15 Jahre Tesla Showdown

Neuer Antrieb, eigene Tankstellen, Internetvertrieb: Mit Tesla hat der US-Milliardär Elon Musk die Autowelt verändert. 15 Jahre nach Gründung baut das Start-up nun auch Autos für die Masse - den Gründer interessiert das zunehmend weniger.

DPA

Vielleicht wird 2003 in der Geschichte des Automobils einmal so bedeutend wie das Jahr 1886, dem Jahr, das als Geburtsstunde des Pkw gilt. Damals, vor 15 Jahren, gründeten ein paar Querdenker in Kalifornien Tesla. Ein Start- up, das sich zum Ziel gesetzt hatte, den Verbrennungsmotor aus Autos zu verbannen.

Anfangs haben die Chefs der großen Autokonzerne nur gelacht über das kleine Team, dem der heutige Firmenchef, Elon Musk, als Gründer angehörte. Ein Nerd, der als Kind gehänselt wurde, dann aber durch Dotcom-Unternehmen zu einem der reichsten Amerikaner aufgestiegen war. Expertise im Autobau besaß der gebürtige Südafrikaner zu diesem Zeitpunkt keine.

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15 Jahre Tesla: Vom E-Auto-Hype zum Hyperloop

Doch mit Tesla nahm eine Bewegung Fahrt auf, welche die PS-Branche in ihren Grundfesten erschütterte und den Markt nachhaltig verändert hat - so viel lässt sich bereits sagen.

"Vor Tesla wurde die E-Mobilität mit Krankenfahrstühlen assoziiert"

"Elon Musk ist ein Pionier und hat die E-Mobilität salonfähig gemacht", würdigt Stefan Bratzel von der Hochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach die Verdienste von Musk. "Vor Tesla wurde die E-Mobilität mit Krankenfahrstühlen assoziiert, jetzt ist sie ein Zukunftsantrieb - sogar für Premiumhersteller."

Tesla startete seine Autoproduktion 2008 mit einem umgebauten Lotus Elise, dessen Energiespeicher aus handelsüblichen Lithium-Ionen-Akkus bestand. Im Sommer 2006 stellte das Unternehmen einen Prototypen des Wagens auf dem kalifornischen Flughafen Santa Monica vor. Bereits mit diesem Auto unternahmen E-Pioniere Langstreckenreisen und stellten die Haltbarkeit der Technik unter Beweis. Die mittlerweile erhältlichen Serienfahrzeuge Model S oder Model X schwimmen so selbstverständlich im Verkehr mit wie eine Mercedes S-Klasse oder ein BMW X5.

Produktion des Tesla Model S
Tesla Motors

Produktion des Tesla Model S

"Die Verfügbarkeit von Fahrzeugen, die eben keine Reichenweitenprobleme mit sich bringen, haben die globale, positive Meinungsbildung rund um E-Mobilität deutlich beschleunigt", ist Jan Burgard von der Strategieberatung Berylls in München überzeugt.

Seit dem verpatzten Start des Model 3 ist der Aufstieg ins Stocken geraten

Doch die verändernde Wirkung von Tesla auf die Autoindustrie geht über das Produkt hinaus. "Tesla hat auch sehr innovative und effiziente Vertriebs- und Kommunikationskanäle etabliert", ergänzt Henner Lehne vom Analysehaus IHS. Der Vertrieb läuft primär über das Internet. Statt miefige Autohäuser, bezog Tesla coole Stores in zentraler Lage und verteilt kostenlosen Treibstoff an den Superchargern, den eigenen Ladesäulen - das habe sich vorher noch kein anderer Hersteller getraut.

Vielleicht braucht es für solche einschneidenden Veränderungen einen Hauch von Größenwahn, wie ihn Firmenchef Elon Musk zu besitzen scheint. Von Kunden und Politikern wird der 47-Jährige fast wie ein Messias verehrt: "So einen Hype hat man in der eher traditionell agierenden Automobilindustrie bis dato nicht gesehen", sagt Lehne. "Das ermöglicht eine Bindung zwischen Hersteller und Kunde, von der jede andere Marke nur träumen kann." So habe Tesla quasi über Nacht eine Premiummarke in der ersten Liga aufgebaut, sagt Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. "Lexus übt das noch heute."

Zwar attestieren die Experten und Analysten Elon Musk und seiner Marke einen imposanten Erfolg. Ein Anstieg der Produktion von 211 Fahrzeugen im Jahr 2008 auf geplante 210.000 Einheiten in 2018 sei schließlich eine unglaubliche Wachstumsgeschichte - auch, wenn Tesla bisher keine Gewinne erwirtschaftet habe. Trotz hoher Schulden und ohne Profit habe das Unternehmen dennoch immer wieder neues Kapital generiert und so seine Visionen vorangetrieben, sagt Lehne. Spätestens seit dem verpatzten Start des Model 3 geht es nur schleppend voran.

Etablierte Hersteller bringen Alternativen auf den Markt

Schon Model S und Model X kamen mit Verspätung. Doch bei seinem ersten halbwegs bezahlbaren Massenmodell hat Musk zu großspurig Ankündigungen gemacht, das Produktionsziel von 5000 Autos pro Woche aber erst in der letzten Woche im Juni erreicht - wie aus einem Tweet von Musk zu entnehmen war. Angepeilt war diese Marke bereits für Ende 2017.

Kein Wunder, dass potenzielle Kunden die Lieferverzögerung ihres Model 3 nicht mehr hinnehmen wollten. Viele der 400.000 registrierten Kunden verlangen angeblich ihre Anzahlung zurück.

