den ersten Blick aus wie einer dieser PS-Winzlinge, die sich mit Vollgas-Accessoires interessanter machen wollen, als sie eigentlich sind: Flippige Aufkleber ringsum, eine Lufthutze auf dem Dach, am Heck ein monströser Spoiler. Aber der Eindruck täuscht.

Wenn der Motor des Zwergs anspringt, klingelt es in den Ohren. Denn hier brabbelt kein typischer Kleinwagenmotor, sondern das getunte Triebwerk des Extrem-Motorrads Suzuki Hayabusa - mit bis zu 11.000 Touren. Im Zweirad leistet der 1,3-Liter-Vierzylinder-Saugmotor 200 PS, für den Einsatz im Auto wurde das Aggregat mit einem Turbolader versehen und entwickelt nun 330 PS. Das klingt irrwitzig. Und so fährt sich der Wagen auch.

Das Biest ist direkt hinter den Schalensitzen positioniert - dort wo sonst Rücksitzbank und Kofferraum sind. Es gibt keine Dämmung, auch keine Unterstützung für Lenkrad oder Bremsen. Es gibt nur das 900 Kilo schwere Fahrzeug und den brachialen Motor.

Das Kleinkalibergerät mit Heckantrieb beschleunigt nicht nur explosiv - von 0 auf 100 km/h in weniger als vier Sekunden -, sondern lenkt auch so. Das Auto flippert derart vehement in die Kurven, als hätte ein Riese mit dem Finger gegen das Heck geschnippt. Wer nicht höllisch aufpasst, dreht schon in der ersten Runde Pirouetten.

Um das Auto auf Kurs zu halten, muss man dazu auch noch den Motor und das sequenzielle Sechsganggetriebe bändigen. Geschaltet wird per Drucktasten am Lenkrad, links rauf, rechts runter. Die Kupplung funktioniert sozusagen digital - es gibt praktisch kein Spiel.

Glücklich verheiratet

Hinter dem Projekt steckt der Rallye-Profi Niki Schelle, der den Wagen gemeinsam mit einem englischen Rennstall gebaut hat. Fünf Wochen dauerte der Umbau. "Was anfangs ganz einfach klang, wurde zum Ende hin doch ziemlich schwierig", sagt Schelle. "Schließlich haben wir nicht nur den Antrieb von vorn nach hinten verlegt und einen anderen Motor eingebaut, sondern diesen Motor auch noch zu einem Turbo umgerüstet und Auto- und Motorradtechnik verheiratet."

Nun ist das aus einer Schnapsidee geborene Projekt fertig, sorgt für allerlei Furore, und Suzuki-Marketing-Mann Christian Andersen ist hochzufrieden. "Wir wollten einfach wissen, ob das überhaupt geht, und Niki war verrückt genug, sich darauf einzulassen." Rund 50.000 Euro kostete das wilde Mobil - viel weniger als andere extreme Sportwagen. Doch der Swift mit Hayabusa-Motor wird ein Einzelstück bleiben, in den Verkauf kommt der Wagen nicht.

Warum Motorräder für Autobauer interessant sind

Doch die Verquickung von Auto und Motorrad liegt derzeit im Trend, wie weitere Beispiele zeigen:

  • BMW nutzt den Zweizylinder-Motor aus einem hauseigenen Rollermodell als optionalen Reichweitenverlängerer für das Elektroauto BMW i3. Der auf 34 PS gedrosselte Motor treibt immer dann einen Generator an, wenn der Strom in den Akkus zur Neige geht, und vergrößert so den Aktionsradius des Karbon-Kleinwagens.

  • Audi hat die italienische Motorradmarke Ducati gewiss nicht nur deshalb gekauft, um sie dem Mercedes-Ableger AMG wegzuschnappen, sondern hofft nach Angaben der Ingenieure in Ingolstadt auf einen Know-how-Transfer. Konkret sind die Autobauer neben Motorentechnologien vor allem am Wissen um Leichtbau und Fahrwerksregelungen interessiert.

  • Dem Suzuki-Projekt am nächsten kommt jedoch ein Gedankenspiel von Ferdinand Piëch. Der VW-Patriarch hat seinen Studierenden an der TU Wien vor ein paar Semestern die Skizzen eines besonderen VW XL1 gezeigt. Statt eines Plug-in-Hybridantriebs mit Zweizylinder-Diesel hatte das von Piëch vorgestellte Fahrzeug den 195 PS starken V2-Motor aus der Ducati Panigale. Mit dieser Motorisierung würde das Leichtbau-Spritsparmobil zur ultimativen Rennzigarre.

In Wolfsburg zweifelt niemand daran, dass der Aufsichtsratschef die Skizze nicht ohne Hintersinn präsentierte. Womöglich wird an dem Projekt längst gearbeitet: Wer Piëch kennt, weiß, dass selbst solche Spaßmobile für ihn eine ernste Sache sind. Bald könnte also die nächste Hochzeit anstehen - Auto- und Motorradtechnik werden in Zukunft öfter verheiratet werden.

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insgesamt 29 Beiträge
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1.
kdshp 27.08.2014
Gähn! Es wird doch langweilig denn das thema ist ja so was von ausgreitzt. Man könnte heute 10.000 PS in ein auto einbauen wenn man wollte und oder es etwas bringen würde. Da wundert es mich nicht das die heutige jugend kein interesse mehr am auto hat denn die haben andere wünsche als diesen PS wahnsinn der generation Ü30.
2. Radical
stammeskrieger 27.08.2014
Die Firma Radical hat das Konzept "Motorradmotor im Auto" auf die Spitze getrieben: http://www.radical-sportscars.de/ und das Beste: die Autos haben eine Straßenzulassung...
3. Wie langweilig
indy555 27.08.2014
Mal nen richtigen Mini (1959-2000) mit so einem Motor gefahren? Dagegen ist der schwere unbewegliche Suzuki ein Rollator.
4. Hayabusa im Auto
patrick6 27.08.2014
Sowas gibts auch ne Ecke schärfer: Echter Mini mit Hayabusa-Motor. https://www.youtube.com/watch?v=Q_DmhJUp-T8
5.
3-plus-1 27.08.2014
Bei VW erwarte ich einen weiteren Auto-Motorrad-Transfer: Der XL1 wird von einem 48-PS-Motor angetrieben, der genau die 48 PS der neuen Einstiegsklasse für Motorräder liefert. Es würde mich doch sehr wundern, wenn nicht VW/Audi unter dem Ducati-Logo einen Sportroller (ähnlich BMW, vom Anspruch aber eher an den Kawasaki J300 angelehnt) bringt, der mit beim VAG Partner im Showroom stehen kann und auch den typischen Kunden des Konzerns als Zweitfahrzeug anspricht.
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