Schlappe für Tesla US-Verbrauchermagazin rät vom Kauf des Model 3 ab

Das einflussreiche US-Verbrauchermagazin "Consumer Reports" äußert Sicherheitsbedenken beim neuen Model 3 und rät vom Kauf des E-Autos ab. Tesla reagiert beleidigt - und versucht, die Probleme kleinzureden.

Tesla Model 3 auf dem Firmengelände in Kalifornien
DPA

Tesla Model 3 auf dem Firmengelände in Kalifornien


Neuer Rückschlag für den US-Elektroautopionier Tesla: Ein einflussreiches US- Verbrauchermagazin empfiehlt das neue Model 3 nicht zum Kauf. Der Fahrspaß sei groß, aber es gebe auch erhebliche Mängel, berichtete "Consumer Reports"(CR).

Das Magazin, das viele Produkte und jedes Jahr auch in den USA verkaufte Autos testet, nennt als Beispiele, dass der zentrale Touchscreen schwer zu bedienen und der Bremsweg zu lang sei. Bei Tests habe das Tesla-Modell 46 Meter gebraucht, um aus 100 Kilometern pro Stunde zum Stehen zu kommen. Das sei länger als ein Pick-up brauche.

Tesla wies die Vorwürfe zurück, eigene Tests hätten einen Bremsweg von 40,5 Metern ergeben, je nach Bereifung sogar von nur 38,4 Metern. Die Argumente von Tesla sind schwach: Denn selbst ein Bremsweg von mehr als 40 Metern gilt heute für moderne Fahrzeuge dieser Klasse als nicht mehr zeitgemäß.

Die Ergebnisse von CR basierten nicht auf einem einmaligen Test, sondern einer Testreihe, berichtet das Magazin in seinem Bericht. Es wäre auch ein zweites Fahrzeug zum Einsatz gekommen, das ähnlich schlechte Bremswerte erzielte. Auch das US-Automagazin "Car and Driver" habe laut CR das Bremsverhalten des Model 3 kritisiert.

Tesla ist nach Jahren des Wachstums und Erfolgs in schwieriges Fahrwasser gekommen. Mit dem Model 3 will das Unternehmen von Elon Musk den Aufstieg von einem Nischenanbieter zu einem Massenhersteller von Elektroautos schaffen. Der Hype um den ersten Mittelklassewagen war riesig, rasch gingen Hunderttausende Reservierungen ein, die mit je 1000 Dollar angezahlt werden mussten.

Lange Wartezeit für Basismodell des Model 3

Tesla bewirbt das Auto auf seiner Website für 35.000 Dollar - obwohl es in den bislang erhältlichen Versionen erheblich mehr kostet. Bis das Basismodell zum niedrigeren Preis kommt, wird es auch noch dauern. Firmenchef Elon Musk gab am Wochenende zu, dass Tesla mit dem versprochenen Model 3 für 35.000 Dollar bei den aktuellen Produktionsmengen "Geld verlieren und sterben" würde.

Statt guter Nachrichten für Kunden, die auf den Mittelklasse-Tesla warten, pries der Tech-Milliardär bei Twitter eine neue hochgerüstete Premium-Version mit zwei Motoren an, die ab Juli verkauft werden solle. Das schnellere und leistungsstärkere Model 3 hat einen Preis von 78.000 Dollar, allerdings ist der Fahrassistent "Autopilot" nicht im Preis enthalten. "Etwa genauso viel, wie der BMW M3", ergänzte Musk und lieferte damit einen Hinweis auf die Zielgruppe. Bisher lieferte Tesla Varianten aus, die über 50.000 Dollar kosten. Damit ist das Angebot noch weit entfernt vom Rivalen Chevrolet Bolt EV für gut 36.000 Dollar.

Produktion liegt aktuell bei 2900 Stück pro Woche

Musk gestand ein, die Basisversion frühestens drei bis sechs Monate, nachdem die wöchentliche Model-3-Produktion auf 5000 Stück gestiegen sei, an den Start bringen zu können. Kunden mit geringerem Budget müssen sich also gedulden. In der Vergangenheit hatte Musk immer wieder Ankündigungen gemacht und diese nicht gehalten: Eigentlich hatte dieses Fertigungstempo schon Ende 2017 erreicht sein sollen, wurde aber wiederholt verfehlt und wird nun zur Jahresmitte in Aussicht gestellt.

Ob Tesla nun tatsächlich Ende Juni auf 5000 Model 3 pro Woche kommt, bleibt ungewiss. Nach Kalkulation des Finanzdienstes Bloomberg, der anhand der Zulassungszahlen einen "Model 3 Tracker" eingerichtet hat, liegt die Produktion aktuell bei etwa 2900 Stück pro Woche.

Höhere Gewinne mit teureren Versionen

Dass sich Tesla jetzt mit einer aufgemotzten Version des Model 3 wieder an zahlungskräftigere Kunden wendet, mag wirtschaftlich Sinn machen - die Gewinnmargen sind am oberen Ende der Preisspanne höher. Allerdings wird das 2003 gegründete Unternehmen, das noch nie einen Jahresgewinn abgeworfen hat, an der Börse nach Einschätzung von Analysten nur deshalb so hoch gehandelt, weil Anleger Musk zutrauen, mit seinen Elektroautos aus der Luxus-Nische zu kommen. Doch je mehr Zeit vergeht, desto komplizierter wird der Angriff im Massenmarkt. Viele etablierte Hersteller planen mittlerweile auch günstigere Elektroautos. Zudem droht sich das Zeitfenster für die amerikanische E-Auto-Prämie bald zu schließen.

