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Tempolimit auf Autobahnen: Liebe macht blind

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A71 in Sachsen-Anhalt: Gegen ein Tempolimit gibt es keine rationalen Argumente

Wenn es um ein mögliches Tempolimit geht, pochen viele Deutsche mit vollkommen irrationalen Argumenten auf das Recht zum Rasen. Die Wahrheit ist: Es gibt keine guten Gründe gegen ein Tempolimit - und die Debatte darum erinnert leider stark an den Streit um schärfere Waffengesetze in den USA.

Immer wenn in den USA ein Mensch zur Waffe greift und wahllos unschuldige Mitmenschen tötet, wundern sich die Deutschen. Und echauffieren sich über den vollkommen irrationalen Umgang der Amerikaner mit ihren Schießeisen, dieser seltsamen Liebe, die nicht zu rechtfertigen ist. Wir schütteln den Kopf über die schlichten Argumente, mit denen Waffenbefürworter für ihr Recht kämpfen. So wie jenes, dass nicht die Waffen töten, sondern die Menschen, die abdrücken.

Und ja, diese Argumente sind bizarr, und man kann darüber zu Recht den Kopf schütteln. Nur: Wir Deutschen sollten nicht allzu laut lachen. Denn auch wir pflegen eine unverbrüchliche, höchst irrationale Liebe: zur unbegrenzten Beschleunigung auf deutschen Autobahnen. Und wir verteidigen sie mit genauso schlichten Argumenten, wie sich nach der Forderung von Sigmar Gabriel nach einem Tempolimit aktuell wieder zeigt.

Bundesverkehrminister Peter Ramsauer beispielsweise lehnt ein Tempolimit kategorisch mit der Begründung ab, dass deutlich mehr Menschen auf der Landstraße sterben als auf der Autobahn. Und ja, das stimmt natürlich, weil dort die Leitplanken fehlen und man bei einem Unfall mit großer Wahrscheinlichkeit in einem entgegenkommenden Auto oder am Baum landet.

Aber das ist Argumentieren auf dem Niveau der US-Waffenlobby. Sicher, es gibt zahlreiche Zahlen, mit denen sich halbseiden gegen ein Tempolimit argumentieren lässt. Die Anzahl der Verkehrstoten ist auf Autobahnabschnitten ohne Tempolimit um 28 Prozent höher als auf Strecken, auf denen nicht gerast werden darf. Selbst wenn der Unterschied lediglich ein Prozent betrüge, dann wären das immer noch genug tödliche Unfälle, die man mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit verhindern könnte.

Die Freaks sind wir

Das Festhalten am Recht zum Rasen ist auch deshalb so unverständlich, weil es keine echten Argumente gegen ein Tempolimit gibt. Der Verweis auf Zeitersparnis durch schnelleres Fahren zieht in der Realität nur in den seltensten Fällen. Meistens verhindert die Auslastung der Autobahnen ohnehin, dass man auf Abschnitten ohne Beschränkung entscheidend zügiger vorankommt.

Stattdessen wird beim Versuch, schneller voranzukommen, und beim ständigen Beschleunigen mit teilweise deutlich überhöhter Geschwindigkeit auf voranfahrende Auffahren und anschließendes Abbremsen unfassbar viel Energie nutzlos verschleudert. Allein wegen des verringerten Schadstoffausstoßes wäre es die Pflicht der Politik, ein Tempolimit einzuführen, statt es zu verhindern.

Zumal, das sei an dieser Stelle auch ins Bewusstsein gerückt, Deutschland damit nicht ein freakiger Vorreiter wäre. Im europäischen Ausland und auch sonst auf der Welt gibt es überall Tempolimits. Und wer einmal auf amerikanischen Highways unterwegs war, wo es zwar ein Tempolimit gibt, dafür aber kein Verbot, rechts zu überholen, kann ermessen, wie viel angenehmer das Reisen unter diesen Umständen ist.

Kein ständiges Abbremsen und Beschleunigen, selbst permanente Mittelspurfahrer sind kein Problem, auch der Stress entfällt, beim Überholen Ziel eines Hochgeschwindigkeitsgeschosses auf der linken Spur zu werden. Es ist ein gleichmäßiger, entspannter Verkehrsfluss.

Vor allem würde ein Tempolimit auch einen entscheidenden Einfluss auf die Produktpolitik der Autohersteller haben. Denn solange es noch irgendwo auf der Welt ein Land gibt, in dem man theoretisch so schnell fahren kann, wie man will, sieht sich die Autoindustrie offensichtlich verpflichtet, dieses Versprechen auch zu erfüllen. Wenn aber nirgends mehr Tempo 200, 250, 300 gefahren werden dürfte, würden ganz andere Motoren entstehen, die ganz anders abgestimmt sind und deutlich weniger verbrauchen.

Seltsamer Ruf nach Freiheit

Dabei geht es nicht darum, die Spaßbremse zu geben. Wer mag und es für wichtig hält, kann sich ja weiterhin Autos kaufen, die theoretisch 300 fahren - auch wenn er sie dann nicht mehr auf deutschen Autobahnen ausreizen kann. Aber in den für den Klimaschutz entscheidenden Fahrzeugklassen mit großem Absatzvolumen, hätte das gewiss Einfluss. Heute muss jede noch so schlichte Familienkutsche mindestens 180 fahren und bekommt einen entsprechend großen und starken Motor installiert. Das wäre dann passé.

