"Tatort"-Faktencheck So realistisch war der Auto-Mord

Im Bremer "Tatort" macht ein labiler Lackierer mit einem Killerauto die Straßen unsicher. Wie wirklichkeitsnah sind die Umbauten? Ein Gearhead-Faktencheck.

ARD/ RB

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Das Auto als Schwanzverlängerung - dieses gern bemühte Bild bekommt im Bremer "Tatort: Nachtsicht" eine neue Bedeutung, denn Lackierer Kristian Friedland (Moritz Fürmann) hat eine besonders düstere sexuelle Ausprägung: Er steht drauf, wenn andere Leute drunter liegen - unter seinem Auto. Deswegen hat er sich eine Killermaschine zurechtgebastelt, mit der er nachts auf verlassenen Straßen Jagd nach Menschen macht. Getuned wurde der Wagen nicht auf Leistungs-, sondern Luststeigerung: zum Beispiel mit einer Plexiglasscheibe unter dem Beifahrersitz für freien Durchblick auf das zermatschte Opfer.

Vorneweg ein Lob: Autokultur in der Fernsehserie - das gibt oft einen Totalschaden. Da werden Klischees und gefährliches technisches Halbwissen so dilettantisch mit hölzern vorgetragenem Fachvokabular zusammengeschweißt, dass Kenner vor Fremdscham in den Fernsehsessel gepresst werden. Das haben die Drehbuchautoren weitgehend umfahren. Diesen "Tatort" kann man sich auch und gerade als Auto-Fan gut angucken.

Klar, die Verbeugung vor "Death Proof" ist nicht zu übersehen. Das dunkle Auto, die nächtliche Jagd, bei der die Fahrzeugleuchten ausgeschaltet werden bis zu dem Moment, wo sich Opfer und Tötungsmaschine gegenüberstehen - das kennt man aus Quentin Tarantinos Autoklassiker. Aber die "Tatort"-Macher haben es nicht bei einem einfachen Plagiat belassen, sondern die Idee mit Liebe zum Detail weiterentwickelt. Die Schnitte, die Einstellungen, der Sound während der Jagdszenen - fast noch gruseliger als beim Original.

Was ist das überhaupt für ein Auto?

Basis für das Killer-Car in "Nachtsicht" ist ein BMW der Baureihe E28. Die zweite Generation der sogenannten Fünfer-Reihe wurde von 1981 bis 1987 gebaut und war maßgeblich mitverantwortlich für die Begründung des Mythos Reihensechszylinder bei BMW: Obwohl ein Mittelklassefahrzeug, wurden beim E28 überdurchschnittlich viele, auch kleinvolumige Sechszylindermotoren verbaut. Davon ist bei Friedmans Exemplar allerdings nichts mehr zu sehen: Der Verbrennermotor wurde aussortiert und das Fahrzeug auf Elektroantrieb umgebaut.

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PS-"Tatort": Black Rider auf Crashkurs

Damit ist der Wagen auf der Pirsch fast lautlos unterwegs, dann nur noch begleitet von einem leisen, diabolischen Pfeifen. Zusätzlich hat Friedman versucht, eine radarabweisende Farbe zusammenzurühren, mit der der Wagen lackiert wurde. Deren Wirkung, das stellen die Ermittler später fest, ist eher überschaubar, das tut der düsteren Erscheinung des Wagens aber keinen Abbruch. Damit der Möchtegern-Stealth-Fighter auf Rädern im sonstigen Straßenverkehr nicht zu sehr auffällt, ist ein Soundmodul verbaut, das auf Knopfdruck über Lautsprecher den Klang eines Sechszylindermotors abgibt.

Ein durch Blechplatten verkleideter Unterboden, eine Stoßstange à la "Mad Max" aus schwarz lackiertem Rundstahl - die Requisite hat sich wirklich Mühe im Detail gegeben. Ein gutes Händchen bewies sie auch bei der Wahl des Basisfahrzeugs: Der BMW E28 hat schon im Serientrimm wegen seiner fliehenden Front und den hervorstehenden Doppelscheinwerfern einen bösen Blick.

Aber kann man ein X-beliebiges Auto zum Elektroauto umrüsten?

Es lassen sich jedenfalls viele Autos zum Elektroauto umrüsten - wenn man Kosten und Mühen nicht scheut. Ein ziemlich prominentes Exemplar ist der "White Zombie", ein Datsun 1200 von 1972, der komplett entkernt und zum Elektroauto umgerüstet die Dragstrips der USA unsicher macht. Mit einer Beschleunigung von null auf hundert km/h in 1,8 Sekunden ist es eines der schnellsten straßenzugelassenen Elektroautos der Welt.

