Targa Florio Glühende Landschaften

Sizilien ist bekannt für so unterschiedliche Dinge wie den Marsala-Wein, den Vulkan Ätna oder die Verbrecherorganisation Mafia. Motorsportfreunde vermissen in solchen Aufzählungen die Targa Florio. SPIEGEL ONLINE war auf der historischen Rennstrecke unterwegs.

Von Jürgen Pander


An der Straße, die sich in weiten Schwüngen von der Küste hinauf nach Cerda schraubt, stehen in einer knackigen Linkskurve die alten Tribünen. Es muss ein erhebendes Gefühl gewesen sein, unter den Augen vieler tausend Zuschauer um diesen Knick zu jagen und beim Herausbeschleunigen den Motor so laut wie möglich aufkreischen zu lassen, einen Wirbel aus Staub, Hitze und Benzingeruch zurücklassend. "Sie waren alle Helden", sagt Catanzaro Antonio, und dann rattert er die Namen Dutzender von Rennfahrern herunter, die hierher kamen, um mit Vollgas durch seine Heimat zu jagen.

Signore Antonino verehrt die Targa Florio geradezu, jenes legendäre Autorennen, das vor 100 Jahren zum ersten Mal ausgetragen wurde. Die Idee dazu hatte der steinreiche Sizilianer Vincenzo Florio, der eine 148 Kilometer lange Strecke durch das Hinterland seiner Heimatstadt Palermo auskundschaftet hatte. Es waren holprige Wege durch die Madonien-Berge, auf denen zu dieser Zeit vor allem Eselskarren unterwegs waren. Doch der vom Motorsport begeisterte Vincenzo Florio setzte Preise im Gesamtwert von 50.000 Lire aus – damals ein stattliches Vermögen - und so standen am 6. Mai 1906 tatsächlich zehn Automobile am Start.

Um sechs Uhr am Morgen jagte der erste Wagen auf die Piste, die anderen folgten in jeweils zehn Minuten Abstand. Drei Runden galt es zu fahren, insgesamt also 444 Kilometer. Es ging durch Bergdörfer wie Cerda und Sicula, durch Caselbuono und Isnello. Die Fahrer konnten sich an Fähnchen und Wimpeln orientieren - und waren ansonsten vor allem damit beschäftigt, ihre Autos auf der Fahrbahn zu halten oder zu reparieren. Nach 9 Stunden und 32 Minuten erreichte Alessandro Cagno aus Turin auf einem Itala als erster das Ziel in Buonfornello - seine Durchschnittsgeschwindigkeit betrug gut 46 km/h.

Über 900 Kurven durch die Glut der Madonien-Berge

Was das bedeutet haben muss, kann man noch heute ermessen, wenn man die Strecke in Angriff nimmt. Viele Kurven sind haarsträubend, fast immer sind sie unübersichtlich, es gibt kaum einmal eine längere Gerade und stetig steigt oder fällt das Gelände. Bis 1977 wurde die Targa Florio fast in jedem Jahr im Mai gestartet; zwischen 1955 und 1973 zählte der Klassiker auf Sizilien sogar zur Sportwagen-Weltmeisterschaft. Den Rundenrekord auf dem Höllenkurs – der allerdings ab 1932 auf eine 72 Kilometer lange Runde mit immer noch angeblich 900 Kurven eingedampft worden war – hält der Finne Leo Kinnunen, der 1970 in einem Porsche in 33 Minuten und 36 Sekunden durch die karge Landschaft knallte.

Wer heute diese Strecke in Angriff nimmt, sollte ausgeschlafen und konditionsstark sein. Denn trotz des inzwischen auf weiten Teilen der Runde tadellosen Asphaltbelags kostet es eine Menge Konzentration, in einer sauberen Linie durch die Kurven zu kommen, dabei die Motordrehzahl im korrekten Bereich zu halten und dabei zu allererst und vor allem auf den übrigen Verkehr zu achten. Irgendwelche Zeitvorgaben sollte man sich von vornherein aus dem Kopf schlagen – die Berge sind zu reizvoll und die Orte zu pittoresk, um einfach nur vorbeizueilen.

Galerie der Helden auf verblichenen Fotos

Auf jeden Fall sollte ein Stopp bei Catanzaro Antonino in Cerda eingelegt werden. An der Hauptstraße im Ortszentrum – also dort, wo früher auch das Rennen vorbeiführte - hat er sein "Museo Vincenzo Florio" eingerichtet, einen kühlen Kellerraum voller Fotos, Zeitungsausschnitte und Überbleibsel aus der Boxengasse: Helme und Lenkräder, ein Rennoverall und Benzinkanister. Es gibt ein Modell der ehemaligen Start-Ziel-Geraden in Buonfornello und natürlich die temperamentvollen Erläuterungen von Herrn Antonino, der die Besucher am liebsten selbst durch seine Schatzkammer führt.

Praktischerweise liegt über dem Museum ein Café, wo sich die Pause zwischen der Runde durch die Madonien-Berge bei Espresso oder ein paar Panini noch etwas ausdehnen lässt. Und dann geht es wieder los, hinauf nach Caltavuturo zum Beispiel, wo man entweder nach links abbiegt um auf der kürzeren Runde wieder zurück Richtung Küste zu kommen, oder geradeaus weiterfährt Richtung Südosten, um über Castellana Sicula, Petralia Soprana, Geraci Siculo, Castelbuono und Isnello den klassischen Kurs zu absolvieren, der bereits vor hundert Jahren den Automobilisten und ihren Wagen eine ganze Menge abverlangte.

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