Vielleicht auch deshalb, weil etablierte Hersteller zusehends Alternativen in Aussicht stellen: Jaguar ist mit dem iPace schon am Start, der bei uns als Opel Ampera E angebotene Chevrolet Bolt zielt seit einem knappen Jahr auf das Model 3 und Audi, Mercedes und Porsche bringen in den nächsten Monaten Tesla-Konkurrenten wie den e-Tron, den EQ C und den Mission E auf den Markt.

Die Kapitalmärkte reagieren nicht mehr so nachsichtig

"Heute hat Tesla drei Fahrzeugmodelle im Markt und läuft in ähnliche Probleme wie jeder andere Hersteller mit wachsendem Fahrzeug-, Leistungs- und Marktportfolio auch", sagt Berylls-Partner Burgard. So verliere Tesla den Status des besonderen und müsse sich in einem zunehmend elektrifizierten Wettbewerbsumfeld behaupten. "Das Model 3 muss jetzt funktionieren, ansonsten funktioniert es auch mit Elon Musk und seinem Geschäftsmodell nicht", lautet seine Prognose.

Experten wie Henner Lehne sehen deshalb den Tag der Entscheidung näherkommen: "Die Kapitalmärkte reagieren nicht mehr so nachsichtig auf die nicht eingehaltenen Versprechen und Allüren des Unternehmens." Kein anderes Unternehmen im S&P 500-Index habe im Moment höhere Leerverkäufe von Aktien als Tesla, was nichts anderes bedeute, als dass die Investoren auf sinkende Kurse wetten, so Lehne.

Tesla hat nicht nur die Autobranche verändert, sondern auch Elon Musk hat sich gewandelt. Während er mit unveränderter Leidenschaft an seiner Mission arbeitet, die Menschheit auf den Mars zu schicken oder im Hyperloop zu transportieren, einer High-Tech-Röhrenpost für den Personentransport, reagiert er beim Thema Tesla zunehmend gereizt und leistet sich patzige Tweets gegenüber Journalisten, die "selbstgefällige Heuchelei" betrieben und bügelte zuletzt selbst kritische Fragen von Analysten in einer Konferenzschaltung ab, weil er diese zu langweilig fand. Zwar hat er gerade noch mal ein dickes Aktienpaket gekauft, um sein Bekenntnis zur Firma zu untermauern. Zeitgleich kündigte er an, knapp zehn Prozent der aktuell rund 37.000 Mitarbeiter zu entlassen, um endlich die Gewinnschwelle zu überschreiten.

Tesla als begehrte Premiummarke?

Angesichts dieser Situation sehen die Experten Tesla und mehr noch Elon Musk an einem Scheideweg: "Das Risiko, dass er in 15 Jahren nur noch in den Geschichtsbüchern erscheint, ist nicht null", sagt Dudenhöffer. "Aber wenn er die Kurve kratzt und jetzt in sechs Monaten mit dem Model 3 endlich stabile Gewinne schreibt, wird Tesla in 15 Jahren eine begehrte Premiumautomarke sein - auf Augenhöhe mit Mercedes, BMW und Audi."

Ob Musk dann noch selbst an Bord ist, versehen Experten wie Burgard eher mit einem Fragezeichen. Musk habe auf dem Digitalkongress South by Southwest im Frühjahr den Eindruck erweckt, er könne bald die Lust an seinem Start-up verlieren. Lieber sprach er dort über eine Regierungsform für eine mögliche Kolonie auf dem Mars als über die Produktion und den Vertrieb von Elektrofahrzeugen. Gut möglich, dass Musks' irdische Probleme bald andere lösen müssen.



insgesamt 135 Beiträge
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Yorch 03.07.2018
1. Nur schade, dass die anderen Hersteller im Moment auch nicht liefern..
quasi bei allen Herstellern gibt es im Moment Wartezeiten von einem Jahr für ein neues, heute bestellbares Elektroauto. Es werden anscheinend nur 100 pro Woche produziert. Aber gut, es hat ja auch niemend mehr versprochen.
dr.eldontyrell 03.07.2018
2. "Konkurrenz"
Dass ich nicht lache! Ich demontiere mal grade die angeblichen Konkurrenten: Jaguar iPace: Preis ab knapp 79kEU zu haben, ein Schnapper! Opel Ampera: Ab 43kEU zu haben, kein Schönheit, Lieferzeiten bis zu 6 Monaten. Der Audi E-Tron ist wie der Benz EQ-C noch in der Prototypen-Phase, Porsche Mission E zählt jetzt nicht wirklich zu den Brot-und-Butter-Autos. Echte Konkurrenten sind eher Nissan, Renault, Lucid, e.go und andere. Die deutschen Dinosaurier sterben grade (bis auf BMW), getroffen vom Meteoriten MUSK-03.
curiosus_ 03.07.2018
3. Herr Grünweg, ein weiterer...
...Tesla-Boy? Alles schön in gut was da so im Artikel steht. Aber Musk, der Erfinder der Elektrmobilität ohne den wir heute noch mit Kutschen unterwegs wären? Wohl kaum, auch ohne ihn würde die Elektromobilität kommen. Gut, vielleicht ein Jahr später.
stefanmargraf 03.07.2018
4. Nicht Musk hat die Autos gebaut,
seine Mitarbeiter waren es. Er hat alles aus den Entwicklern herausgepresst und sie haben alles gegeben. Er hat sie jedoch mit seinen Visionen und dem Geld anderer motiviert.
p-touch 03.07.2018
5. Ich habe gerade
auf einer andern Nachrichtenseite gelesen unter welchen Umständen Telsa die 5000er Marke geknackt hat. Mit einer zustätzlichen Produktionslinie im Zelten und 24/7 Schichten. Das halten die keine zwei Wochen durch, dann sacken die Zahlen wieder unter die 4000er Marke.
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