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Tempolimit-Diskussion: Fehlentwicklung Auto

Von Jürgen Pander

Deutschlands Autofahrer schreien auf. Ein EU-Abgeordneter will Neuwagen eine Tempobremse verordnen. Dabei ist das Land der freien Fahrt für freie Bürger das Einzige in der EU, das noch nicht mal ein Tempolimit hat. Ein Unding, meint der Soziologe Wolfgang Zängl.

Wolfgang Zängl besitzt ein Auto. Und er fährt damit auch auf der Autobahn. "Aber ich rase nicht", sagt er. Zängl, Mitbegründer der Gesellschaft für ökologische Forschung, hat gerade ein Buch veröffentlicht. "Rasen im Treibhaus. Warum Deutschland ein Tempolimit braucht", heißt es, und es legt auf rund 200 faktenreichen Seiten dar, wie und warum in Deutschland Autoindustrie und Politik bis heute erfolgreich auf die "freie Fahrt für freie Bürger" pochen und jedwede abweichende Meinung als "ideologisch" brandmarken.

Die Argumente, die gegen ein Tempolimit vorgebracht werden, entkräftet Zängl gleich zum Auftakt. Zum Beispiel jenes, dass in Deutschland bereits 98 Prozent der Straßen tempobeschränkt sind. Betrachtet man alle Straßen, ist das richtig - doch auf rund zwei Drittel der etwa 12.000 Autobahnkilometern in Deutschland darf unbeschränkt gerast werden. Die Behauptung, ein Tempolimit würde nicht zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr beitragen, hält Zängl für menschenverachtend. "Weltweit zeigen Beispiele, dass bei einem Tempolimit die Unfallzahlen zurückgehen und damit die Zahl der Verletzten und Toten im Straßenverkehr."

Sogar für Deutschland gibt es Belege: Während der ersten Ölkrise in den Jahren 1973 und 1974 setzte der damalige Bundesverkehrsminister Lauritz Lauritzen vorübergehend ein Limit von 80 km/h auf Landstraßen und 100 km/h auf Autobahnen durch, um Energie zu sparen. Das Resultat: Im Vergleich von Januar 1973 zu Januar 1974 (als das Limit galt), gab es 61 Prozent weniger Getötete und Verletzte auf deutschen Straßen.

Hohes Risiko auf Autobahnen ohne Limit

Ebenso traurig wie erhellend ist auch diese Zahl: 70 Prozent aller tödlichen Unfälle auf Autobahnen ereignen sich auf Abschnitten ohne Tempolimit. Doch die Bundesanstalt für Straßenwesen hat die Erhebung der Durchschnittsgeschwindigkeit auf Autobahnen seit Jahren eingestellt. Der letzte Wert stammt aus dem Jahr 1995, da lag das Durchschnittstempo bei 134 km/h. "Wer heute auf der rechten Spur mit 120 km/h fährt und beobachtet, wie auf der linken Spur gebolzt wird, kann sich ungefähr ausmalen, wo der Durchschnittswert heute wohl liegt", sagt Zängl.

Ein Tempolimit, so der Soziologe, wäre auch der richtige Weg, um das akute Rohstoffproblem sowie das Klimaproblem anzugehen. Würde ein Limit von 120 km/h sofort eingeführt, könnten bis zum Jahr 2020 mindestens 40 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden, hat Zängl ausgerechnet. Denn rasende Autos brauchen rasend viel Sprit. Und pusten immense Mengen CO2 aus dem Auspuff.

"Die Industrie prahlt heute damit, dass ein aktuelles Automodell mit 200 PS so viel verbraucht wie ein vergleichbarer Pkw mit 100 PS vor zehn Jahren", sagt Zängl. So werde als Fortschritt gefeiert, was tatsächlich ein Rückschritt sei. "Stellen Sie sich vor, die Ingenieursleistung wäre der Sparsamkeit zugute gekommen. Dann würde das Auto heute immer noch 100 PS leisten, aber der Verbrauch wäre nur noch ein Drittel von dem des früheren Modells."

"Die Debatte ums Tempolimit ist eine Luxusdiskussion"

Insofern kann Zängl auch über die Behauptung, ein Tempolimit würde der deutschen Autoindustrie schaden und Arbeitsplätze vernichten, nur den Kopf schütteln. "Es wird die Zeit kommen, in der die Spritpreise sehr viel höher sind als heute und sich die Menschen einfach keine völlig übermotorisierten Autos mehr leisten werden. Nur wer bis dahin ökologisch verträgliche Fahrzeuge entwickelt hat, wird überhaupt noch Autos verkaufen." Es gehe um Downsizing, sagt der Wissenschaftler, aber gewiss nicht um Zweitonner mit mehr als 400 PS, die schneller als 250 km/h fahren.

"Ich halte das Auto für eine phantastische Entwicklung, aber es ist inzwischen eine Fehlentwicklung daraus geworden", erklärt der Autor. Wer sich ernsthaft mit dem Problem der schwindenden Rohölvorräte beschäftige, dem werde schnell klar, dass die Diskussion um ein Tempolimit oder darum, ob man es bei 120 oder 130 km/h festlegen solle, eine Luxusdiskussion ist. "Irgendwann kommt der Tag, an dem die Menschen vor dem Problem stehen werden, ihre Wohnung warm zu kriegen oder überhaupt noch ein Verkehrssystem aufrecht zu erhalten. Und wenn dieser Tag da ist, werden unsere Nachfahren uns verfluchen."

"Ein halbes Jahr Maulerei"

Natürlich ist ein Tempolimit auf der deutschen Autobahn noch nicht die Lösung dieses Problems, aber immerhin ein Teil der Lösung, argumentiert Zängl. Zudem habe es den Charme der großen Wirkung bei geringem Aufwand. "Schon allein die Aggressivität, die im Straßenverkehr verschwinden würde, wäre ein Tempolimit wert. Denken Sie nur daran, wie entspannt man in der Schweiz oder in Frankreich über die Autobahn fährt, und wie hektisch und gefährlich es wird, wenn man über die Grenze nach Deutschland kommt."

Selbst politisch schätzt Zängl das Risiko eines Tempolimits gering ein. "Ich glaube, dass auf ein Tempolimit in Deutschland ein halbes Jahr Maulerei folgen würde - und danach herrschte Ruhe und alle wären zufrieden."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes wurde aus einer Pressemitteilung des VCD die Information übernommen, wonach sich 70 Prozent aller tödlichen Unfälle auf Autobahnabschnitten ohne Tempolimit ereignen. Der VCD hat diese Aussage dahingehend korrigiert, dass sich 70 Prozent aller tödlichen Autobahn-Unfälle auf Abschnitten ohne Tempolimit ereignen. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

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