Aber es gibt auch weniger extreme Umbauten. Die Firma Citysax aus Dresden hat beispielsweise in einer Kleinserie von 24 Stück den Chevrolet Matiz von Verbrenner- auf Elektromotor umgerüstet und wandelt unter anderem auch Trabant vom pötternden Zweitakter zum surrenden Stromer um. Der Aufwand für so eine Umrüstung ist unterschiedlich: Zwischen zwei und vier Wochen dauern die reinen Arbeiten, wird die Konzipierung eingerechnet, kann es bis zu einem halben Jahr dauern.

Und was sagt der TÜV dazu?

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"Tatort"-Faktencheck: Das Auto als Mordwaffe - geht das?

Derartige Umbaumaßnahmen heißen im Beamtendeutsch "technische Änderung" und bedürfen einer Abnahme durch zugelassene Prüfer und eine Eintragung im Fahrzeugschein. Wenn der Umbau nicht dürftig zusammengestrickt, sondern solide durchgeführt und dokumentiert ist, steht einer Legalisierung solcher Eingriffe nichts im Wege.

Ob diese beim Killer-BMW stattgefunden hat, sagt der Film nicht eindeutig. In den Jagdszenen ist Fahrer Friedmann ohne Nummernschilder unterwegs. Als er den Wagen nach einem Zwischenfall am Tatort zurücklässt, nimmt er nur sein Nachtsichtgerät und einen Rucksack aus dem Kofferraum mit, aus dem Nummernschilder herausragen. Klar ist: Wäre Friedmann in eine Polizeikontrolle geraten (die bei modifizierten Fahrzeugen bevorzugt durchgeführt werden) und hätte keine Abnahme vorweisen können, wäre es mit dem Stealth-Mode aber sofort vorbei gewesen.

Alles realistisch also?

Nicht ganz. An diesen Stellen haben sich die Macher von "Nachtsicht" eine gewisse künstlerische Freiheit eingeräumt:

  • Der BMW übersteht die meisten Feindkontakte überraschend gut. Im Intro des "Tatort" sieht man Friedmann den Wagen waschen - das Wasser färbt sich rot vor Blut. Auch tauscht er einen Scheinwerfer aus, der zersplittert und mit Blut besudelt ist. Verformungen am Blech sind aber keine zu beobachten. Das sähe in der Realität wohl anders aus. Zwar hat Friedmann die normale Stoßstange durch eine robustere Eigenbaulösung ersetzt, doch Fahrzeugfront, Motorhaube und Windschutzscheibe müssten heftiger in Mitleidenschaft gezogen werden. Wer schon einmal einen Wildunfall gesehen hat, weiß, wovon die Rede ist.
  • Im Motorraum des BMW wird auf einem großen Digitaldisplay die Zahl 12,9 gezeigt. Die Art der Montage und die Größe der Anzeige suggeriert, dass es sich dabei um das zentrale Überwachungsmodul für den Antrieb handelt. Das kann es aber unmöglich sein. Elektroautos haben zwar auch ein Bordnetz mit 12 Volt, über das zum Beispiel die Scheinwerfer, die Lüftung und ein großer Teil der Bordelektronik läuft. Das Herzstück aber, der Antrieb, operiert mit ganz anderen Voltzahlen und einem zweiten Netz. 96 Volt sind bei kleineren Fahrzeugen üblich, größere und leistungsstärkere Flugzeuge fahren mit bis zu 600 Volt.
  • Im Kofferraum sind die Batteriepakete des leisen Jägers untergebracht - reingestellt in Plastikkisten à la Curver Unibox Klassik. Das ist natürlich Kokolores, weil eine für ein derartiges Energiedepot vollkommen unzureichende Lagerung. Wenn bei einem Aufprall die Batteriepakete und damit dann auch die Blitze durch das Auto fliegen, ist das bestimmt eine prickelnde Erfahrung. Aber nicht im Sinne des Erfinders Friedmann.
  • Bei der kriminaltechnischen Untersuchung klopft die von Luise Wolfram gespielte BKA-Expertin Linda Selb bedeutungsschwer an den Auspufftopf und sagt: "Totale Attrappe." Leider hört jeder, der schon mal unter einem Auto gelegen und gegen den Auspuff geklopft hat, dass der Topf im Film keine ausgeräumte Attrappe ist, sondern ein ganz normaler Auspuff - nur ohne Anschluss an den Motor. So wird es eine Geste aus der Welt der "Tyre Kicker" - so nennen die Amerikaner Kaufinteressenten von Gebrauchtwagen, die von der Materie keine Ahnung haben und das Auto mit gefährlichem Halbwissen schlechtreden, um den Preis zu drücken - und dann beim Rundgang ums Auto fachmännisch posierend, aber natürlich vollkommen sinnlos, gegen den Reifen treten. Ähnlich absurd wirkt das Geklopfe von Luise Wolfram. Aber es ist - und das ist durchaus eine Leistung - die einzige Panne dieser Art im Film.