De facto würde sich selbst bei einem Tempolimit von 120 die reale Reisegeschwindigkeit der meisten Menschen irgendwo zwischen 140 und 150 einpendeln, weil sich kaum jemand strikt an Tempolimits hält. 140 ist eine absolut ausreichende, komfortable Reisegeschwindigkeit.

Dass wir ihn absehbarer Zeit so entspannt dahinrollen, ist eher unwahrscheinlich. Zwar gibt es inzwischen zum Thema Tempolimit ein deutlich differenzierteres Meinungsbild als noch vor wenigen Jahren. Das Auto verliert als Statussymbol an Bedeutung, viele Menschen zeigen sich deswegen inzwischen gegenüber rationalen Argumenten offen.

Doch die Zahl der Unbeirrbaren ist immer noch groß, die Debatte hochgradig emotionalisiert. Viele Menschen fühlen sich offensichtlich bedroht, das zeigt der immer wiederkehrende Ruf nach der Freiheit (zum Rasen), die nicht eingeschränkt werden dürfe. Aber kommt uns dieser argumentative Gummiknüppel nicht irgendwie bekannt vor? Stimmt, aus der US-Waffendebatte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1538 Beiträge
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1. Fakten!!!
ddorfer_ 08.05.2013
Bevor die Diskussion in persönlichen Erfahrungsberichten untergeht, hier ein paar Fakten zum tatsächlichen Nutzen eines Tempolimits: Gäbe es bei einem Tempolimit weniger Staus? Nein. Würde ein Tempolimit den CO2-Ausstoß reduzieren? Der Straßenverkehr ist für etwa zwölf Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Nach Schätzungen würde der Anteil um maximal 0,3 Prozentpunkte sinken - bei einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 120km/h. Mit Tempo 130 wäre der Effekt noch geringer. Senkt ein Tempolimit die Zahl der Unfälle? 60 Prozent aller tödlichen Unfälle passieren auf Landstraße, auf denen bereits ein Tempolimit gilt. Dagegen rollen 31,6 Prozent des Verkehrs über die Autobahnen. Dort aber werden nur zwölf Prozent aller Verkehrstoten und 7,5 Prozent aller Verletzten gezählt. Zudem kommen in Deutschland auf eine Milliarde gefahrener Kilometer 3,1 Tote. In Österreich sind es 4,8 und in den USA 5,0. In beiden Ländern gelten auf der Autobahn Tempolimits bis zu 130 km/h. Und warum ist ein generelles Tempolimit nicht sinnvoll? Weil es dem Autofahrer nicht einleuchtet. Es ist sinnlos, jemanden auf vollkommen freier Strecke nach Paris zu Tempo 130 zu zwingen. Im Gegenteil: Studien haben ergeben, dass die eintönige Fahrweise dazu führt, dass die Fahrer ihr Großhirn abschalten und die Zahl der Unfälle zunimmt. Zudem weiß man nach Innenstadt-Versuchen mit generellem Tempo 30 aus Schweden, dass generelle Lösungen Aggressionen beim Autofahrer schüren.
2. doch es gibt sehr gute gründe dagegen
Straussenblatt 08.05.2013
nämlich der, dass ich selbst entscheiden darf wieviel benzin auf 100km ich verbrauche und niemand anders, allein mein geldbeutel hat da mitzureden. außerdem bin ich mündig und kann selbst entscheiden ob 240km/h zu fahren nur angebracht ist oder nicht
3. Sage nichts mehr gegen USA
sf2001 08.05.2013
Ok! Sollen die Amis doch ihre Waffen behalten! Und wir unsere Autobahnen, so wie sie sind. Punkt. Keine Wählerstimme für diesen Vorschlag. Ohne Begründung. Irrational. Einfach so. Hier bin ich auch mal dagegen.
4. Die Gründe für ein Limit bei 120 sind aber auch dünn
Booker_T 08.05.2013
Die Unfallschwerpunkte sind woanders, die meisten Autobahnen haben bereits ein Limit. Probleme sind zu dichtes Auffahren, also drastische Unterschreitung des Sicherheitsabstands, und zu schnelles Fahren bei schlechter Sicht (Nebel, Regen) und schlechtem Untergrund (Regen, Schnee).
5.
HighKingOfTara 08.05.2013
Zitat von sysopDPAWenn es um ein mögliches Tempolimit geht, pochen viele Deutsche mit vollkommen irrationalen Argumenten auf das Recht zum Rasen. Die Wahrheit ist: Es gibt keine guten Gründe gegen ein Tempolimit - und die Debatte darum erinnert leider stark an den Streit um schärfere Waffengesetze in den USA. Tempolimit auf Autobahnen: Liebe macht blind - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/tempolimit-auf-autobahnen-liebe-macht-blind-a-898824.html)
Natürlich gibt es gute Gründe gegen ein Limit: 1.) sind die deutschen Autobahnen entsprechend trassiert, höhere Geschwindigkeiten als 120 km/h sind problemlos möglich 2.) sind die Autobahnen die sichersten Straßen in Deutschland.
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CO2-Emissionen

Bei Neuzulassungen 2012 in Deutschland (Flotten-Durchschnitt in g/km):

 

 

Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt

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