Die 7500 Dollar, die es in den USA als Steueranreiz beim Kauf von Elektroautos gibt, gelten nur für die ersten 200.000 Modelle eines Herstellers. Danach halbiert sich die Prämie alle sechs Monate, bis sie ganz wegfällt. Tesla hat mitgeteilt, die 200.000 E-Autos irgendwann im Jahresverlauf 2018 zu erreichen. Diese Pläne scheinen kaum mehr realisierbar. Für Teslas Finanzen könnte das schwerwiegende Folgen haben.

Gerade Käufer, deren Budget nur für ein Basismodell reicht, könnten von ihren Kaufabsichten zurücktreten, wenn ihnen die staatliche Förderung für das Model 3 durch die Lappen geht. Doch die rund 500.000 Anzahlungen für vorbestellte Model 3 machen einen großen Teil der Geldreserven des US-Unternehmens aus. Wenn Kunden es sich anders überlegen, müssten sie zurückerstattet werden.

ene/dpa/Reuters

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Seite 1
Pixopax 22.05.2018
1. Die Qualität ist laut einem test "entsetzlich"
Zitat: "The build quality of the early Model 3 we tested in late February was, in a word, appalling." Entsetzlich. Ein anderer Tester sagte aus, dass ihm kein Auto aus den letzten 10 Jahren bekannt ist, dass eine derart schlechte Qualität besitzt. Der Touchscreen an sich ist ein Problem, auch weil so etwas in einem Auto einfach nichts zu suchen hat, er lenkt massiv ab. Leider hat Volvo das nun auch, was mich am Kauf hindert. Die Phantasiepreise die Mr. Musk in die Welt setzte sind nicht erreichbar, setzen aber eine Marke, die der Verbraucher jetzt im Kopf hat. Er hat damit viel Schaden angerichtet, und sieht jetzt ziemlich dumm aus, da der echte Preis 50% höher liegt.
frank@franmedia.de 22.05.2018
2. Gerade der Bremsweg
als Problem verwundert dann doch. Schließlich bremst ein E-Auto mit dem E-Motor UND den vermutlich vier Scheibenbremsen. Damit das nicht gut klappt, muss man sich aber schon Mühe geben... Schade. Laut ADAC schafft der BMW i3 das trotz sehr schmaler Reifen in 36 Metern.
Fritz.A.Brause 22.05.2018
3. Egal wie viele Bremsen und...
Zitat von frank@franmedia.deals Problem verwundert dann doch. Schließlich bremst ein E-Auto mit dem E-Motor UND den vermutlich vier Scheibenbremsen. Damit das nicht gut klappt, muss man sich aber schon Mühe geben... Schade. Laut ADAC schafft der BMW i3 das trotz sehr schmaler Reifen in 36 Metern.
...mitbremsende Motoren: Am Ende wird die Kraft über die vier Aufstandsflächen, die Bodenberührung haben, übertragen. Und an denen ändert sich, unabhängig von der Bremse nichts. Meine Vermutug ist: Reifenwahl, Wahl des Bremsbelags, Fahrwerksabstimmung, speziell der Stossdämpfer, Abstimmung des ABS. Tesla sagt, dass das Auto im 40-Meter-Fenster zum Stehen kommt. Ohne jetzt das Produkt hochjubeln zu wollen: Das wäre guter Standard. Wenn man bedenkt auf der Basis welcher Annahmen die Stiftung Warentest zu ihren Testergenissen kommt, zweifle ich einfach mal an der vom Consumer Report durchgeführten Testbremsung.
Freiheit_der_Entscheidung 22.05.2018
4. Unterirdisch
Ich verstehe nicht, wie Tesla nach nun etlichen Jahren Erfahrung im Fahrzeugbau im Jahr 2018 einen Mittelklasse Wagen mit solch miesen Bremsleistungen ausliefern kann. Denkt Tesla das fällt nicht weiter auf in Tests und Vergleichen und das ein schicker Touchscreen schon davon ablenken werde? Dabei ist es eigentlich nebensächlich, ob man nun den Bremswert von Consumer Reports von 46m oder die eigene Angabe von Tesla von 40,5m zu Grund legt. Beide Werte sind erschreckend schlecht. Aktuelle Fahrzeuge großer Hersteller liegen beim 100 - 0 km/h Bremswert bei unter 35m. Ein ganz normaler Golf Variant TDI mit 225er Standard-Bereifung braucht 33,1 m. Das sind Welten uns schlaue Leute können jetzt sicher ausrechnen mit wie viel Restgeschwindigkeit das Tesla Model 3 noch auf das Hindernis trifft während ein wenig aufregender Golf schon steht.
equigen 22.05.2018
5. Katastrophal!
Sehr gute Autos liegen bei 31/32 Meter! Normale um die 35. Ab 39 Meter wird es kritisch. Dass das Ding mit 46 m überhaupt ne Zulassung bekommt ist ein starkes Stück. Was hat sich Tesla dabei gedacht?
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