Taximarkt Das Schrumpfen der Sterne

Wenn schon Taxi fahren, dann doch bitte in einem Mercedes. Eigentlich gehören für Kunden und Betreiber der Stern auf der Haube und das Taxi-Schild auf dem Dach zusammen wie ein altes Ehepaar. Doch nur noch zwei von drei Droschken können mit dieser Kombination aufwarten.

Von Sabine Neumann


Von der einstigen Alleinherrschaft auf dem Markt der elfenbeinfarbenen Autos sind dem Stuttgarter Hersteller nur noch gut 60 Prozent geblieben. Wer als Kunde Wert legt auf eine Fahrt im Mercedes-Taxis, sollte bei der Vermittlung ausdrücklich einen Benz anfordern. Ansonsten ist die Wahrscheinlichkeit, dass zum Beispiel ein Volkswagen vorfährt, ziemlich hoch. Denn in den vergangenen Jahren bestimmen vor allem Touran, Passat und sogar Sharan immer mehr die deutsche Taxi-Landschaft.

Seit der Einführung spezieller Taxi-Programme vor sieben Jahren konnten die Wolfsburger ihren Anteil auf mehr als 20 Prozent verfünffachen. Selbst Opel - einst ein Nobody in diesem Gewerbe und erst seit kurzem sehr aktiv auf diesem Parkett - kommt nach Schätzung von Thomas Grätz, Geschäftsführer des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbandes e.V. (BZP), auf immerhin acht Prozent. Den Rest der etwa 50.000 Droschken hierzulande teilen sich die anderen Hersteller ohne Dominanz einer Marke.

Taxis in Wartestellung: Der Mercedes-Anteil ging auf gut 60 Prozent zurück
DPA

Taxis in Wartestellung: Der Mercedes-Anteil ging auf gut 60 Prozent zurück

Dabei ist die einhellige Meinung bei den Taxiverbänden, dass der Traum aller Taxibetreiber ein Platz hinterm Steuer eines Mercedes sei. "Wer finanziell irgendwie kann, der wechselt auch wieder die Marke", sagt Peter Kristan, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Taxiverbands (TVD). Vor allem die E-Klasse genieße immer noch den Ruf, "das schönste Auto für diesen Job" zu sein. Eine Liebeserklärung, die umso erstaunlicher ist, als es doch gerade dieses Modell war, das den Niedergang der Marke als Taxi-Hersteller eingeläutet hat.

Abgesehen von Fehlern in der Kundenbetreuung litt die aktuelle Generation des Taxiklassikers anfangs unter beträchtlichen Qualitätsschwierigkeiten; vor allem die Elektronik hatte ihre Tücken. Selbst den Werkstätten war häufig unerklärlich, warum die Aggregate urplötzlich auf Notlauf schalteten. Und lange Reparaturstandzeiten sind Gift für den Taxiumsatz.

"Nach Abzug aller Kosten verdienen Taxler heutzutage etwa drei Euro in der Stunde", behauptet Kristan. Kostensteigerungen von bis zu 50 Prozent seien angeblich nie an die Kunden weitergegeben worden. Indessen habe es allein durch die Einführung des Euros Einbußen bei den Umsätzen von bis zu einem Drittel gegeben. Auch die Kundschaft wird spärlicher. "Heute fährt doch nur noch derjenige Taxi, dem alle andere Alternativen zur Mobilität fehlen." Tagsüber seien das meist Touristen und Geschäftsreisende, die sich in einer fremden Stadt nicht auskennen, oder Leute, die aufgrund körperlicher Einschränkungen die öffentlichen Verkehrsmittel nicht nutzen können. Und nachts würden nur jene ein Taxi rufen, die verstanden hätten, dass "das Taxientgelt billiger als der Führerscheinverlust" sei.

Kombis und Vans sind bei Taxiunternehmern beliebt

Zurückgehende Einnahmen, verändertes Kundenverhalten - auch das sind Gründe für die Verschiebungen innerhalb der Modellpalette des Taxigewerbes. Für den Transport von sperrigen Gegenständen, Flughafenfahrten mit Gepäck, Behindertentransporte mit Rollstuhl oder Kneipentouren mit der Freundesclique ist die klassische Limousine denkbar ungeeignet. Etwa zehn Prozent der Taxler haben ihren Arbeitsplatz deshalb zumindest in einen Kombi verlegt. Doppelt so viele wiederum schätzen die Flexibilität eines mehrsitzigen Vans, wie sie ein VW Touran, Opel Zafira oder Fiat Ulysse bieten. Mit den Modellen Viano oder Vito konnte sich Mercedes nur sehr begrenzt behaupten - die Fabrikate sind vielen Taxiunternehmern schlicht zu teuer.

BZP-Geschäftsführer Grätz muss allerdings zugeben, dass die Negativserie mit der E-Klasse in eine für Mercedes ungünstige Zeit fiel: "Quasi zeitgleich kam VW sowohl mit dem Touran als auch mit einem eigens auf die Taxi-Bedürfnisse zugeschnittenem Stützpunktsystem auf den Markt." Und Service sei in diesem Geschäft manchmal entscheidender als Markenimage. "Ein aktiver Händler mit französischen, italienischen oder gar koreanischen Produkten kann regional mindestens ebenso erfolgreich sein wie die deutschen Wettbewerber, wenn er eine attraktive Rundum-Betreuung bietet", sagt Grätz.

Dem Mercedes-Niederlassungssystem mit eigener Taxiannahme und speziell ausgebildeten Meistern hat VW etwa 25 über das Bundesgebiet verteilte Händler entgegengesetzt, die bei Problemen mit den Autos als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Auch Opel bietet eine eigene Hotline mit speziell geschultem Personal für sämtliche Fragen rund ums Taxi. Doch noch interessanter dürfte das Angebot sein, im Falle des Ausfalls des eigenen Fahrzeugs innerhalb von vier Stunden mit einem Ersatzfahrzeug versorgt zu werden.

Trotz der erstarkten Konkurrenz geht BZP-Mann Grätz davon aus, dass der Anteil von Mercedes-Taxis wieder ansteigen wird: "Abgesehen von einer deutlich verbesserten Qualität in der jüngsten Vergangenheit ist die Preispolitik radikal umgestellt worden." Mit einem "Verwerterrabatt" von zwölf Prozent liegt das Angebot zwar immer noch deutlich hinter manch anderen Nachlässen zurück (VW gewährt bis zu 20 Prozent, Citroën 21 Prozent, Ford bis zu 24 Prozent Rabatt). Doch vor allem die "Edition Taxi" sorgt dafür, dass sich so mancher Taxler dann doch für Mercedes entscheidet.

Die Autos unterschiedlicher Baureihen werden mit einer festgelegten Motorisierung (Diesel und Erdgas) sowie Ausstattung (unter anderem Automatikgetriebe, Sitzheizung vorn, integrierte Kindersitze, Klimaautomatik) ausgerüstet, die die Wünsche der meisten Taxikunden erfüllen. Durch diese Standardisierung kann Mercedes die Autos deutlich günstiger als die normalen Serienmodelle anbieten. Kostet der 122 PS starke E 200 CDI für "Normalkunden" zum Beispiel 35.902 Euro, belastet die entsprechende Droschkenversion das Konto mit 31.204 Euro. Rabattschlachten werden also auch auf dem Taximarkt geschlagen.



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