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
fantomas1972 13.03.2017
1. Gefährliches technisches Halbwissen...
...hat auch der Autor bewiesen, indem der BMW einmal als E38, dann ein paar Zeilen später als E28 bezeichnet wird. Ein Blick in Wikipedia hätte genügt. E28 ist richtig. E38 ist die dritte Modellreihe des BMW 7ers.
arnedererste 13.03.2017
2. Voltzahl
Das heißt Spannung!
m.w.r. 13.03.2017
3. Aha!
"...Beschleunigung von null auf hundert Km/h .." Da fehlt dann doch noch die Zeit in Sekunden. So macht dieser Satz keinen Sinn.
Benjowi 13.03.2017
4.
Zweifellos ein gruseliger Film und die Handlung ist leider wohl nicht völlig undenkbar. Was die Technikkritik angeht, ist der Hinweis auf die Gleichspammumgsebene des Elektroantriebs nicht ganz richtig-es gibt durchaus bereits ca. 100 kW-Antriiebe-wenn auch nur als Prototypen, die mit einer Nenngleichspannung von 48 V betrieben werden.
roby111 13.03.2017
5. ... die einzige Panne im Film...
möglicherweise, aber SPON sei Dank nicht nur eine einzige Panne im Artikel, sondern eine sehr peinliche Aufreihung von gefährlichem Halbwissen! Es fängt damit an, das der BMW wahlweise als E38 und -etwas korrekter- als E28 bezeichnet wird. Die "zweite" Generation des 5ers ist der E28 aber auch nur auf den ersten Blick, da er lediglich ein Facelift des E12 ist und somit technisch gesehen zur ersten Generation des 5ers gehört... Natürlich wurden auch im E28 viele Reihensechszylinder verbaut, aber ob ausgerechnet diese biedere Mittelklasse damit den Ruf von BMW und die Verbindung zum Reihensechszylinder manifestiert hat, das sei doch stark bezweifelt, denn Reihensechser stehen seit den 30er Jahren für BMW und wurden parallel auch im ersten Dreier, dem E21 verbaut, dort also in einer "Kompaktklasse", das war damals wirklich neu! Auch am "bösen Blick" des E28 sei gezweifelt: Zum Einen ist diese Phrase ein Produkt der 90er und kommt aus der Proll-Tuning-Szene rund um Golf, Escort, Kadett & Nachfolger und bezeichnet üblicherweise oben teilverkleidete Rechteck-Scheinwerfer oder wie man die Designergüsse seitdem nennen kann. Klassische BMW-Doppel-Rundscheinwerfer haben zwar durchaus das, was man "Überholimage" nennt, aber als bösen Blick bezeichnet man das eben nicht! Sechs setzen! Munter weiter geht es bei der Erwähnung des elektrifizierten Japaners, der "mit einer Beschleunigung von 0 auf 100km/h der schnellste..." sein soll. Nur: Wo steht denn nun diese Beschleunigung? Oder geht der Wagen nur 100km/h und die Botschaft ist eher eine andere? Auch hier wieder: Vom Fach ist der Author sicherlich nicht! Dann Thema Feindkontakte: Es wird bemängelt, das der Wagen diese zu gut übersteht. Zum Einen ist das wohl künstlerische Freiheit der Verkürzung (immerhin werden ja Schäden gezeigt und auch vom Protagonisten behoben!), zum Anderen lässt sich die Fahrzeugfront durchaus härter gestalten, der Entfall des schweren Verbrenners würde dazu auch ein gewisses Gewichtspotential freisetzen, das allein schon zur Wiederherstellung eines ausgeglichenen Achslastverhältnisses doch zur Nutzung einlädt! Also durchaus keine "Sciene-Fiction", sondern eher das, was ganz früher normal war: Autos überstanden Crashs recht gut, nur die Fahrer waren dann tot aufgrund der hohen auftretenden Beschleunigungen... An der Stelle allerdings ist der Author, wohl ohne es zu wissen, auf der richtigen Fährte: Der BMW E12 war eines der ersten auf Crash-Verhalten hin optimierten Grosserienfahrzeuge überhaupt. BMW hat dem deutschen Museum schon vor über 30 Jahren deshalb mehrere E12 Karossen und zum Vergleich die eines "Barockengels" der 50x-Serie der 50er/60er Jahre überlassen, anhand derer man die Wirkungen eines Front-Crashs gut vergleichen kann (und dabei lernt, das sich das Auto für den Fahrer sozusagen opfert). Das lässt sich natürlich "rückbauen"... Allerdings bleibt ein Mangel an Realität vom Author unbeleuchtet: Niedrige Fahrzeuge, wie der BMW E12/28 es definitiv ist, sorgen beim Fussgänger-Crashs dafür, das das Opfer im hohen Bogen über das Fahrzeug katapultiert wird...
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